Zuerst war da ein Lymphknoten im Leistenbereich, der auf die Grösse eines Pingpongballs anschwoll. Dann wurden auch die Lymphknoten in Lisa Schmied (Name geändert) Achselhöhlen immer grösser. Eine Gewebeprobe und weitere Tests brachten schliesslich Klarheit: chronische lymphatische Leukämie. Krebs.

«Ich war schockiert. ‹Warum ich?›, fragte ich mich. Ich sass im Auto und schrie los», erinnert sich Schmied. Als sich auch noch an ihrem Kiefer eine Geschwulst zu formen begann, führte nichts mehr an einer Behandlung vorbei, erinnert sich die heute 56-Jährige. Sie hatte die Wahl: auf eine klassische Chemotherapie zu setzen oder an einer medizinischen Studie teilzunehmen. 

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«Bin ich ein Versuchskaninchen?» ist eine der häufigsten Fragen, die Nathan Cantoni, Schmieds behandelnder Arzt und Leiter Klinische Forschung am Kantonsspital Aarau, gestellt bekommt, wenn er Patientinnen und Patienten eine noch nicht zugelassene Therapie im Rahmen einer Studie als Behandlungsoption vorschlägt. «Manche Patientinnen und Patienten haben ein ganz schlimmes Bild von medizinischen Studien. Sie befürchten, damit den Ärzten und Ärztinnen ausgeliefert zu sein», erzählt Cantoni. 

Strenge Kontrollen

Der Ursprung dieser Schreckensbilder, so vermutet der Hämatologe, sei historisch bedingt. «Man liest ja immer wieder, wie unethisch manche medizinischen Versuche früher verliefen. Das prägt die Sicht der Menschen.» Cantoni versichert aber, dass diese fragwürdigen Praktiken nichts mit den heutigen medizinischen Studien zu tun haben. Im Gegenteil: «Bei der Erforschung einer neuen Therapie wird der Behandlungsprozess noch viel strenger kontrolliert und begleitet, als es bei einer zugelassenen Methode ohnehin schon der Fall ist», erklärt er.

«Für die Patienten, die sich für eine Studienteilnahme entscheiden, ist das erhöhte Risiko unerwünschter Nebenwirkungen vielfach die bessere Option, als gar nichts mehr zu probieren.»

Nathan Cantoni, Leiter Klinische Forschung am Kantonsspital Aarau

Wenn ein neues Medikament erprobt wird, geschieht das zuerst im Labor. Erweist sich die Substanz als wirksam, kann sie an Tieren getestet werden. Während sogenannter Phase-1-Studien wird die neue Therapie dann an nur sehr wenigen Patientinnen und Patienten untersucht. Überdurchschnittlich häufig handelt es sich dabei um Erkrankte, die alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft haben. «In dieser Studienphase besteht ein erhöhtes Risiko unerwünschter Nebenwirkungen. Für die Patienten, die sich für eine solche Studienteilnahme entscheiden, ist dieses Risiko aber vielfach doch die bessere Option, als gar nichts mehr zu probieren», sagt Cantoni. 

Viele Anforderungen

Solche hochexperimentellen Studien dürfen in der Schweiz nur an ausgewählten Zentren – beispielsweise Universitätsspitälern – durchgeführt werden. Selbst da müssen die Heilmittelstudien allerdings zuerst durch Instanzen wie die kantonale Ethikkommission, die Zulassungsbehörde Swissmedic und das Bundesamt für Gesundheit überprüft und bewilligt werden. «Dann erst darf man nach strengen Regularien und unter besonderen Vorsichtsmassnahmen an einzelnen Patientinnen und Patienten testen. Vorher müssen diese aber ausführlich aufgeklärt werden, freiwillig an der Studie teilnehmen wollen und dazu schriftlich ihr Einverständnis geben», erklärt Oberärztin Annette Widmann, Verantwortliche Research Compliance am Universitätsspital Zürich.

Wenn das Medikament in der Phase 1 erfolgreich ist, wird es während der Phase 2 bei einem grösseren Kreis von Erkrankten an verschiedenen Zentren getestet. Während der dritten Studienphase wird dann untersucht, ob die neue Therapiemethode gleich wirksam oder sogar wirksamer ist als die bereits zugelassene Standardtherapie. 

