Kopfweh kennt er lediglich aus seiner Studienzeit, als ihm manchmal der Schädel brummte, wenn er zu tief ins Weinglas geschaut hatte. Das war vor einigen Jahrzehnten. Heute trinkt Christian Meyer, Neurologe und einer der führenden Migränespezialisten der Schweiz, keinen billigen Kopfwehwein mehr.

Er führe keine reine Kopfwehpraxis, sondern behandle auch Krankheiten wie Parkinson, multiple Sklerose oder Epilepsie, betont Meyer zwar. Doch rund ein Drittel der Patienten kommt wegen chronischer Kopfschmerzen zu ihm: Sie leiden an mehr als 15 Tagen pro Monat unter Kopfweh.

Die meisten von ihnen haben einen langen Leidensweg und eine Odyssee durch unzählige Arztpraxen hinter sich, haben sich Quacksalbern anvertraut, erfolglos Medikamente geschluckt und zahllose Therapien ausprobiert. Sie haben sich wohlmeinende, aber nutzlose Ratschläge von Freunden anhören müssen. Sie versuchen, an ihrem Arbeitsplatz stillschweigend mit ihren Attacken fertig zu werden – und sie wehren sich permanent gegen den Verdacht, Simulanten zu sein.

Migräne ist ein so genannter primärer Kopfschmerz, ausgelöst durch eine extreme Überaktivität bestimmter Hirnzellen. Jeder Sechste in der Schweiz ist regelmässig davon betroffen, eine Heilung nicht möglich.

Migränikerinnen und Migräniker können sich weder auf Röntgenbilder noch Laboruntersuchungen berufen, um ihr Leiden glaubhaft zu machen. Die Marter im Kopf bleibt unsichtbar.

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«Etwas vom Wichtigsten für Kopfwehpatienten ist, dass man sie ernst nimmt», sagt Meyer. Er erinnert sich an eine Patientin, die ihm einst sagte: «Ich weiss, dass sie mir nicht helfen können. Aber ich möchte einfach mit jemandem über mein Kopfweh sprechen.»

Arzt muss gut zuhören können

Nicht zuletzt besteht die Kunst des Kopfwehspezialisten im aufmerksamen Zuhören. Denn die Äusserungen eines Patienten sind die einzigen Referenzpunkte, um eine Krankheit wie Migräne zu erfassen. Der Arzt lässt den Patienten selber sein Krankheitsbild und seine Krankheitsgeschichte schildern, um aufgrund dieser Angaben eine Diagnose zu erstellen. Ein solches Vorgehen setzt viel Zeit und ein gutes Arzt-Patient-Verhältnis voraus – keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der durchschnittliche Hausarztkonsultationen zehn Minuten dauern.

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Je differenzierter das Ausdrucksvermögen eines Patienten, desto hilfreicher ist die Behandlung. Wie sprachgewaltig manche Migränikerinnen und Migräniker ihr Schicksal zu beschreiben vermögen, zeigt ein Schreibwettbewerb der Migräneplattform «Aktion nomig – Aktion gegen Kopfschmerzen» (www.nomig.ch).

«Das Ungeheuer, ich stelle es mir als Adler mit drei Beinen vor, mit unordentlicher Federfrisur und dunklen Augen, die stechend blitzen, bevorzugt die linke Seite meines Kopfes», schildert eine Betroffene auf der Website ihre Pein. «Sobald es sich auf meine Schultern geschwungen hat, krallt es sich am Hinterkopf fest und wartet. Mein linkes Auge wird rot. Das linke Nasenloch verstopft. Mir ist schlecht, und ich schlucke Medikamente. Nun bereitet sich das Ungeheuer zum Angriff vor.»

In Christian Meyers Praxis stehen Liegen bereit, die für die Akutbehandlung von Migräneattacken reserviert sind. Patientinnen und Patienten, die die ganze Palette der Höllenqualen durchmachen – von unerträglichen Kopfschmerzen über Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Sehstörungen bis hin zu Lähmungserscheinungen –, können so lange in der Praxis bleiben, bis die Attacke vorbei ist. In dieser Zeit wird ihnen über eine Infusion ein auf sie abgestimmter Medikamentencocktail verabreicht.

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«Der Kampf beginnt», fährt die Betroffene auf www.nomig.ch fort. «Der dreifüssige Adler hebt ein Bein, krallt sich mit einem Fuss an der linken Kopfseite fest, mit dem anderen hinter dem Ohr, und das dritte Bein bleibt am Hinterkopf festgehakt. Nun beginnt er, mit dem Schnabel den linken Oberkopf aufzureissen. Kaum ist die Schädeldecke frei, krallen sich zwei seiner Füsse ins nackte Hirn. Ich lasse mich fallen und lande im Meer des Schmerzes. Ich denke nicht mehr. Ich bin nicht mehr.»

Christian Meyer kennt solche Horrortrips aus dem eigenen Alltag: Seine Frau leidet schon seit dem Kindergartenalter an Migräne und steht jeden Monat mehrere Attacken durch. Manche Migräniker leben in ständiger Angst vor dem nächsten Anfall und sind dadurch in vielen Bereichen des Lebens eingeschränkt.

Kopfwehmittel helfen nicht immer und sorgen oft sogar für zusätzliches Kopfweh. Eine neue Medikamentengeneration ist seit gut zehn Jahren auf dem Markt und verschafft zumindest bei der Akutbehandlung Linderung. Doch Migräneattacken können nicht verhindert werden, das Blitzgewitter der Nervenzellen im Hirn lässt sich nie endgültig abschalten.

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Immerhin werden Migränikerinnen und Migräniker inzwischen offiziell ernst genommen: Seit dem letzten Jahr anerkennt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Migräne als «bedeutende globale Gesundheitsstörung». Und auch unter den Arbeitgebern steigt die Sensibilität für die Probleme der Kopfwehgeplagten.

Viele verheimlichen ihr Leiden

Laut einer Studie scheuen sich allerdings nach wie vor über 40 Prozent aller Kopfwehpatienten davor, einen Arzt aufzusuchen. Ein Drittel der Betroffenen hat resigniert und geht nicht mehr zum Arzt, weil die bisherigen Besuche erfolglos waren. Und 20 Prozent bezeichnen ihre Lebensqualität als schlecht bis sehr schlecht – nicht zuletzt weil sie ihre Krankheit zu verstecken versuchen.

Das sind für den Migränespezialisten Meyer ernüchternde Zahlen. «Gehen Sie zum Arzt», empfiehlt er den Betroffenen. Denn Migräne sei eine Krankheit, gegen die man etwas unternehmen könne.

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Gleichzeitig appelliert Meyer aber auch an die Ärzte: «Verschreiben Sie nicht einfach Tabletten und sagen Sie Ihren Patienten nicht: ‹Kommen Sie wieder, wenn es nicht besser wird.›» Kopfwehpatientinnen und -patienten bräuchten keine einzelnen Symptombehandlungen, ist Meyer überzeugt, «sondern eine konsequente ärztliche Begleitung».

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