Adam* will wieder nach vorn schauen. Er will sein Leben zurück, seine Freunde, seine Mutter, seine Leidenschaft. Am Freitagnachmittag, 14. August 2015, verlässt er die psychiatrische Klinik fürs Wochen­ende. «Patient geht in guter Verfassung in den Urlaub, bis Sonntag 22 Uhr», steht im Pflegeprotokoll.

Bernadette wollte eigentlich keine Kinder mehr nach ihren beiden Töchtern. Dann kam Adam. Ein unkompliziertes Kind, vielleicht ein bisschen viel Seich im Kopf in der Primarschule, ein bisschen viel gekifft in der Oberstufe. Nicht ganz so fleissig über den Büchern, dafür umso leidenschaftlicher bei der Musik.

Bis der Krebs die Familie auseinander reisst. Vom Sterbebett seines Vaters rennt Adam direkt nach Hause und rappt sich den Schmerz aus dem Kopf:

Quelle: Kornel Stadler
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Die Schmerzen sind unterdrückt, die Zweifel bleiben.

Ein paar Jahre nach dem Schicksalsschlag lernt Adam Kevin kennen – Lebensberater, Kampfsporttrainer und Geistheiler. Vielleicht kann er die Zweifel klären. Doch an die Stelle von Antworten treten Befehle. «Für mich war das nichts», sagt Bernadette, die damals auf Empfehlung ihres Sohnes zweimal in Kevins Praxis war. Doch wenn es ihrem Sohn hilft, den Schmerz zu lindern, will sie ihn nicht aufhalten. «Kiffen war für Adam plötzlich kein Thema mehr. Er trainierte wie verrückt, sah gut aus. Mama, sagte er zu mir, jetzt ­kriege ich auch noch einen Waschbrettbauch. Und er bekam einen.» Die neue Stabilität in Adams Leben macht sie glücklich. Doch ­Kevin nistet sich langsam ein, tief in Adams Persönlichkeit. Er wird sein schlechtes Gewissen, bis es nicht mehr wegzudenken ist.

Adam und seine Musik ziehen in eine WG:

Quelle: Kornel Stadler

Bernadette findet kein Ventil für die Trauer, schlittert in eine Depres­sion. Sie wandert aus, nimmt die Erinnerungen mit nach Thailand. Anderes Klima, ­andere Kultur, andere Freunde. Abstand statt Aufarbeitung.

Ein Jahr bereits lebt sie im Resort am Meer, als ihr Sohn sie besucht. Er tut es ihr gleich, versucht, die Zweifel in der Ferne zu zerstreuen. Adam ist mit einem Freund unterwegs und experimentiert mit Drogen. «Er erzählte mir von Pilzen, die er kurz davor auf einer Insel eingenommen hatte. Man merkte ihm nichts an.»

Nach Adams Abreise bleibt Bernadette die Erinnerung an die Schweiz. Sie bekommt Sehnsucht und geht noch einmal zurück in ihre Heimat – für drei Monate, während bei ihrem Sohn die Stimmen im Kopf langsam lauter werden.

«Er hat in Thailand Pilze konsumiert»

«Herr T. stellte sich in Begleitung ­seines Wohnkollegen notfallmässig in der Klinik vor. Er berichtet, dass es ihm nicht gutgehe.» Adam ist nicht mehr allein, aus den leisen Zweifeln sind laute Stimmen geworden. «Du Perverser, du Pädophiler!», stellen sie ihn bloss. Er fühlt sich kastriert, vergewaltigt. Am Anfang sind es noch wenige, später ist es ein Gewitter aus Stimmen, die ihn aus dem Alltag reissen.

In der Nacht sind sie allgegenwärtig, tagsüber unerträglich. «Der ihn begleitende Kollege erklärt, dass die Verhaltensveränderungen beim Thailandaufenthalt im Februar 2015 auf­gefallen seien. Herr T. ergänzt, dass er in Thailand Pilze konsumiert habe.» Es besteht der «hochgradige Verdacht» auf eine schizophrene Störung, sehr wahrscheinlich ausgelöst durch den Konsum von psychotropen Substanzen, konkret Pilzen, THC und MDMA. Adam hört manchmal auch seine Mutter, eine der wenigen guten Stimmen. Die guten werden immer leiser.

Am zweiten Tag in der Klinik verlangt Adam ein starkes Beruhigungsmittel und schläft die Nacht durch. Er will sich Zeit und Distanz geben, um zur Ruhe zu kommen. Es tut gut, wieder kontrolliert zu werden. In der Therapie erhält er Hilfe, seine Stimmen zu ordnen, und findet zurück zur Musik. «Herr T. hat ein Lied geschrieben und dies in seinem Zimmer geübt», vermerkt die Stationsschwester.

