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GewichtszunahmeMachen Antidepressiva dick?

Nicht alle nehmen mit Antidepressiva gleich viel zu. Bild: Getty Images

Manche Menschen nehmen durch den Gebrauch von Antidepressiva bis zu 25 Kilo zu. Was können die Betroffenen tun?

von Thomas Ihdeaktualisiert am 2017 M07 06

Peter W.: «Seit ich Antidepressiva nehme, geht es mir besser. Anderseits habe ich sieben Kilo zugenommen. Mich beschäftigt das sehr. Was kann ich dagegen tun?»

Antwort von Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie Präsident von Pro Mente Sana:

Jede zweite Person in der Schweiz ist irgendwann in ihrem Leben mit Antidepressiva konfrontiert. Jede vierte bis fünfte Person als Patient, die anderen als Angehörige. Depressionen sind sehr unterschiedlich in Ausprägung, Dauer und Ursachen. Die Behandlung besteht idealerweise aus einer Psychotherapie, eventuell begleitet von Medikamenten, Bewegung und Meditation.

Als Medikamente werden meist sogenannte Antidepressiva eingesetzt. Sie regulieren den Stoffwechsel von Hirnbotenstoffen wie Serotonin oder Dopamin, beruhigen aber auch die veränderte Aktivität gewisser Hirnzentren, etwa der Mandelkerne. 

Eine der wichtigsten Wirkungen von Antidepressiva ist wahrscheinlich, dass sie das hirneigene Nervenwachstum stimulieren, das während einer Depression stark abnimmt. Das kann man – weniger stark – auch über Achtsamkeit, mit Gewürzen wie Kurkuma, kurzem Heilfasten, aber vor allem auch mit einer Psychotherapie stimulieren.

Dank Antidepressiva können viele Betroffene endlich ihre Vorhaben wieder in Handlung umsetzen. Frau Z. etwa hatte sich jeden Abend vorgenommen, den nächsten Morgen mit einem Spaziergang zu beginnen – nur um am Morgen wieder zu kapitulieren. Der Körper fühlte sich zentnerschwer an, der Gedanke ans Aufstehen war unerträglich, vor ihr war eine Wand aus Angst. Dazu kamen die Schuldgefühle, weil sie ein weiteres Mal alle enttäuscht hatte und so etwas Einfaches wie Aufstehen nicht geschafft hatte.

Spiessrutenlauf an der Küche vorbei 

Dass die Antidepressiva bei Frau Z. zu wirken begannen, merkte zuerst ihr Umfeld. Plötzlich sass sie einfach am Frühstückstisch. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, warum diese kleine Handlung auf einmal wieder das war, was sie früher war – einfach.

Das Antidepressivum von Frau Z. hatte aber auch Nebenwirkungen. Zuerst nahm sie ein bisschen ab, ihr war oft übel nach der Einnahme. Gegen die Beschwerden trank sie Ingwertee, sie verschwanden nach einer Woche. Doch dann begann dieser Heisshunger, vor allem abends. Der Gang an der Küche vorbei wurde für Frau Z. zum Spiessrutenlauf. Ihr Stoffwechsel schien sich auf eine Hungersnot vorzubereiten, fast die gesamte Ernährung wurde zum Fettaufbau verwendet. Ihr Gewicht stieg stetig.

Nicht alle nehmen mit Antidepressiva gleich viel zu. Das liegt zum Teil an den Medikamenten, zum Teil scheint es auch 
von der Depressionsform abhängig zu sein. Manche Betroffene nehmen nicht ein oder zwei Kilo zu, sondern 10 oder auch 25. 

Depressive Erkrankungen sind in unserer Gesellschaft stigmatisiert. Ebenso Antidepressiva und Übergewicht. Es ist eine unheilvolle Allianz. Leider gibt es noch wenig grosse Studien und Evidenz zu diesem Thema. Nachfolgende Tipps sind daher eher als Empfehlungen zu verstehen.

Was können nun Betroffene tun?

  • Vermeiden Sie «schnelle» Zucker. Zuckerarten, die den Blutzuckerspiegel rasch steigen und wieder sinken lassen, sind mit einer hohen Insulinfreisetzung verbunden. Sie scheinen sehr ungünstig zu sein, wenn man sie mit Antidepressiva kombiniert. «Langsame» Zucker sind günstiger. Vollkornbrot ist empfehlenswerter als Weissbrot, schwarze Schokolade besser als Milchschokolade. 
  • Sport hilft. Bewegung wirkt bereits antidepressiv, sie unterstützt den Stoffwechsel und kann einer Gewichtszunahme entgegenwirken. Aber erwarten Sie keine Wunder.
  • Würzen Sie indisch. Kurkuma, Tamarinde und Safran wirken leicht antidepressiv. Sie stimulieren aber auch den hirneigenen Wachstumsfaktor, was wiederum den Stoffwechsel positiv beeinflusst und zu einer Gewichtszunahme führen kann.
  • Neue Studien legen nahe, dass Heil- und Teilfasten hilfreich ist. Zwei Fastentage pro Woche mit weniger als 600 Kalorien für Frauen oder 800 Kalorien für Männer scheinen bei vielen Betroffenen zu wirken.
  • Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt über die Gewichtszunahme. Können Sie ein anderes Antidepressivum ausprobieren? Es gibt heute über 25 Antidepressiva, meist findet man eine wirksame Alternative. Sind alle psychotherapeutischen Massnahmen ausgeschöpft? Könnte man Ihre Behandlung mit Inulin ergänzen, einem Zucker, der vom Körper nicht aufgenommen wird und das Bakterienwachstum im Dickdarm verändert? Wäre ein minidosiertes Antiepileptikum eine Lösung, das die Gewichtszunahme neutralisieren kann?