Es ist schwierig, mit Stefan Roth* über Gefühle zu sprechen. Öfter fragt er nach, wie sich eine bestimmte Emotion anfühlt: «Ist Trauer Psychologie «Was sage ich zu Trauernden?» schmerzhaft? Merkt man Frustration körperlich? Wie ist es, wütend zu sein?» Selber weiss er das nicht: Er ist sogenannt alexithym, gefühlsblind.

Noch nie hat den 54-Jährigen ein Gefühl richtig übermannt. Er war noch nie verliebt. Er spürt keine Wut im Bauch, keinen zusammengeschnürten Hals, kein nervöses Herzrasen. «Für andere sind Gefühle wie Bulldozer», sagt er. «Meine sind eher wie Schmetterlinge: ganz zart, kaum wahrnehmbar.»

Gefühlsblindheit ist keine psychische Störung

Alexithymie kommt erstaunlich häufig vor: Rund zehn Prozent der Bevölkerung seien ausgeprägt gefühlsblind, sagt Michael Rufer, stellvertretender Direktor an der Klinik für Psychotherapie und Psychiatrie der Universität Zürich. Wer stark alexithym ist, nimmt die eigenen Gefühle nur diffus wahr, kann sie weder bewusst verarbeiten noch wirklich benennen. Ebenso schwierig zu erkennen sind die Gefühle der Mitmenschen.

Die Gefühlsblindheit zählt nicht als psychische Krankheit oder als Störung, sondern als Persönlichkeitsmerkmal. Viele Alexithyme, sagt Rufer, realisieren diese Abwesenheit von Emotionen schlichtweg nicht. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie anders sind.

Eine Pubertät ohne Gefühlsstrudel

Bis vor zwei Jahren hatte auch Stefan Roth keine Ahnung von seiner Gefühlsblindheit. Schon in der Jugend spürte er aber, dass er anders war als die andern. Emotionsloser, rationaler Bauchgefühl Wie unsere Entscheide entstehen , weniger euphorisch. Während sich seine Altersgenossen dem Gefühlsstrudel der Pubertät hingaben, verstand Roth ihr Verhalten nicht. Er hatte zwar eine Freundin, fühlte für sie aber nur wenig – weder Herzklopfen noch Sehnsucht. Regelmässig beteuerte er ihr, dass er sie liebe Biochemie Das Rätsel der Liebe . «Eine Floskel», sagt er heute.

Seine erste Beziehung geht in die Brüche, als Roth 20 ist. Er lernt eine neue Frau kennen. Diese Partnerschaft wird zehn Jahre dauern, Leidenschaft oder Liebe empfindet er aber auch diesmal nicht. «Es tönt brutal, aber meine Beziehungen fingen meistens deshalb an, weil mich eine Frau auswählte. Ich machte einfach mit.»

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«Die Vorwürfe habe ich verstanden, aber ich konnte nichts dagegen tun.»

Stefan Roth, Alexithymie-Betroffener

 

Da er seine Gefühle nicht wahrnahm, konnte er sich auch nicht daran orientieren – es gab keine Verliebtheit, die ihm den Weg in die richtige Partnerschaft wies.

Natürlich litten Stefan Roths Freundinnen unter seiner Distanziertheit. Sie verbrachten zwar den üblichen Partnerschaftsalltag: Kino, Spazieren, Ferien, Sex, Restaurants. Er blieb aber meist kühl, klinisch, reserviert. Immer wieder beschuldigten ihn die Frauen, nichts zu sagen, nicht auf sie zu reagieren. «Die Vorwürfe habe ich verstanden», sagt er. Aber er konnte nichts dagegen tun, da er nicht begriff, was sie von ihm verlangten.

Sich auf die Hochzeit freuen? Wie denn?

Im sozialen Umfeld von alexithymen Menschen kommt es häufig zu solchen Reibereien. «Die Partner oder die Freunde denken, dass sich der andere emotional nicht in die Beziehung einbringt», erklärt Psychiater Michael Rufer. Das führe zu Konflikten.

So hat Rufer beispielsweise in einer Psychotherapiesitzung erlebt, dass ein alexithymer Mann die Heirat als normalen Bestandteil einer Beziehung betrachtete, aber nicht als emotional wichtiges Ereignis: «Seine Frau warf ihm vor, er habe sich nicht einmal bei der Hochzeit richtig gefreut.»

Gefühle, die sich mit einem Knall entladen

Auch Stefan Roth bezeichnet bedeutende Erlebnisse – etwa die Geburt seiner Töchter – als nicht wirklich aufwühlend. «Es kommt schon vor, dass mich etwas berührt. Aber in diesem Gebärsaal mit der klinischen Atmosphäre… Das ging nicht.»

Bei Roth hapert es nicht nur bei der Liebe. Auch andere Gefühle zu deuten, tut er sich schwer. Einmal fotografierte er mit der Spiegelreflexkamera Szenen im Wald, als ihm ein Spaziergänger über den Weg lief und ihn «blöd angrinste». Ohne zu wissen, warum, zertrümmerte Roth wie im Rausch seine teure Kamera.