Reime und Melodien nehmen noch einmal überhand. Noch einmal eine ruhige Nacht. Am Tag darauf kehren die Stimmen zurück, verwirrt verbringt er den ganzen Tag im Bett und schreibt:

Quelle: Kornel Stadler

Bernadette weiss nichts von einer Kündigung, geschweige denn von den akuten Problemen ihres Sohnes. Er hat sein Handy weggeworfen, wie er es früher manchmal machte, wenn er neu anfangen wollte. Adam ist bereits über zehn Tage in der Klinik, als die Mutter das von einer Kollegin erfährt. Sie besucht ihren Sohn sofort, darf mit ihm eine Stunde lang die Klinik verlassen. Das reicht gerade, um Kleider aus seiner Wohnung zu holen: «Er wollte immer pünktlich zurück sein, das war ihm sehr wichtig.»

Bernadette hofft auf die Medikamente, die ihn beruhigen würden, wie sie es damals bei ihr taten. Doch ­Benzodiazepine betäuben nur die Ober­fläche. Um Punkt Mitternacht am selben Tag geht Adam zum Nachtpfleger, er ist aufs äusserste angespannt. Er sucht Halt, irgendwo. Letzte Fetzen erinnern ihn an die Liebe seines ­Lebens – sie sind zu diffus, um sich ­daran festzuhalten. «Patient versteht nicht, was mit ihm geschieht, ist un­zufrieden mit der Behandlung.»

Der Pfleger entlässt ihn mit einem Beruhigungsmittel in die Nacht.

Laufend werden nun Adams Medikamente überprüft, neu eingestellt und gewechselt. Ein Freund besucht ihn. Einen Moment lang fühlt er sich besser. In den kommenden Tagen braucht er immer mehr Medikamente. Adam schwankt. «Patient berichtet von Suizidgedanken, zeigt sich jedoch distanziert zu diesen.»

«Gute Stimmung, weniger Ängste»

Adam schreibt seiner Chefin, entschuldigt sich, schämt sich für seine Kündigung. Sein Arzt verspricht, mit dem Arbeitgeber zu sprechen. Noch aber will er abwarten, bis es dem ­Pa­tienten bessergeht. Das Gespräch findet nie statt.

Die Protokolleinträge des behandelnden Arztes werden knapper und auffällig optimistisch. «Gute Stimmung, kein Gedankenkreisen, Ver­folgungsängste weniger.» Adam spreche gut auf die Medikamente an. ­Bluttests werden angeordnet. Keine Mangelerscheinungen. Viele Einträge enden nun mit: «kein Anhalt für Selbst- und Fremdgefährdung».

Die Medizin ist sich sicher.

Adam bekommt erneut Besuch von seiner Mutter, eine Woche vor ihrer Rückreise nach Thailand. Bernadette ist spät dran. Am 11. August 2015 wird sie kurz in der onkologischen Ab­teilung behandelt. Danach fährt sie direkt in die psychiatrische Klinik.

«Ich fühle mich nur noch von dir verstanden», sagt Adam. Das Gesicht der Mutter ist eingefallen. Dann hört er zu. Gebärmutterkrebs im Endsta­dium, teilt sie ihm mit.

Adam sagt, er will nach vorn schauen. Adam sagt, er will sein Leben zurück. Um 15.57 Uhr, am Freitag, 14. August 2015, verlässt er die Klinik und wirft sich vor den Zug.

«Lieber Adam», schreibt sein Freund Lucien nach seinem Tod, «ich kann dir kaum erklären, wie sehr es mich schmerzt, so weit weg von dir, deiner Familie und deinen Freunden zu sein. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir uns, unter dubiosen Umständen, das erste Mal sahen. Du, mit deinem blonden Afro und dem schönsten und lautesten Lachen, das ich jemals gehört habe.»

Der Brief liegt in Thailand, auf ­Bernadettes Nachttisch. «Du hast es dir nie einfach gemacht, doch wenn es auch immer eng und beklemmend für dich wurde, hast du dich wie ein stolzer Ritter dagegengestellt. Ich glaube fest daran, dass du jetzt eine neue He­rausforderung angenommen hast.»

*Alle Namen geändert

Seine Mutter Bernadette hofft auf die Medikamente, die Adam beruhigen würden – wie sie es damals bei ihr taten.

Quelle: Kornel Stadler