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Narkose«Viele fürchten sich vor dem Kontrollverlust»

Während einer Vollnarkose kann es auch angespannte Situationen geben: Anästhesiepflegerin Michèle Giroud weicht dem Patienten bei der ganzen Operation nicht von der Seite.

Anästhesiefachfrau Michèle Giroud erklärt, was passiert, wenn wir operiert werden – und warum sie am liebsten Kinder betäubt.

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aktualisiert am 14. Februar 2019

Chirurgen sind die Stars der Medizin, nicht nur im Fernsehen. Doch damit sie erfolgreich operieren können, müssen die Patienten betäubt sein. Das erledigen Experten, um die es viel ruhiger bleibt: Anästhesiefachleute.

Die Anästhesie ist ein vergleichsweise junges Gebiet der Medizin. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde praktisch ohne Betäubung operiert. Viele Patienten starben am Schmerzschock. Ruhm erlangten Chirurgen deshalb mit Schnelligkeit. Um ein Bein abzutrennen, brauchte ein Arzt gerade mal 30 Sekunden.

Am 16. Oktober 1846 hat sich das geändert. Zahnarzt William Thomas Green Morton demonstrierte in einem Spital in Boston, dass sich mit Äther Schmerzempfinden aushebeln lässt. Das machte den Weg frei für die moderne Chirurgie. 

Was genau ist eine Narkose?
Michèle Giroud: Das Wort Narkose benutze ich nicht gern, es bedeutet Bewusstlosigkeit ohne Schmerztherapie. Ich rede lieber von Anästhesie. Es geht darum, mit Medikamenten und Gasen das Schmerzempfinden auszuschalten und den Körper oder einen Teilbereich davon zu betäuben. Umgangssprachlich wird die Allgemeinanästhesie Vollnarkose genannt. Dabei schläft man tief, der Körper wird durch Schlaf-, Schmerz- und Entspannungsmittel lahmgelegt, Bewusstsein Nahtod-Erlebnisse Blick ins Jenseits , Schmerzempfinden und Muskelspannung sind ausgeschaltet. Meist sind die Patienten intubiert – ein Schlauch versorgt sie mit Sauerstoff.

Klingt kompliziert.
Es ist nicht ganz einfach. Aber wir sind ja auch speziell ausgebildet, und als Pflegefachleute bleiben wir die ganze Operation lang beim Patienten und beobachten laufend alle Werte.
 

«Es ist nicht einfach, sein Leben in fremde Hände zu legen.»

Michèle Giroud, Präsidentin der Schweizerischen Interessengemeinschaft für Anästhesiepflege

 

Vollnarkosen machen vielen Angst.
Sie fürchten sich vor dem Kontrollverlust, dem Ausgeliefertsein. Das verstehe ich. Es geht um einen Zustand, den man sonst kaum kennt. Es ist nicht einfach, sein Leben in fremde Hände zu legen. Wenn immer möglich, sind wir deshalb beim Einschlafen und Aufwachen dabei. Das gibt Sicherheit. Nur bei sehr langen Operationen ist das anders.

Manche befürchten, dass sie etwas ausplaudern könnten.
Das passiert nicht. Die Zeit ist viel zu kurz, bis sie einschlafen. Es gibt aber tatsächlich die sogenannte Wahrheitsdroge, die man aus dem Zweiten Weltkrieg kennt. Doch sie wird heute viel niedriger dosiert, man verrät garantiert nichts. Viele Patienten haben auch Angst, dass sie während der Operation aufwachen Narkose Das böse Erwachen . Aber das geschieht nur bei zwei von tausend Anästhesien. Ich habe das noch nie erlebt in 20 Jahren. Andere fürchten, dass sie erbrechen müssen. Oder danach Schmerzen haben werden.

Wie merken Sie, dass jemand Angst hat?
Jeder hat Angst. Wir kennen die Merkmale, zum Beispiel sehr kalte Hände oder Schweissgeruch – man kann Nervosität förmlich riechen. Manche reden wie verrückt, andere verstummen. Puls und Blutdruck sind oft sehr hoch. Das ist ganz normal. Ich erzähle dann jeweils von meiner Angst beim Zahnarzt. Das hilft. Empathie zu zeigen ist sehr wichtig.

