Frage von Lily G.: «Mein Mann macht mich wahnsinnig. Seit Jahren gibt es jeden Morgen Stress, bis er alle seine Sachen beisammen hat und endlich das Haus verlässt. Was kann man da tun?»

Nörgeln, appellieren, Vorträge halten, lamentieren, anklagen, Ratgeberbücher schenken, gekränkt sein und vieles mehr wird getan, wenn man verzweifelt am nervigen Verhalten des Partners.

Nur, das nützt alles wenig. Im Gegenteil, es wird zur Belastung für die Beziehung.

Ein Verhaltensmuster nachhaltig zu verändern ist sehr schwer. Vor allem wenn es dem Wesen und Temperament entspricht und seit Kindheit existiert. Wenn jemand ein neues Verhalten etablieren will, braucht es sehr viel mehr als einen Silvestervorsatz.

Bei Ihnen kommt erschwerend hinzu: Sie wollen, dass er sich ändert. Darf ich ehrlich sein? Da haben Sie ganz schlechte Karten. In einer Liebesbeziehung gibt es neben der existenziellen Ebene (Mögen wir uns? Tun wir uns grundsätzlich gut? Sind wir bei zentralen Lebensthemen kompatibel?) jede Menge Alltag.

Wenn die erste verklärte Phase vorbei ist und die verzauberte Stimmung schwindet, gilt es zu klären, wie wir in diesem Alltag miteinander umgehen. Wie handhaben wir unsere Unterschiede in Bezug auf Vorlieben, Temperament und Haushaltsführung?

Wer kennt die Reizthemen nicht: die offen gelassene Zahnpastatube, die verlegten Schlüssel, Zuspätkommen, die laute Lache, dass der andere meine Sätze beendet, weil ich langsamer rede, und so weiter und so fort.

Da drohen Endlosschleifen

Sagen wir nun: Ärmel hoch und ihn oder sie verändern? Penetrant, wortgewaltig, emotionsgeladen? Oder hartnäckig und ausdauernd? «Das kann doch nicht so schwer sein, das ist doch nicht zu viel verlangt…» – «Ich geb mir solche Mühe, und du…» – «Immer hast du…, nie tust du…»

Hier entstehen, wenn man nicht aufpasst, Endlosschleifen von Erwartung und Enttäuschung, Vorwurf und Rechtfertigung. Bis einer weint. Dann: Entschuldigung, Scham- und Schuldgefühl, Gelübde und Hoffnung. Aber: keine Veränderung in der Sache.

Solche immer gleichen Versuche rauben Kraft und Nerven und, was sehr traurig ist: die Zuneigung.

«Sie haben damals Ja gesagt zu dem Menschen, der Ihnen nun vermeintlich immer wieder das Leben erschwert.»


Christine Harzheim, Psychologin FSP

Wenn Sie eine Beziehung möchten, die lange währt und die bis zum Schluss mehr gibt, als sie braucht, die nährt und wärmt und Spass macht, dann steigen Sie aus dieser Spirale aus. Übernehmen Sie Verantwortung und entscheiden Sie sich. Sie haben damals Ja gesagt zu dem Menschen (und zwar dem ganzen), der Ihnen nun vermeintlich immer wieder das Leben erschwert.

Natürlich müssen Sie nicht alles hinnehmen, was der andere bietet. Aber wenn etwas zum nervenaufreibenden Dauerthema wird, realisieren Sie, dass diese Eigenschaft wohl zum Partner gehört und nicht zu ändern ist.

Nun haben Sie die Wahl

Wenn mein Partner also so ist (so chaotisch, vergesslich, hektisch…) und bleibt – will ich ihn dann noch? Kann ich damit leben, dass er es nicht ändern kann oder will? Oder will ich eigentlich jemand anderen und ziehe einen Schlussstrich (was auch legitim ist)?

Wenn ich mich nun für ihn entscheide, muss ich damit aufhören, ihn verändern zu wollen. Ändern kann ich nur meine Einstellung im Sinne von: Diese Eigenschaft gehört zu ihm. Sie nervt mich und fordert mich heraus, und ich werde versuchen, einen Weg zu finden, so damit umzugehen, dass es uns nicht entzweit.

So kann ich mich zum Beispiel bewusst zurückziehen während der Viertelstunde, in der mein Mann am Morgen turbomässig durchs Haus chaotet, Schlüssel sucht, flucht, Lesebrille sucht, betet, dreimal geht und «Tschüss!» ruft, dreimal wiederkommt und schliesslich ohne Gruss die Haustür zudonnert. So what?

Oder ich handle pragmatisch und habe immer fünf Ersatzschlüssel, zehn Lesebrillen und ein Lächeln parat, ähnlich den Helfern am Rand eines Langstreckenlaufs. Ganz nach Vorliebe und Möglichkeit.

Was solchen Vorgehensweisen gemein ist: Sie integrieren den Wahnsinn, den das Leben so mit sich bringt. Sie orientieren sich nicht an einer Hochglanzversion von Beziehung, sondern akzeptieren Mängel als normalen Bestandteil des Menschseins. Milde, Gelassenheit und Humor reduzieren den Stress ungemein und führen dadurch im Zweifel zu weniger Chaos.

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie an:

Christine Harzheim, Beobachter, Postfach, 8021 Zürich; christine.harzheim@beobachter.ch.