Seit ihrem Nahtoderlebnis befasst sich  die 62-jährige Historikerin Magdalen Bless intensiv mit Spiritualität, Mystik und Hirnforschung. Ausserdem fühlt sie eine starke Verbindung zur Natur.

BeobachterNatur: Frau Bless, was haben Sie damals – schwerverletzt, bewusstlos und dem Tode nahe – erlebt?
Magdalen Bless: Ich wurde von einem Sog mitgerissen in einen dunklen Tunnel. Einen Moment später fühlte ich mich frei und leicht, ich schwebte über meinem Körper. Dann ging der berühmte Film vom eigenen ­Leben los: Ich durchschaute alles, mein Leben ergab plötzlich Sinn. Angst und Trauer waren wie weggewischt. Ein unbeschreiblich schönes Licht zog mich an, das Energie und Liebe verströmte. Doch dann fiel ich zurück ins Leben. Die Intensität eines Nahtoderlebnisses lässt sich ­allerdings mit Worten kaum beschreiben.

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BeobachterNatur: Wie erklärt man sich ­solche Erlebnisse?
Bless: Wissenschaftler führten Nahtoderlebnisse zunächst auf falsche Sauerstoff- und Kohlen­dioxid-Konzentrationen im Gehirn zurück. Heute glauben manche, dass körpereigene Drogen verantwortlich sind. Doch auf Glücksgefühle lassen sich Nahtoderlebnisse nicht reduzieren. Ihre Komplexität, Intensität und Dynamik ist nicht vergleichbar mit den euphorischen Gefühlen, die man beim Joggen hat, und ebenso wenig mit den Träumen unter Narkose. Biochemisch lässt sich ein Nahtoderlebnis nicht fassen. Einer der Begründer der Neurochirurgie, der Amerikaner Wilder Penfield, der sich jahrzehntelang mit dieser Frage beschäftigt hatte, kam zum Schluss, dass sich höchstens der Tunneleffekt biochemisch erklären lässt.

BeobachterNatur: Wie lässt sich ein Nahtod­erlebnis denn sonst erklären?
Bless: Das ist eine Frage für die Wissenschaft, nicht für mich (lacht). Es muss jedenfalls noch etwas anderes geben, wenn das Hirn tot ist; eine andere Energiequelle, an die der Geist andockt. In meiner Erfahrung war das jedenfalls so.

BeobachterNatur: Die Frage, wann ein Mensch wirklich tot ist, sorgt immer wieder für Kontroversen. Früher galten Herzstillstand-Patienten als tot, heute spricht man von Hirntod und biologischem Tod.
Bless: Sterben ist ein längerer Prozess. Es dauert drei Tage, bis die letzte Zelle abgestorben ist. Bis dahin spriessen Haare, wachsen Fingernägel. Klar ist: Mit dem letzten Atemzug ist es noch nicht vorbei. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb frisch Verstorbene eine solch ungeheure Ausstrahlung haben. Sie sind in irgendeiner Form noch präsent.

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BeobachterNatur: Glauben Sie daran, dass wir nach dem Tod weiterexistieren?
Bless: Natürlich. Ich glaube auch an die Existenz einer Seele, auch wenn es unterschiedliche Definitionen dafür gibt. Übrigens lebt ein ganzer Wissenschaftszweig, die Psychologie, von dieser Vorstellung.

BeobachterNatur: Nur: Die Existenz einer Seele lässt sich ­wissenschaftlich nicht beweisen.
Bless: Die Seele ist Metaphysik, nicht Physik. Sie lässt sich mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht erfassen, sezieren oder kartographieren. Übrigens können auch die Naturwissenschaften keine absoluten Aussagen machen. ­Alles ist relativ, auch das Newton’sche System. Zwei plus zwei ergibt nur annähernd vier, wie wir dank der Quantenphysik wissen. Die Wissenschaft entwickelt sich ständig; Wissen entspricht immer nur dem momentanen Stand von Wissen respektive Irrtum.

BeobachterNatur: Der Psychiater Manfred Spitzer sagt, dass das Gehirn den Menschen ­ausmache. Folglich dürfte, wenn das ­Gehirn stirbt, nichts mehr übrig bleiben.
Bless: Es gibt, wie gesagt, Neurochirurgen, die gegenteiliger Meinung sind. Für mich ist das Existieren der Seele keine Glaubenssache, sondern eine Überzeugung. Oder wie Shakespeares Hamlet sagt: «Es gibt mehr Dinge ­zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt.»

BeobachterNatur: In unserem materialistischen Weltbild hat etwas so Unfassbares, Immaterielles wie die Seele eigentlich keinen Platz.
Bless: Auch in der Quantenphysik springen kleinste Teilchen zwischen Geist und Materie hin und her; sie sind nicht fassbar, wir bekommen nur Momentaufnahmen geliefert. «Materie ist die Kruste des Geistes», sagte der deutsche Quantenphysiker Hans-Peter Dürr. Das ist nicht weit entfernt von den Ansichten der mittelalterlichen Mystiker, die den «göttlichen Funken» beschrieben, den die Seele in sich trägt. 

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BeobachterNatur: Der Glaube an eine Seele, ein Jenseits scheint zum Menschsein zu gehören.
Bless: Ja. Schon die frühen Menschen hatten ein Weltbild, das über ihre Existenz hinauswies. Noch bevor sie Feuer oder Schrift kannten, errichteten sie Kultstätten, die auf die Vorstellung einer unsterblichen Seele hindeuten.

BeobachterNatur: Wie stellen Sie, die Sie schon mit einem Bein «drüben» standen, sich das Jenseits vor?
Bless: Der Auftakt war wunderschön, erfüllt von Licht, Liebe und Erkenntnis. Wieso sollte es nach einer solch ­fulminanten Ouvertüre nicht im gleichen Stil weitergehen?