Viele fahren im Dunkeln nicht gern Auto. Scheinwerfer blenden, Verkehrsschilder und Passanten verschwimmen. Schnell stellt man sich selbst die Diagnose: nachtblind.

Das Phänomen ist schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Der englische Astronom Nevil Maskelyne berichtet, dass er beim Betrachten der Sterne durch sein Teleskop quasi kurzsichtig wurde. Er korrigierte das mit selbstgemachten Linsen.

Was Maskelyne nicht wusste: Das menschliche Auge scheint im Dunkeln generell zur Kurzsichtigkeit zu tendieren – also Nahes scharf und Entferntes unscharf darzustellen. «Auch Normalsichtige kennen das: Bei wenig Licht sind Kontraste allgemein schlechter, und der Sehvorgang läuft deutlich langsamer ab», sagt Mathias Abegg von der Universitätsklinik für Augenheilkunde am Inselspital Bern.

Denn die Pupillen sind im Dunkeln weiter geöffnet, damit möglichst viel Helligkeit auf die lichtempfindlichen Stäbchen im Auge fällt, die für das Sehen im Dunkeln zuständig sind. «Ausserdem funktioniert im Dunkeln auch der Reflex des Scharfstellens anders, und das Licht hat eine andere Wellenlänge. Deshalb liegt der Brennpunkt mit dem scharfen Bild nicht auf, sondern vor der Netzhaut», sagt Abegg (siehe Illustration am Artikelende).

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Dadurch werden auch Normalsichtige ein bisschen kurzsichtig, sehen also in der Ferne weniger scharf. Und wer bereits am Tag etwas kurzsichtig ist, wird es nachts noch stärker. «Dieser Unterschied kann spürbar werden, weil die Tagesbrille nachts nicht befriedigend korrigiert.»

Am besten gut testen

Die beste Lösung für Betroffene ist eine spezielle Brille, die sie nur für nächtliche Autofahrten tragen. Die nötige Stärke muss die Augenärztin oder der Optiker sehr genau bemessen, weil man nicht überkorrigieren sollte. Denn Betroffene werden durch die Nachtbrille weitsichtig, sobald sich die Sicht durch mehr Helligkeit wieder verbessert.

«Die Messung sollte daher mit modernen Sehtestgeräten passieren», sagt Volkhard Schroth vom Institut für Optometrie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Untersuchungen zeigen, dass die konventionellen Messungen mit einer kleinen Punktlichtquelle oft zu ungenaue Werte bringen für nächtliche Autofahrten. «Besser sind Tests mit schwarzen Sehzeichen, die auf einem dunkelgrauen Hintergrund dargestellt werden.» Diese Tests sind nur mit modernen, elektronischen Sehprüfgeräten und vorzugsweise im abgedunkelten Raum möglich.

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Was heisst nachtblind?

Echte Nachtblindheit ist selten, Ursache ist meist eine vererbte Netzhauterkrankung. Betroffene können im Dunkeln fast gar nichts mehr erkennen. Die Stäbchen reagieren immer weniger auf Licht, was schliesslich zu Einschränkungen des Gesichtsfelds, Tunnelblick und Erblindung führen kann.

Wenn nachts Scheinwerfer blenden, steckt etwas anderes dahinter. «Die sogenannte Blendempfindlichkeit hat mit Nachtkurzsichtigkeit direkt nichts zu tun», sagt Experte Mathias Abegg. Zum einen überreizt das entgegenkommende Licht durch die nachts weit geöffnete Pupille die Sehzellen – man ist mehrere Sekunden lang geblendet, die Sehfähigkeit ist stark eingeschränkt.

«Mit zunehmendem Alter entstehen aber auch ganz natürliche Trübungen in der Linse. Dann kommt es zu diffusem Streulicht», sagt Mathias Abegg. Besonders stark ausgeprägt ist das beim Grauen Star, wo die Linse noch schneller eintrübt und Licht sich wie ein Nebelschleier vor das Auge legt.

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Auch Medikamente, etwa gegen Allergien, Herzrhythmusstörungen, hohen Blutdruck oder Schmerzen, bewirken manchmal trockene Augen, erhöhte Lichtempfindlichkeit, Blendeffekte, verschwommenes Sehen und eine schlechtere Hell-Dunkel-Anpassung.

Das Blenden reduzieren

«Prinzipiell sind Nachtkurzsichtigkeit und Blendempfindlichkeit durch optische Hilfsmittel beeinflussbar», sagt Mathias Abegg. So lässt sich die Nachtkurzsichtigkeit durch eine Minusbrille korrigieren, blendendes Licht mit speziellen Entspiegelungen oder Filtern reduzieren. «Ob eine separate Nachtbrille tatsächlich sinnvoll ist, würde ich aber vorher gründlich mit dem Optiker meines Vertrauens diskutieren. Denn jeder Mensch hat unterschiedliche Bedürfnisse.»

Ausserdem sind solche Brillen recht teuer. Hilfreich ist es daher, den Effekt vorher auszuprobieren oder ein Rückgaberecht zu vereinbaren für den Fall, dass die Brille nicht den erwünschten Effekt bringt.

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Tagsehen vs. Nachtkurzsichtigkeit

Bei Dunkelheit weitet sich die Pupille, um so viel Licht wie möglich einzufangen. Dabei geht Schärfentiefe verloren. Hinzu kommt: Das Zentrum für scharfes Sehen (Fovea centralis) ist ausschliesslich mit Zapfensinneszellen besetzt. Sie sind bei Dunkelheit nicht aktiv.

Infografik: Tagsehen vs. Nachtkurzsichtigkeit
Quelle: Huch/Jürgens [hg.]: «Mensch Körper Krankheit» – Infografik: Andrea Klaiber

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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