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Prostata«Vorsorge rettet Leben»

Fachleute streiten um die Früherkennung von Prostatakrebs. Franz Recker erklärt, warum eine frühe Diagnose wichtig ist – auch wenn nicht jeder Tumor operiert werden muss.

Beim Prostata-Krebs ist eine rechtzeitige Diagnose wichtig.
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Beobachter: Der sogenannte PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs ist sehr umstritten. Sie empfehlen ihn trotzdem. Warum?
Franz Recker: Der PSA-Wert ist auf lange Sicht der beste Vorsorgeparameter für Prostatakrebs. Mittlerweile ist eindeutig erwiesen: Sehr niedrige PSA-Werte schliessen einen relevanten Tumor aus, bei erhöhten Werten ist hingegen achtzugeben.

Beobachter: Das Swiss Medical Board (SMB) empfiehlt, dass Männer ohne familiäres Prostatakrebsrisiko auf den PSA-Test verzichten sollen. Falsch?
Recker: Ja. Das SMB beruft sich in seiner Empfehlung von 2011 vor allem auf eine grosse amerikanische Studie, das PLCO-Trial. Kürzlich stellte sich heraus, dass deren Daten völlig unzulänglich sind: Neun von zehn Probanden der Kontrollgruppe hatten ebenfalls mindestens einen PSA-Test, obwohl in dieser Gruppe untersucht werden sollte, was ohne Screening passiert. Das heisst: Die einzige Studie, die den Nutzen der Vorsorge glaubwürdig belegen kann, ist die europäische multinationale ERSPC-Studie, an der unser Spital – als einziges in der Schweiz – mit 10'000 Männern aus dem Aargau beteiligt ist. Die Resultate zeigen: Prostata-Vorsorge rettet Leben.

Beobachter: Auch Organisationen in anderen Ländern wie die U.S. Preventive Services Task Force kommen zum Schluss, dass der Nutzen der Früherkennung nicht belegt sei.
Recker: Diese Organisationen haben die Tiefe der Datenqualität nicht erkannt, ihre Vertreter sind Epidemiologen und Statistiker, aber keine Fachpersonen. Die U.S. Preventive Services Task Force etwa hat 2012 vom PSA-Screening abgeraten – seither leiden amerikanische Männer wieder vermehrt unter metastasierenden Prostatatumoren. Die europäischen Ergebnisse belegen jedoch eindeutig, dass dank Früherkennung über 13 Jahre gesehen bis zu 50 Prozent weniger Männer an Prostatakrebs sterben.

«Bei der Diagnose braucht es ein Feintuning. Denn nicht jeder entdeckte Tumor muss behandelt werden.»

Franz Recker, Chefarzt

Beobachter: Zum Preis von Überdiagnosen und Überbehandlung? Viele Männer leiden nach der Prostata-OP an Inkontinenz und Impotenz, dabei hatten sie einen «Krebs», der ihnen möglicherweise nie Probleme bereitet hätte.
Recker: Deswegen braucht es bei der Diagnose ein Feintuning. Denn nicht jeder entdeckte Tumor muss behandelt werden. Wir haben in unserer Klinik einen Risikokalkulator entwickelt, den sogenannten Prostate-Check, den man sich als App auf sein Handy laden kann. Der PSA-Wert ist die Grundlage des Checks, doch es werden weitere Parameter einbezogen – Alter, familiäres Risiko, der Tastbefund der Prostata und mehr. Damit kann der Hausarzt bei erhöhtem PSA-Wert feststellen, ob bei einem Patienten eine Gewebeprobe angezeigt ist.

Beobachter: Und so lassen sich unnötige Abklärungen verhindern?
Recker: Ja. Wenn der Prostate-Check ein individuelles Risiko von unter elf Prozent angibt, erübrigt sich eine weitere Abklärung. Bei niedrigen PSA-Werten können Sie die Kontrollintervalle um Jahre verlängern.

Beobachter: Was geschieht bei einem Befund, der weiter abgeklärt werden muss?
Recker: Es wird nicht sofort eine Biopsie gemacht, sondern man geht erst ins MRI. Das Ziel sind gezieltere Gewebeproben. Im MR-Tomogramm können Sie verdächtige und hochverdächtige Regionen gut erkennen. Von solchen Herden werden dann insbesondere Proben genommen.

Beobachter: MRI ist ein sehr kostspieliges bildgebendes Verfahren.
Recker: Je öfter es gemacht wird, desto günstiger wird es. Und im Vergleich zur Brustkrebsvorsorge mit Mammografie ist die Prostata-Vorsorge immer noch günstiger, denn der vorgelagerte PSA-Test kostet sehr wenig.

«Inkontinenz nach der Operation ist in unseren Spitälern ein marginales Thema.»

Franz Recker, Chefarzt

Beobachter: Nach der Biopsie: Können Sie zwischen langsam wachsenden und aggressiven Krebszellen unterscheiden?
Recker: Ja, das machen wir. Es gibt den Gleason-Score, eine Einteilung von 6 bis 10, um Tumorzellen feingeweblich zu beurteilen. Auch genetische Faktoren berücksichtigen wir, um besser einzuschätzen, wie sich ein Tumor entwickelt. Für die Männer heisst das: Bei einem Gleason-Score von 6 und einem niedrigen PSA-Wert braucht es erst mal gar keine Therapie. Hier reicht eine jährliche Kontrolle mit MRI.

Beobachter: Und was geschieht, wenn Sie einen behandlungsbedürftigen
Tumor finden?
Recker: Dann gilt es, so frühzeitig wie möglich zu operieren – so können auch die Potenznervenfasern geschont werden. Inkontinenz ist bei der Qualität, die in Schweizer Spitälern geboten wird, ein absolut marginales Thema. Wichtig ist, das günstige Behandlungsfenster nicht zu verpassen. Deshalb sollte sich der gesundheitsbewusste Mann über das Thema Vorsorge ab dem 50. Altersjahr informieren.

Zur Person

Franz Recker ist Professor für Urologie und Chefarzt der Urologischen Klinik des Kantonsspitals Aarau. Recker hat eine Stiftung für Prostataforschung gegründet und ist selbst von Prostatakrebs betroffen gewesen.

Veröffentlicht am 08. November 2016