Eine Pille schlucken, in einen natürlichen, erholsamen Schlaf abtauchen, am Morgen frisch und leistungsfähig aufwachen – und dabei nicht süchtig werden. Dieser Traum der Schlaflosen bleibt Wunschdenken, trotz intensiver Forschung. Zwar gibt es verschiedene synthetische Schlafmittel, die den Schlaf zumindest kurzfristig verbessern, doch sie unterdrücken lediglich die Symptome.

Dennoch greifen immer mehr Menschen zur Schlafpille. Gemäss einer Studie der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) konsumieren rund vier Prozent der Bevölkerung länger als einen Monat regelmässig Schlafmittel. 167'000 Schweizerinnen und Schweizer schlucken Schlafmittel sogar mehr als ein Jahr lang.

Bei den verwendeten Medikamenten handelt es sich fast ausschliesslich um solche aus der Gruppe der Benzodiazepine oder um benzodiazepinähnliche Präparate. Dazu gehören beispielsweise die Medikamente Dormicum, Seresta, Temesta, Rohypnol, Dalmadorm und Halcion.

Benzodiazepine sind in erster Linie Beruhigungsmittel, wirken aber auch schlaffördernd. Das Risiko einer Vergiftung ist bei diesen Medikamenten selbst bei zu hoher Dosis gering, und sie machen auch nur bedingt abhängig. Benzodiazepine sind aber gefährlich, wenn sie zusammen mit Alkohol oder Psychopharmaka eingenommen werden.

Teilweise werden auch Antihistaminika wie etwa Benocten oder Detensor als Schlafmittel verwendet. Für Schlafapnoekranke sind Antihistaminika jedoch sehr gefährlich. Und auch Personen, die schnarchen, sollten die Finger davon lassen: Die Symptome könnten sich verstärken.

Viele schlucken auch Melatonin, das eine leicht beruhigende Wirkung hat. In der Schweiz ist Melatonin jedoch nicht frei erhältlich. Ärzte empfehlen es nur bei Schlafrhythmusstörungen.

Überdosis Schlafmittel führt zu Vergiftungen

Die ältesten, aber nicht empfehlenswerten Schlafmittel sind Choralhydrate wie zum Beispiel Chloraldurat. Inzwischen sind die Choralhydrate mehrheitlich von anderen Substanzen abgelöst worden. Auch Barbiturate wie Luminal oder Bellergal spielen heute kaum eine Rolle mehr: Sie machen süchtig, ihre Wirkung lässt schnell nach, und Überdosen führen rasch zu Vergiftungen.

Synthetische Schlafmittel haben einen Einfluss auf den Schlafablauf. Labortests zeigen, dass sich sowohl Schlafstadien wie Hirnströme verändern. Barbiturate verringern vor allem den REM-Schlaf-Anteil, und Benzodiazepine verkürzen den Tiefschlaf.

Anzeige

Bei Benzodiazepinen kann es auch zu paradoxen Reaktionen kommen: Der Patient ist erregt, verwirrt und weiss nicht, was er tut. Baut sich das Mittel nur langsam ab, hält die Müdigkeit auch noch am nächsten Tag an. Die Betroffenen können sich nicht konzentrieren und reagieren langsamer. Teilweise sind die Hirnströme sogar in der folgenden Nacht noch verändert.

Vorsicht vor Tablettenmissbrauch

Experten stufen die Gefahr der körperlichen Abhängigkeit von heute gebräuchlichen Schlafmitteln als gering ein. «Erst wurde das Abhängigkeitspotenzial unter-, dann überschätzt», sagt Alexander Borbely vom Pharmakologischen Institut der Universität Zürich. «Es gibt zwar Patienten mit einer Tendenz zur Abhängigkeit. Doch diese neigen auch zum Missbrauch anderer Drogen.»

Die meisten Personen sind jedoch nicht gefährdet, wenn sie die Medikamente vernünftig einnehmen. Vernünftig heisst: befristet und in niedriger Dosis.

Ein Problem ist allerdings die Gewöhnung. Die Wirkung von Schlafmitteln nimmt nach einiger Zeit ab. Bei den Benzodiazepinen tritt der Gewöhnungseffekt nach etwa vier Wochen ein, bei den meisten anderen früher. Das verführt viele, die Dosis zu erhöhen.

Ein weiteres Problem ist die psychische Abhängigkeit. «Zu mir kamen Neupatienten, die sich so sehr an ein Medikament gewöhnt hatten, dass sie glaubten, ohne es nicht mehr schlafen zu können», sagt ein Berner Arzt.

Kritisch wird es auch beim Absetzen eines Medikaments. Gewöhnlich ist der Schlaf dann für ein paar Nächte schlechter als vor der Einnahme des Mittels. Dies führt dazu, dass viele Leute wieder zur Tablette greifen. Bei Abhängigen ist ein Entzug unter ärztlicher Aufsicht oder in einer Schlafklinik nötig.

Anzeige

Ärzte raten, Schlafmittel nur dann einzusetzen, wenn die Ursache der Schlaflosigkeit nicht behoben werden kann – oder allenfalls begleitend zu einer Therapie. Auf jeden Fall sollten Schlafmittel höchstens drei Wochen lang eingenommen und dann schrittweise abgesetzt werden.

Vor dem Griff zu synthetischen Schlafmitteln empfiehlt es sich auf jeden Fall, pflanzliche Mittel auszuprobieren. Sie stören den Schlaf nicht und machen körperlich nicht abhängig. Auch der gefürchtete Hangover am nächsten Morgen fällt weg. Nicht auszuschliessen ist allerdings auch hier eine psychische Abhängigkeit.

Bei Schlafproblemen hilft auch sanfte Medizin

Von allen pflanzlichen Schlafmitteln am besten erforscht ist der Baldrian. Dessen Wurzelextrakt wirkt sehr gut bei Ein- und Durchschlafstörungen. In vielen Fällen stellt sich der natürliche Schlafrhythmus nach ein paar Wochen wieder ein, und das Mittel kann problemlos wieder abgesetzt werden. Vorsicht geboten ist jedoch bei mexikanischem und indischem Baldrian. Dieser kann zellverändernd wirken. Auch während Schwangerschaft und Stillzeit sollten gewisse Baldrianpräparate nicht eingenommen werden.

Auch Melisse, Passionsblume und Hopfen gelten in der Komplementärmedizin als schlaffördernd und beruhigend. Laut einer Studie sind auch Kombinationspräparate aus Baldrianwurzel und Hopfenzapfen wirksam. Ist die Schlaflosigkeit mit Angstzuständen verbunden, kann Kava-Kava, eine Pflanze aus der Südsee, Linderung verschaffen.

Entspannung wirkt oft Wunder

Bei stressbedingter Schlaflosigkeit wirken entspannende Tätigkeiten oft Wunder. Hilfreich ist ausgiebige Bewegung am Tag. Viele Ärzte empfehlen auch Entspannungstherapien wie etwa autogenes Training, Muskelentspannung nach Jacobson, Meditation oder Atemübungen. Diese Techniken sind in Kursen lernbar. Doch Geduld ist gefragt: Der Erfolg stellt sich erst nach einer gewissen Zeit ein – nach regelmässigem Üben.

Anzeige

Oft ist es nur mit fachlicher Hilfe möglich, den Problemen auf den Grund zu gehen. Generell gilt: Nicht länger als zwei, drei Wochen selber herumdoktern, sondern möglichst bald zum Hausarzt gehen. Kann auch er die Schlafprobleme nicht lösen, sollte man sich nicht scheuen, psychotherapeutische Hilfe zu suchen.