15_99_cyber.jpgIm Zeitlupentempo kriecht der gläserne Aufzug an der Wand eines zehnstöckigen Gebäudes nach oben. Unten auf dem Parkplatz schrumpfen Autos auf die Grösse von Käfern. Nothalt im dritten Stock. Bis hierher und nicht weiter! Denn der Fahrgast in der Kabine leidet unter Höhenangst, bekommt Herzklopfen und feuchte Hände. Eiligst gleitet er per Knopfdruck wieder zurück ins sichere Parterre. Dennoch ein Fortschritt, beim letzten Mal ist er nur bis ins zweite Stockwerk gekommen, bevor die Panik einsetzte.

Erleichtert lässt der Patient den Joystick mit den Steuerknöpfen los, nimmt den Helm mit den eingebauten Bildschirmen ab und befindet sich wieder im Behandlungsraum der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel, ebenerdig. Sein Blick fällt nicht auf die Aufzugstür, sondern auf einen unscheinbaren Computer, der über ein Kabel mit dem Spezialhelm und dem Steuerhebel verbunden ist. Es ist die Apparatur für das virtuelle Höhentraining.

Therapie mit Virtual Reality (VR) heisst diese neue Behandlungsform. Ein intelligentes Computerprogramm versetzt den Patienten über kleine Bildschirme, die in eine spezielle Kopfhaube integriert sind, in eine Scheinwelt. Mit einer Art Steuerknüppel lässt sich die virtuelle Umgebung beeinflussen. Ein virtueller Lift kann auf Wunsch seines Insassen schnell oder langsam fahren und jederzeit anhalten.

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Die Bilder wirken sehr überzeugend, auch Gesunde federn einen Stopp in den Knien ab. Menschen mit Höhenangst reagieren im Cyberlift genau wie in einer richtigen Angstsituation, mit Herzklopfen, Schweissausbrüchen und Ubelkeit. Gleichzeitig wissen sie aber immer: Die Umgebung ist nicht echt. Geschwindigkeit und Höhe des Aufzugs können selbst bestimmt, der Stress jederzeit beendet werden. Dadurch fällt eine VR-Therapie vielen leichter als eine echte Höhenübung.

Höhenangst ist eine Krankheit
Höhenangst verhindert manchen Aufstieg. Wer Mühe mit der Aussicht von oben hat, kann weder Pilot noch Dachdecker oder Fensterputzer werden. Aber auch ein Bankdirektor ist in der Ausübung seines Berufes behindert, wenn sein Büro im 10. Stock liegt. Die Angst vor der Höhe vermiest den Betroffenen auch diverse Vergnügungen wie etwa Riesenradfahren oder den wunderbaren Blick vom Eiffelturm. Vor allem aber ist das Leiden peinlich: Wer mag schon zugeben, dass ihm oder ihr davor graut, im dritten Stock aus dem Fenster zu sehen, wenn alle anderen vom Ausblick schwärmen.

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Aber Höhenangst ist keine Marotte, sondern eine Angsterkrankung, ein psychisches Leiden, genauso wie Platzangst oder Waschzwang. Gemäss einer US-Studie leiden ein Viertel der Frauen und etwa 12 Prozent aller Männer unter Phobien, das heisst krankhaften Ängsten vor Höhe, grossen Plätzen, Flugreisen oder Spinnen. Bisher behandelten Psychiater und Psychotherapeuten solche Leiden meist sehr praktisch. Bei Höhenangst beispielsweise fahren Patient und Therapeut zum Gewöhnungstraining regelmässig zusammen Lift bis die Angst verschwindet.

Angeregt von Berichten aus der Raumfahrt und der Armee und wahrscheinlich auch von den Computerspielen ihrer Kinder, begannen amerikanische Psychiater vor etwa zehn Jahren, Angsterkrankungen in virtuellen Welten zu behandeln. Die VR-Therapie war zuerst bei Patienten mit Höhenangst erfolgreich. Mittlerweile wird der therapeutische Cyberspace auch in der Schweiz vermehrt angewendet.

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Der Anfang in der Basler Psychiatrie war nicht leicht, mussten die Ingenieure doch völlig neue Computerprogramme für die beweglichen und steuerbaren Bilderwelten erstellen. Aber inzwischen sind die Kinderkrankheiten des Kollegen Computer überwunden. Bei der Behandlung von Angsterkrankungen verzeichnen die Basler Ärzte eine Erfolgsquote von mehr als 60 Prozent. Nebenwirkungen wie etwa Seekrankheit oder Kopfweh sind selten.

Noch fehlen Vergleiche zwischen den bisher üblichen Heilmethoden und der Therapie mit VR, doch in Basel sollen demnächst solche Studien gemacht werden.

Vielfältig nutzbare Technik
Fest steht aber bereits, dass das neue Verfahren auch bei Patienten Erfolg hat, die nach Schädelverletzungen oder wegen neurologischer Erkrankungen Mühe mit der Wahrnehmung oder Orientierungsprobleme haben. Bei der Therapie von derartigen Leiden scheint sich Virtual Reality besonders zu bewähren.

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Verbesserte Techniken, die es ermöglichen, virtuelle Bilder nicht nur über einen VR-Helm, sondern als echte Räume, sogenannte Caves, zu simulieren, sollen die Intensität der Behandlung noch verstärken. Die Therapie von Angsterkrankungen ist am Computer nicht nur einfacher als der gemeinsame Gang von Patient und Therapeut zum Ort des Schreckens: Da man Programme kopieren kann, lassen sich in Zukunft erfolgreiche VR-Konzepte an viele Therapiezentren weiterleiten. Dann könnten die von Höhen- und anderen Ängsten Geplagten ihr Problem in vielen Spitälern und Praxen wegtrainieren: auf virtuellen Türmen, über scheinbaren Abgründen oder im Cyberjet.

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