Erst später begriff er, dass er in diesem Moment eine starke Wut Psychologie «Wohin mit meiner Wut?» empfunden hatte, die sich wohl im Unterbewusstsein lange aufgestaut und mit einem Knall entladen hatte. Aber Roth versteht «bis heute nicht, warum».

Zorn oder Liebeskummer? Was ist das?

Die Alexithymie hat auch Vorteile. Gefühlsblinde sind im Alltag entspannter Entspannung Entspannen Sie richtig? , lassen sich von Konflikten nicht so sehr belasten. Kaum je wird sich ein Alexithymer länger in Zorn verfangen oder über Monate in Liebeskummer verkriechen.

Trotzdem empfindet Stefan Roth die Gefühlsblindheit primär als Verlust. Ihm fehlte stets eine Zutat in seinem Leben, wie das Salz Ernährung Müssen wir vor Salz gewarnt werden? in der Suppe. Auf der Suche nach dem Unbekannten wandte er sich mit 28 dem Zen-Buddhismus zu. Auch mit Drogen experimentierte er, nahm MDMA, LSD, genoss das schwache Aufflackern von chemisch ausgelösten Emotionen.

Nach Missbrauch die Gefühle «abgestellt»

Wegen einer Sinnkrise gab er im Alter von 43 seinen Job als Tierarzt auf und schlitterte in eine schwere Depression. Drei Jahre, sagt Roth, verbrachte er mehr oder weniger zu Hause im Bett. Bis heute bezieht er deshalb eine 100-prozentige IV-Rente.

Erst einige Jahre später, bei einer Körpertherapie, kam er der wahren Ursache seiner Gefühlsblindheit auf die Spur. Er erinnerte sich plötzlich an ein Kindheitstrauma, das er bis anhin verdrängt hatte: Sein Vater, ein Alkoholiker Alkoholismus Mein Papi, der Säufer , hatte ihn als Kind bis zu seinem zehnten Lebensjahr missbraucht. «Danach», sagt Roth, «habe ich vermutlich meine Gefühle als Überlebensstrategie abgestellt.»

Einmal dieses warme Gefühl im Bauch

Obwohl die Alexithymie eine genetische Komponente hat, spielt vorwiegend eine emotionale Vernachlässigung in der Kindheit eine wesentliche Rolle. Auch schwerwiegende Traumata können die Ursache sein. «Kinder entwickeln dann die Alexithymie als Schutz, um nicht von negativen Emotionen überschwemmt zu werden», erklärt Michael Rufer.

Die Bereiche des Hirns, die sonst für die Steuerung und Wahrnehmung von Emotionen zuständig sind, bilden sich weniger aus. Später, wenn alexithyme Menschen auf Situationen treffen, die einen Umgang mit Gefühlen erfordern, reagieren sie stattdessen mit körperlichen Beschwerden: Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Herzrasen.

Stefan Roth hofft darauf, sich irgendwann richtig verlieben zu können. Vor zwei Jahren habe er erstmals ein Gefühl physisch erlebt, erzählt er. Beim Sex mit einer Frau überkam ihn ein warmes Gefühl, im Bauch, in der Brust, rund ums Herz. «Das Schönste, was ich in meinem Leben je erlebt habe.» Wiederholen konnte er das Erlebnis bis jetzt nicht mehr. Aber der 54-Jährige, der seit zehn Jahren Single ist, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. «Ich habe mich mittlerweile intensiv mit meiner Alexithymie auseinandergesetzt», sagt er. «Ich bin überzeugt, dass ich heute die Gefühle anderer besser verstehe. Und vielleicht, wenn mich eine Frau so nimmt, wie ich bin, könnte ich endlich auch Liebe spüren.»

*Name geändert

Probleme mit Gefühlen: Diese Arten gibt es

  • Alexithymie ist nicht der einzige Grund, weshalb Menschen in einer Beziehung keine Gefühle entwickeln.
  • Psychopathen können nur schwer Nähe und Liebe empfinden. Diese übergehen aber meist bewusst andere Menschen oder nutzen sie aus.
  • Gefühlsblinde dagegen leiden meist darunter, dass sie Schwierigkeiten mit anderen Menschen haben. Sie möchten diese nicht verletzen, tun es aber ungewollt, weil sie deren Gefühle nicht erkennen können.
  • Auch Autisten haben oft keinen Zugang zur Gefühlswelt anderer. Sie haben aber zusätzliche Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörungen, die Alexithyme nicht kennen.
  • Liebe ohne die sexuelle Komponente empfinden hingegen Asexuelle: Sie können sich in jemanden verlieben, verspüren aber keine Lust.

Hilfe für Menschen mit Alexithymie

Das Selbsthilfecenter Zürich bietet eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Alexithymie an. 

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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