Wie informieren Sie die Patienten, was sie bei einer Vollnarkose erwartet?
Am Vortag des Eingriffs bespricht die Anästhesistin mit dem Patienten die Operation und die Form der Anästhesie Narkose Operation läuft, Patient wach . Er wird nach seinem Zustand gefragt, nach Begleiterkrankungen. Das ist wichtig, um das Risiko einzuschätzen, um zu wissen, welche Komplikationen eintreten könnten. Bei einer Lungenerkrankung etwa wird die Beatmung des Patienten komplizierter.

Der Patient muss sein Gewicht angeben. Wird oft geschummelt?
Wir haben da so unsere Tricks. Anhand der Grösse des Patienten schätzen wir sein Normalgewicht. Bei Übergewichtigen darf man nicht das ganze Gewicht nehmen, denn im Fettgewebe werden die Medikamente weniger gut verteilt – sie müssen also niedriger dosiert werden. Alkoholiker Sucht «Bin ich ein Alkoholiker?» , Raucher, Drogenabhängige und Patienten mit chronischen Schmerzen dagegen brauchen eine höhere Dosis. Schmerz ist schwer zu erfassen. Jeder hat ein eigenes Empfinden, erst recht wenn er schläft. Wir beobachten während der gesamten Anästhesie Herzfrequenz und Blutdruck ganz genau. Wenn sie steigen, kann das ein Zeichen für Schmerzen sein, und wir verabreichen Schmerzmittel.

Wie dosiert man bei Kindern?
Sie haben einen schnelleren Stoffwechsel, darum brauchen sie im Verhältnis zum Körpergewicht eine höhere Dosis. Wir müssen präzise berechnen, wie viel sie auf den Milliliter genau brauchen. Bei Erwachsenen kann man auch mal runden. Ich habe gern Kinder als Patienten, sie sind in der Regel angenehm und unkompliziert. Meist haben sie kaum Vorerkrankungen, sie rauchen nicht, trinken nicht, nehmen keine Drogen. Nach der Operation erholen sie sich in der Regel auch schnell. 

Warum muss man nüchtern zur Operation kommen?
Damit der Mageninhalt nicht in die Lunge gerät, wegen der Erstickungsgefahr. Vier bis sechs Stunden vor der Operation darf nichts mehr gegessen oder getrunken werden.
 

«Es gibt oft angespannte Situationen im Operationssaal, dann kann das Klima rau sein.»

Michèle Giroud, Präsidentin der Schweizerischen Interessengemeinschaft für Anästhesiepflege

 

Den ganzen Tag im Operationssaal zu stehen ist sicher anstrengend.
Im Operationssaal ist es kühl, 18 bis 20 Grad, die Lüftung läuft ununterbrochen. Alle tragen wärmende Spezialkleider. Auch die Patienten erhalten Wärmedecken oder liegen auf Wärmematten. Nach den langen Schichten schmerzen die Beine. Die grösste Herausforderung ist es, nicht zu ermüden. Es gibt oft angespannte Situationen im Operationssaal, dann kann das Klima rau sein. Man trägt eine grosse Verantwortung. 

Warum haben Sie sich auf Anästhesie bei Herzoperationen spezialisiert?
Es ist faszinierend, wenn der Brustkorb geöffnet wird und man das Herz schlagen sieht. Es wird ruhig gestellt für die Operation und danach wieder in Gang gesetzt. Es kann aber auch belastend sein, etwa wenn Babys am Herzen operiert werden. 

Was passiert, wenn der Patient schläft?
Die Medikamente lähmen das Atmungszentrum, und der Patient wird künstlich beatmet. Der Puls sinkt, ebenso der Blutdruck. Weil der Lidreflex fehlt, werden die Augen eingesalbt und zugeklebt, damit sie nicht austrocknen.

Wie erlebt man diesen Zustand?
Ich weiss es nicht. Manche träumen, manche nicht. Beim Einschlafen sagen wir manchmal: «Denken Sie an etwas Schönes, an die letzten Ferien.» Das klappt gelegentlich, erzählen uns die Patienten danach. Manchmal fallen sie auch in ein schwarzes Loch.
 

«Die Anästhesiepflege ist ein Wechselbad zwischen hochakuten Phasen und Routine.»

Michèle Giroud, Präsidentin der Schweizerischen Interessengemeinschaft für Anästhesiepflege

 

Was machen Sie, während der Patient schläft?
Wir überwachen die Anästhesie und justieren nach. Wenn sie oberflächlich wirkt, pressen die Patienten gegen den Tubus, schwitzen, die Pupillen sind gross, oder es kommt zu Tränenfluss. Manchmal gibt es schmerzhaftere Operationsphasen, wenn etwa der Brustkorb geöffnet wird. Dann müssen wir auf Anweisung der Anästhesistin mehr Schmerzmittel geben. Wir stehen unter Hochspannung. Die Anästhesiepflege ist ein Wechselbad zwischen hochakuten Phasen und Routine.

