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HelikopterelternWie viel Angst um das Kind braucht es?

Helikoptereltern
«Kinder, die keine Fehler machen dürfen, lernen nicht, mit Risiken umzugehen – und sind anfälliger für Unfälle.» – Christine Harzheim. Bild: Getty Images

Was genau versteht man unter Helikoptereltern?

von Christine Harzheimaktualisiert am 2017 M08 28

Frage von Kim W.: «Auf einem Quartierfest meinte ein Bekannter kritisch, wir seien Helikoptereltern. Wir waren irritiert. Was hat er damit gemeint?»

Das sogenannte Elternbashing ist anscheinend immer noch verbreitet. Eltern sind einerseits unsicher, ob sie mit ihren Kindern auch alles richtig machen. Dazu kommt die grosse Angst vor der Bewertung durch kinderlose Erwachsene, aber auch durch andere Eltern: «Mein Zweijähriger benimmt sich im Sandkasten immer wieder rüpelhaft. Wie soll ich reagieren? Was denken jetzt die anderen Mütter von mir und meiner Familie?» 

Was auch immer man macht, es ist potenziell falsch. Lass ich das Kind klettern, bin ich verantwortungslos, verbiete ich es, bin ich überbehütend. Mit einem Schlagwort wie Helikoptereltern wird man Eltern, die ja meist ihr Bestes geben, nicht gerecht. Aber Sie fragen nach der Bedeutung des Begriffs. 

Sie investieren viel und sie verlangen viel

So nannte der israelische Psychologe H. G. Ginott 1969 überbehütende Eltern, die ständig beobachtend um ihre Kinder kreisen. Die US-Familientherapeutin Wendy Mogel machte diesen Erziehungsstil 2001 mit dem Buch «The Blessings of a Skinned Knee» (Segen eines aufgeschürften Knies) international bekannt. 

Mogel beschreibt Eltern, die sich bemühen, alles richtig zu machen: «Die Eltern besuchen jede Schulaufführung und jedes Fussballspiel ihrer Kinder. (…) Sie kennen alle Freunde ihrer Kinder und die Berufe der Eltern. Wenn die Schulleistungen abfallen, organisieren sie Nachhilfe.» Laut Mogel stehen in diesen Familien die Kinder zu sehr im Zentrum. Die Eltern verlieren ihre generelle Erziehungsaufgabe aus den Augen und sind nur noch mit dem «Micromanagement» befasst: mit den aktuellen Launen, Wünschen und Stimmungen der Kinder. Sie investieren enorm viel: Zeit, Aufmerksamkeit, Geld. Und sie erwarten auch viel: Glück und Erfolg der Kinder. In der Schule, beim Sport, am Klavier.

Solche Über-Eltern kompensieren Ängstlichkeit und Unsicherheit. Bei extremer Ausprägung mischen sich Mütter und Väter exzessiv in den Alltag der Kinder ein. Sie kontrollieren alles, damit nichts Schlimmes passiert und damit alles gelingt. Sie schützen das Kind und versuchen, ihm schwierige Erlebnisse zu ersparen. Sie gestalten das Spiel der Kinder und die Beziehungen der Kinder untereinander. Sie gestalten die Kinder. 

Die Kinder werden zu Projekten. Wenn das Kind gelungen ist, fühlen sich die Eltern kompetent. 

Leider verursachen ängstliche Eltern genau das, was sie verhindern wollen. Kinder, die keine eigenen Erfahrungen und Fehler machen dürfen, lernen nicht, mit Risiken umzugehen – und sind anfälliger für Unfälle. Eigene Erfahrungen bilden die Grundlage für eigene Erfolgserlebnisse. Im Spiel, im Kontakt zu anderen und im Bewältigen der Welt. 

Kinder spüren die Ängste der Eltern und erhalten so die Botschaft: Ich traue dir nicht zu, dass du das schaffst.

Die Sozialwissenschaftlerin Sigrid Tschöpe beschreibt das als «Krisenklau». Aussagen wie «Dazu bist du noch zu klein» und «Lass nur, Schatz, ich mach das schon» hindern Kinder jeden Alters daran, Verantwortung zu übernehmen. Sie werden lustlos, träge und einfallslos.

Es braucht Wissen und Bauchgefühl

Wie können Eltern Sicherheit erlangen? Was kann zur Orientierung dienen? Welcher Erziehungsstil, welcher Umgang mit Kindern macht diese zu eigenständigen, verantwortungsvollen und sozial verträglichen Wesen?

  1. Wissen. Lesen Sie etwas über kindliche Entwicklungsphasen und über die Art, wie Kinder die Welt erleben. Fragen Sie Hebamme oder Kinderarzt oder erfahrene Eltern.
  2. Erfahrung. Wie sind Sie erzogen worden? Was hat sich bewährt, was möchten Sie anders machen? Welche eigenen Erfahrungen mit Ihrem Kind waren positiv?
  3. Austausch. Sprechen Sie offen mit anderen Eltern. Sie werden feststellen, dass alle in etwa am Gleichen leiden. Schauen Sie, wie andere die Dinge lösen. Probieren Sie aus, was Ihnen zusagt.
  4. Achtsamkeit. Nehmen Sie Ihr Kind wahr. Was fühlt und will es? Was kann es? Nehmen Sie sich wahr. Was ist mir wichtig in der Erziehung? Warum? Was habe ich für Werte? Wo sitzen meine Ängste?
  5. Haltung. Beziehen Sie Position zu Fragen der Erziehung. Stehen Sie dafür gerade.
  6. Intuition und gesundes Mittelmass. Nutzen Sie Ihr Bauchgefühl und bleiben Sie flexibel. 

«Tun Sie sich etwas Gutes.»

Jasmine Helbling, Redaktorin Beobachter

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