Teil einer Studie zu werden, ist allerdings gar nicht so einfach. «Es müssen alle Anforderungen des bewilligten Prüfplans erfüllt sein. Es gibt meist eine lange Liste von Einschluss- und Ausschlusskriterien», erklärt Annette Widmann weiter. Pharmaunternehmen haben in der Regel besonders strenge Kriterien. So werden etwa ältere Patienten vielfach ausgeschlossen, weil sie mehr als nur eine Erkrankung haben und dadurch das Studienresultat verfälschen könnten.

Auch Menschen mit Infektionskrankheiten wie HIV oder Hepatitis können häufig nicht an Studien teilnehmen. Dasselbe gilt für Schwangere. «Was im ersten Moment einleuchtend klingen mag, ist in der Praxis problematisch. Denn auch diese Gruppen von Menschen erkranken an Krebs. Bei ihnen ist die Wahl der richtigen Behandlungsmethode aufgrund der fehlenden Studienresultate aber sehr viel anspruchsvoller», gibt Nathan Cantoni vom Kantonsspital Aarau zu bedenken. 

Fragen und Ängste

Für Leukämiepatientin Lisa Schmied war schnell klar, dass sie an der medizinischen Studie teilnehmen möchte. «Ich betrachtete die Studie als grosse Chance, da mir in Aussicht gestellt wurde, dass die Behandlung schonender und ärmer an Nebenwirkungen sei als die bereits zugelassene Chemotherapie», so Schmied.

Trotzdem hatte auch die Zugerin mit Ängsten zu kämpfen und stellte sich Fragen wie: Ist eine mildere Chemotherapie gleich wirksam wie eine klassische? Wie lange hält die Besserung an? Wie reagiert der Körper auf die Medikamente? Wie wird sie nach der Chemotherapie aussehen? «Ich hatte zahlreiche Fragen und Ängste. Die hätte ich aber auch vor einer zugelassenen Chemotherapie gehabt. Man weiss ja nie, wie man auf so starke Substanzen reagiert», erklärt Lisa Schmied.

«Ich wollte vom Fortschritt profitieren, aber auch der Medizin zu neuen Erkenntnissen verhelfen.»

Lisa Schmied, Krebspatientin

Während sechs Monaten erhielt die damals 44-Jährige alle vier Wochen eine intravenöse Chemotherapie. Und tatsächlich: Die gefürchteten Nebenwirkungen wie Haarverlust oder Übelkeit blieben aus. Sechs Monate nach Behandlungsbeginn dann die grosse Erleichterung. Eine Heilung von chronischer lymphatischer Leukämie ist zwar nicht möglich, die Krankheit schien aber ausreichend zurückgedrängt. Bis vor drei Jahren. 

Der Krebs war zurück. Dennoch war für Schmied klar, dass sie wieder an einer Studie teilnehmen möchte. Es war die Wirkungsweise der neuen Medikamente, die sie überzeugte. «Normale Chemotherapien töten alle Zellen ab. Diese Medikamente greifen aber gezielt die kranken Zellen an. Das schien mir sinnvoller, da ich ja nicht auch noch meine gesunden Zellen verlieren wollte», sagt Schmied. Dazu musste die Patientin während 34 Monaten täglich sieben Tabletten sowie verschiedene Begleitpräparate einnehmen. «Das war kein Spaziergang. Irgendwann war meine Geduld arg strapaziert», so Schmied. Trotzdem zog sie die Behandlung durch.

Forschung unterstützen

Heute ist Lisa Schmied krebsfrei. «Die Medizin wird immer besser. Von diesem Fortschritt wollte ich einerseits profitieren, anderseits mit meiner Teilnahme aber auch der Medizin zu neuen Erkenntnissen verhelfen», sagt sie. Wichtig seien eine fundierte Recherche, das Vertrauen in die Fachleute sowie ein offener Austausch mit ihnen. Schmieds Arzt, Nathan Cantoni, gibt zudem zu bedenken: «Letztlich waren die entscheidenden und positiven Entwicklungen in der Krebsbehandlung in den letzten Jahrzehnten nur dank der Studienaktivität möglich. Mit der Teilnahme an einer Studie hilft man somit nicht nur sich selbst, sondern der gesamten Gesellschaft.» 

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