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Beziehung...und täglich stresst mich mein Partner

Was tun, wenn der Partner nervt? Ihn ändern zu wollen, ist der falsche Weg. Eher helfen Gelassenheit und eine Prise Pragmatismus.

Milde, Gelassenheit und Humor reduzieren den Stress und führen dadurch auch zu weniger Chaos in der Partnerschaft.
von aktualisiert am 23. November 2017

Frage von Beobachter-Leserin Lily G.: «Mein Mann macht mich wahnsinnig. Seit Jahren gibt es jeden Morgen Stress, bis er alle seine Sachen beisammen hat und endlich das Haus verlässt. Was kann man da tun?»

Nörgeln, appellieren, Vorträge halten, lamentieren, anklagen, Ratgeberbücher schenken, gekränkt sein und vieles mehr wird getan, wenn man verzweifelt am nervigen Verhalten des Partners.

Nur, das nützt alles wenig. Im Gegenteil, es wird zur Belastung für die Beziehung.

Ein Verhaltensmuster nachhaltig zu verändern ist sehr schwer. Vor allem wenn es dem Wesen und Temperament entspricht und seit Kindheit existiert. Wenn jemand ein neues Verhalten etablieren will, braucht es sehr viel mehr als einen Silvestervorsatz.

Bei Ihnen kommt erschwerend hinzu: Sie wollen, dass er sich ändert. Darf ich ehrlich sein? Da haben Sie ganz schlechte Karten. In einer Liebesbeziehung gibt es neben der existenziellen Ebene (Mögen wir uns? Tun wir uns grundsätzlich gut? Sind wir bei zentralen Lebensthemen kompatibel?) jede Menge Alltag.

Wenn die erste verklärte Phase vorbei ist und die verzauberte Stimmung schwindet, gilt es zu klären, wie wir in diesem Alltag miteinander umgehen. Wie handhaben wir unsere Unterschiede in Bezug auf Vorlieben, Temperament und Haushaltsführung?

Wer kennt die Reizthemen nicht: die offen gelassene Zahnpastatube, die verlegten Schlüssel, Zuspätkommen, die laute Lache, dass der andere meine Sätze beendet, weil ich langsamer rede, und so weiter und so fort.

Da drohen Endlosschleifen

Sagen wir nun: Ärmel hoch und ihn oder sie verändern? Penetrant, wortgewaltig, emotionsgeladen? Oder hartnäckig und ausdauernd? «Das kann doch nicht so schwer sein, das ist doch nicht zu viel verlangt…» – «Ich geb mir solche Mühe, und du…» – «Immer hast du…, nie tust du…»

Hier entstehen, wenn man nicht aufpasst, Endlosschleifen von Erwartung und Enttäuschung, Vorwurf und Rechtfertigung. Bis einer weint. Dann: Entschuldigung, Scham- und Schuldgefühl, Gelübde und Hoffnung. Aber: keine Veränderung in der Sache.

Solche immer gleichen Versuche rauben Kraft und Nerven und, was sehr traurig ist: die Zuneigung.

«Sie haben damals Ja gesagt zu dem Menschen, der Ihnen nun vermeintlich immer wieder das Leben erschwert.»


Christine Harzheim, Psychologin FSP

Wenn Sie eine Beziehung möchten, die lange währt und die bis zum Schluss mehr gibt, als sie braucht, die nährt und wärmt und Spass macht, dann steigen Sie aus dieser Spirale aus. Übernehmen Sie Verantwortung und entscheiden Sie sich. Sie haben damals Ja gesagt zu dem Menschen (und zwar dem ganzen), der Ihnen nun vermeintlich immer wieder das Leben erschwert.

Natürlich müssen Sie nicht alles hinnehmen, was der andere bietet. Aber wenn etwas zum nervenaufreibenden Dauerthema wird, realisieren Sie, dass diese Eigenschaft wohl zum Partner gehört und nicht zu ändern ist.

Nun haben Sie die Wahl

Wenn mein Partner also so ist (so chaotisch, vergesslich, hektisch…) und bleibt – will ich ihn dann noch? Kann ich damit leben, dass er es nicht ändern kann oder will? Oder will ich eigentlich jemand anderen und ziehe einen Schlussstrich (was auch legitim ist)?

Wenn ich mich nun für ihn entscheide, muss ich damit aufhören, ihn verändern zu wollen. Ändern kann ich nur meine Einstellung im Sinne von: Diese Eigenschaft gehört zu ihm. Sie nervt mich und fordert mich heraus, und ich werde versuchen, einen Weg zu finden, so damit umzugehen, dass es uns nicht entzweit.

So kann ich mich zum Beispiel bewusst zurückziehen während der Viertelstunde, in der mein Mann am Morgen turbomässig durchs Haus chaotet, Schlüssel sucht, flucht, Lesebrille sucht, betet, dreimal geht und «Tschüss!» ruft, dreimal wiederkommt und schliesslich ohne Gruss die Haustür zudonnert. So what?