Ein bekanntes Medikament ist Propofol. Popstar Michael Jackson starb an einer Überdosis. Wird es weiter verwendet?
Ja, Propofol ist ein weitverbreitetes Schlafmittel, es wirkt euphorisierend. Es ist gut steuerbar und hat wenig Nebenwirkungen. Man kann damit die Patienten gut landen lassen – sie also sehr gezielt und termingenau aufwachen lassen. Jackson ist nicht beatmet worden. Propofol vermindert die Atmung, bei ihm könnte ein tödlicher Fehler passiert sein.

Viele in der Anästhesie verwendete Mittel sind auf dem Schwarzmarkt begehrt. Ein Problem?
Die Medikamente sind gut gesichert und immer eingeschlossen. Wir müssen jede Ampulle aufschreiben, die wir rausnehmen, dazu den Namen des Patienten. Es wird genau kontrolliert. Missbrauch passiert dennoch und ist in allen Spitälern ein Thema. Wenn ein Zugang da ist, ist die Versuchung wohl grösser.

Wie lassen Sie einen Patienten aufwachen?
Man kann die Medikamentenabgabe sorgfältig reduzieren und ihn gezielt aufwachen lassen. Manchmal verlängert man, damit ein Gips in Ruhe angepasst werden kann oder weil der Patient etwas Erholung braucht. Beim Aufwachen gibt es manchmal lustige Sachen, wenn etwa Patienten fragen: «Was, schon fertig? Ich habe gar nichts gemerkt.» Das sind schöne Momente, dann haben wir unsere Arbeit gut gemacht.

Wie ist das Verhältnis zu den Chirurgen?
Anästhesiefachleute erbringen eine Dienstleistung für Patienten und Chirurgen. Es stimmt schon, dass wir etwas im Schatten der Chirurgen stehen. Aber ohne das Team im Hintergrund könnten sie nicht brillieren. Ohne die Anästhesie erst recht nicht.

So läuft eine Anästhesie ab

Bei einer Allgemeinanästhesie – der «Vollnarkose» – befindet sich der Patient oder die Patientin in einem schlafähnlichen Zustand. Bewusstsein und Schmerzempfinden sind durch Medikamente ausgeschaltet. 

1. Vorbereitung der Narkose

Vorbereitung der Narkose
Vor dem Einschlafen wird üblicherweise über eine Maske mit Reservoir oder über einen Beatmungsbeutel Sauerstoff verabreicht, um den Sauerstoffgehalt im Körper zu erhöhen.
Quelle: Berner Bildungszentrum Pflege/Michèle Giroud – Infografik: Andrea Klaiber

2. Einleitung der Narkose

Die Narkosemedikamente werden über einen Venenkatheter injiziert.
Dem Patienten werden über einen Venenkatheter Medikamente (Schmerz-, Schlaf- und Entspannungsmittel) verabreicht.
Quelle: Berner Bildungszentrum Pflege/Michèle Giroud – Infografik: Andrea Klaiber

3. Intubation

Der Patient wird während der Narkose intubiert.
Ein Schlauch (Tubus) wird zur Beatmung in die Luftröhre eingeführt. So wird der Patient während der ganzen Operation mit Sauerstoff versorgt.
Quelle: Berner Bildungszentrum Pflege/Michèle Giroud – Infografik: Andrea Klaiber

4. Schlafphase während der Narkose

Die Schlafphase während der Narkose
Eine Anästhesiefachkraft überwacht und steuert die Anästhesie während der gesamten Operation und interveniert bei Bedarf.
Quelle: ZVG

zur Person

Anästhesiepflegefachfrau Michèle Giroud
Michèle Giroud, 48, stammt aus dem Berner Jura. Sie arbeitete fast 20 Jahre lang als Anästhesiepflegefachfrau am Inselspital in Bern, unter anderem als Teamleiterin Pflege des Herzanästhesie-Teams. Heute ist sie Berufsschullehrerin für Anästhesiepflege am Berner Bildungszentrum Pflege. Seit 2017 ist sie Präsidentin der Schweizerischen Interessengemeinschaft für Anästhesiepflege (SIGA/FSIA).
Quelle: ZVG

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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