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SchlaftablettenDie Pille davor

Mehr Frauen als Männer greifen zu Einschlafmitteln.
Schlaf- und Beruhigungsmittel: Frauen schlucken sie öfter als Männer. Und Ältere ab 65 häufiger als Jüngere. Bild: Thinkstock Kollektion

Rund 185'000 Menschen in der Schweiz schlucken Schlaftabletten – und das fast jeden Tag. Dabei ­warnen Fachleute vor dem hohen Suchtpotenzial.

von Vera Sohmer

Wer sich nächtens schlaflos hin- und herwälzt, der sehnt sich in schierer Verzweiflung nach ­einer effektiven Lösung – und die kommt oft in Tablettenform. 9,7 Prozent der ­Einwohner in der Schweiz haben im vergangenen Jahr zu Schlaf- oder Beruhigungsmitteln gegriffen. Das geht aus dem jüngsten Sucht­monitoring hervor. Die ­Befragung zeigt darüber hinaus: Frauen tun es öfter als Männer. Und Ältere ab 65 Jahren häufiger als Jüngere.

Was Fachleute aufhorchen lässt: Mehr als 40 Prozent der Schlafmittelkonsumenten gaben an, Wirkstoffe einzunehmen, die ein hohes Abhängigkeitspotenzial ­haben. Benzo­diazepine oder ähnliche Substanzen ­gehören dazu. Sie finden sich in vielen ­rezeptpflichtigen Schlaf- und ­Beruhigungsmitteln. Wie viele Schweizerinnen und Schweizer abhängig sind, lässt sich nur schätzen. Das Suchtmonitoring geht davon aus, dass bei rund 115'000 Frauen und 68'000 Männern die Situation problematisch ist. Sie schlucken die Substanzen seit mehr als einem Jahr, und dies fast ­jeden Tag.

Hier liege eine grosse Gefahr, sagt ­Katrin Liebisch, Fachärztin für Psychiatrie am Arud-Zentrum für Suchtmedizin im zürcherischen Horgen. Denn bei längerem Gebrauch kann ein Gewöhnungs­effekt eintreten. Betroffene finden ohne das Medikament keinen Schlaf mehr oder merken, dass die Wirkung des Medikaments nachlässt. Sie erhöhen die Dosis auf eigene Faust, um wieder den ursprünglichen Effekt zu erzielen.

Abhängigkeit wird spät bemerkt

Der Übergang vom Missbrauch zur Sucht verläuft fliessend. Dass sie abhängig sind, merken die Patienten spätestens dann, wenn sie die Schlaftabletten einmal weglassen – oder der Vorrat aufgebraucht und kein Nachschub im Haus ist. Die Entzugssymptome können heftig ausfallen und reichen von Zittern und starkem Schwitzen bis zu Angstzuständen und psychomotorischer Unruhe.

«Das Gefühl, ohne das Medikament die ganze Nacht kein Auge zugemacht zu haben, kann Ausdruck der Abhängigkeit sein», erklärt Anne Keller, Chefärztin der Forel-Klinik in Ellikon an der Thur, wo man Alkohol-, Medikamenten- und Tabak­abhängige behandelt. Tückischerweise werde dies aber oft mit den Anzeichen der Schlafstörung verwechselt. Und schon greife man wieder zur Einschlafhilfe.

Die dringende Empfehlung der Fachleute lautet deshalb: Schlafstörungen ­immer gründlich abklären lassen. Also ­zunächst mit seinem Hausarzt den Ur­sachen auf den Grund gehen und gemeinsam ausloten, wie die beste Behandlung aussieht. Immer sollten zuerst Massnahmen zur Schlafhygiene überprüft werden. Manchmal kann ein pflanzliches Präparat helfen. Hat es ein Patient damit schon vergeblich versucht, kann ein benzodiazepinhaltiges Medikament durchaus sinnvoll sein, um fürs Erste den Teufelskreis der Schlaflosigkeit zu durchbrechen. «Aber nur für kurze Zeit, in der vorgeschriebenen Dosis und eingebettet in ein Setting, bei dem der Verlauf kontrolliert werden kann», mahnt die Ärztin Katrin Liebisch.

Jede Pille beeinträchtigt den Schlaf

Wenn jemand über eine längere Zeit­spanne hinweg Hilfe benötigt, setzen ­Ärzte heute vermehrt alternative Substanzen ein. Die Gruppe der sedierenden ­Antidepressiva gehört dazu. Ein grosser Vorteil ist, dass diese Medikamente nicht abhängig machen.

Doch die Betroffenen sollten sich keiner Illusion hingeben. Tatsächlich kann die Wirkung von synthetischen Schlafmitteln verblüffend sein. Endlich wieder besser einschlafen und nachts nicht mehr ständig aufwachen! Die Medikamente verbessern aber nicht die Schlafqualität. Im Gegenteil: Sie greifen empfindlich in den natürlichen Verlauf ein und unterdrücken unter anderem die Tiefschlafanteile und die Traumphasen. Beide aber sind wichtig, um sich am Morgen erholt zu fühlen und gesund zu bleiben.