Oder ich handle pragmatisch und habe immer fünf Ersatzschlüssel, zehn Lesebrillen und ein Lächeln parat, ähnlich den Helfern am Rand eines Langstreckenlaufs. Ganz nach Vorliebe und Möglichkeit.

Was solchen Vorgehensweisen gemein ist: Sie integrieren den Wahnsinn, den das Leben so mit sich bringt. Sie orientieren sich nicht an einer Hochglanzversion von Beziehung, sondern akzeptieren Mängel als normalen Bestandteil des Menschseins. Milde, Gelassenheit und Humor reduzieren den Stress ungemein und führen dadurch im Zweifel zu weniger Chaos.

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie an:

Christine Harzheim, Beobachter, Postfach, 8021 Zürich; christine.harzheim@beobachter.ch.

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2 Kommentare

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dianfur
Sehr guter Input! Obwohl ich selber pschychologisch geschult bin, tappe ich gemeinsam mit meinem Partner immer wieder in die selbe Falle. Er findet ich rede zuviel und stelle die Probleme in den Vordergrund. Ich finde er gibt kaum Rückmeldungen und wenn dann äussert er sich zu indifferenziert und aggressiv. Wir haben in vielen intensiven Gesprächen erkannt, dass wir zwar ein stückweit aufeinander zugehen können, aber in unserem Grundwesen , werde ich immer die Redseelige sein und er der Schweigsamere. Dies gilt es zu akzeptieren und zu lernen gelassener damit umzugehen. Auf vielen anderen Ebenen harmonieren wir ja äusserst gut! Danke für den Artikel.
Yvonne51
Zu Lily G., eine typische Einstellung älterer Frauen: Der Mann "stresst" auf einmal mit seinen Gewohnheiten. Weniger Stress hat Frau Lily G. wohl mit dem Umstand, dass der Mann schön brav arbeitet und sie finanziert. Mit den heutigen Anreizen wird sie auch bald herausfinden, dass es heute in vielen Fällen eine einfache Lösung gibt: Keine Pflichten und nur noch (finanzielle) Rechte für die Frau bzw. das umgekehrte für den Mann. Heutige Art von Trennungen / Scheidungen lassen grüssen ....
pfiffoltere
Ja liebe Yvonne51 Das ist ganz schön hart was du da schreibst, denn du machst eigentlich das Selbe wie in dem Fall beschrieben, Du wertest!? ohne die Person zu kennen. Sicherlich vergessen wir vielleicht manchmal was ein Mann leistet und ein bisschen mehr Dankbarkeit täte uns allen gut... Doch manchmal machen es die Männer sich schon etwas zu einfach, ein bisschen mehr Mühe könnten Sie sich schon geben, schliesslich machen wir Frauen (zu mahl die die ich kenne) sich schon sehr viel Gedanken über uns und sehen auch oft die eigenen Fehler und versuchen diese zu ändern, zugegeben gelingt nicht immer und schliesslich arbeiten wir auch ob im Geschäft oder zu Hause spielt da keine Rolle. Aber viele Männer finden es einfach toll wie Sie sind und denken nicht daran etwas zu ändern, ganz nach dem Motto: entweder Sie nimmt mich wie ich bin oder dann soll Sie gehen; ob das Liebe ihr gegenüber ist?! Sie denken selten über sich selbst nach. Wenn ich jemanden wirklich liebe, versuche ich Ihn so zu akzeptieren wie er ist, ich versuche aber auch Dinge zu vermeiden die Ihn ärgern! Zum Schluss sei mir noch eine Bemerkung gestattet, ich bin immer wieder erstaunt, dass Frauen sofort auf Frauen los gehen und die Partei des Mannes ergreifen, eben Werten... vielleicht sollten wir darüber mal nachdenken....
Yvonne51
Liebe Piffoltere, z.T. gebe ich Dir recht, aber das Verhalten wie Du es von Männern beschreibst, kann eben auch bei vielen Frauen beobachtet werden. Hinzu kommt jedoch noch - was bei Männern relativ selten vorkommt - dass wenn ein Mann geht und nichts mehr für die Frau tun will, er auch nicht mehr erwartet, dass seine Frau etwas für ihn tun soll bzw. ihn zu unterstützen hat (solange noch Kinder zu betreuen sind natürlich keine Diskussion). Dies ganz im Gegensatz zu vielen Frauen, die nichts mehr mit ihrem Mann zu tun haben wollen, aber weiterhin (finanziell) profitieren wollen, auch wenn sie selber für sich sorgen könnten. Unter dieser Einstellung (man könnte auch sagen Ausnützen) "Nichts mehr geben, aber schön weiter kassieren", nach einer Trennung / Scheidung heute fast der Standard (und DER Anreiz für viele Frauen sich zu trennen), leiden nicht nur die Männer, sondern auch wir Frauen, die mit einem solchen, z.T. lebenslänglich ausgenützten Mann liiert sind.