Eine Pille, die den natürlichen Schlaf nicht beeinträchtigt, ist trotz intensiver Forschung bislang ein Wunschtraum.

Träumen ohne Medikamente

Es ist ratsam, sich erst mit einfachen Mitteln zu behelfen, um den ersehnten Schlaf zu finden:

 

  • Versuchen Sie, möglichst regelmässig einzuschlafen und aufzustehen. Schlafen Sie auch an Wochenenden nicht mehr als eine Stunde länger als gewohnt.
     
  • Achten Sie darauf, dass der Schlafraum dunkel und ruhig ist. Lüften Sie regelmässig.
     
  • Entspannen Sie sich vor dem Schlafengehen, zum Beispiel mit einem Buch, einem gemütlichen Spaziergang oder einem warmen Bad.
     
  • Erlernen Sie Entspannungstechniken wie autogenes Training, Hypnose oder Meditation.
     
  • Verzichten Sie abends auf Kaffee, Tee, Nikotin, Alkohol oder Energiedrinks. Alkohol wirkt zwar einschläfernd, stört aber das Durchschlafen.
     
  • Trinken Sie ab 16 Uhr nicht mehr so viel. Zu viel Flüssigkeit am Abend wirkt harntreibend und zwingt Sie nachts zum Aufstehen. Nehmen Sie abends nur leichte und kleine Mahlzeiten ein.
     
  • Benutzen Sie Ihr Bett nur zum Schlafen und für Sex. Fernseher, Radio, Computer und Telefon haben im Schlafzimmer nichts verloren.
     
  • Aufwühlende Beziehungsdiskussionen gehören an den Küchen- oder Stubentisch, nicht ins Schlafzimmer.
     
  • Stehen Sie lieber auf und lesen Sie, als dass Sie sich stundenlang im Bett herumwälzen. Durchbrechen Sie den Terror der eigenen Erwartung mit paradoxen Aussagen («Ich will gar nicht schlafen»).
     
  • Zelebrieren Sie Schlafrituale, zum Beispiel jeden Abend eine halbe Stunde (nicht länger) im Bett lesen. Oder gönnen Sie sich vor dem Schlafengehen ein Glas Milch und eines Ihrer Lieblingsguetsli. Oder lassen Sie rituell die Sorgen an der Schlafzimmertür zurück. Schreiben Sie zum Beispiel nieder, was Sie beschäftigt, und vertagen Sie die Lösung der Probleme auf morgen.
     
  • Wenn Sie spät nach Hause kommen, nehmen Sie sich vor dem Schlafen eine Stunde Zeit, um zur Ruhe zu kommen.
     
  • Tragen Sie Bettsocken: Eine Untersuchung der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel hat ergeben, dass Testschläfer mit warmen Füssen im Schnitt nach zehn Minuten einschliefen, während solche mit kalten Füssen noch 23 Minuten wach lagen.
Veröffentlicht am 2015 M10 26

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2 Kommentare

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Helen Itschner
Einschlafschwierigkeiten, das kenne ich. Aber überall diese blöden Sätze wie Schlafhygiene, nachts aufstehen und andere RatSchläge. Was bei anderen nützt, bringt mir nichts. Nachts aufstehen und tagsüber kein Auge schliessen, kein Nickerchen. Mit Schlaf im Körper darf ich mich durch den Tag zwängen, um Nachts nicht schlafen zu können. Für Epileptiker reichen 6 Std. Schlaf. Werde ich unruhig, hässig und aggressiv werden meine Anfälle gefördert. Macht nichts. Das Hirn geht kapput. Ist nicht so schlimm. Man kann Epimittel hineinfuttern. Die Nebenwirkungen steigen. Macht nichts. Ich muss mir wegen der Schlafhygiene während des Tages nun sagen: Du darfst nicht schlafen. Das Unterbewusstsein lernt nun: Du darfst nicht schlafen. Fortsetzung folgt - mit Machtlosigkeit und Verzweiflung.
Peter Stich
Ich finde diese stets stereotyp wiederholten Warnungen vor Benzos und Schlafmitteln sowas von lächerlich, denn entscheidend ist lediglich bei deren Einnahme, ob sie starke Nebenwirkungen haben oder nicht. Und eben : Nein, haben sie selten bis nie - ausser natürlich den Gewöhnungseffekt und "der Suchtgefahr". Nur finde ich dieses letztere Argument sowas von doof, denn solange diese Medis problemlos zur Verfügung stehen, auch willig verschrieben werden - so what?! Entscheidend ist für den Nutzer, dass er SO schlafen kann, denn langfristiger Schlafentzug würde sich gesundheitlich viel magistraler auswirken. Lasst uns demnach mit dieser ineffizienten Warnungen vermehrt in Ruhe !