«Wenn das diesmal nur gut geht», denkt die Verlagsassistentin Ricarda Blum (Namen der Betroffenen geändert). Sie muss ihren Chef Gerhard Kripp wie jedes Jahr an die Frankfurter Buchmesse begleiten, den Stand betreuen, Journalisten mobilisieren und den Terminkalender verwalten. Blums Bedenken sind begründet. Sie erlebt ihren ansonsten toleranten und verlässlichen Vorgesetzten gelegentlich als «Zeitbombe» und «Nervensäge». Wenn er sie «subito» in sein Büro bestellt, schaltet sie auf Alarmbereitschaft. Sie macht sich darauf gefasst, ihm Puls und Blutdruck messen zu müssen, einen Arzttermin vorzuverschieben und keine Telefonate mehr durchzustellen. Gerhard Kripp ist ein Hypochonder. Doch dieses Wort zirkuliert in seinen Verlagsräumen nur hinter vorgehaltener Hand. Dem Begriff haftet etwas Abschätziges an.

In der heutigen Gesellschaft wird ein Hypochonder oft als Simulant oder eingebildeter Kranker wahrgenommen. Daher gehen auch die Ärzte mit dieser Diagnose zurückhaltend um. «Die Bezeichnung hat für viele Menschen Schimpfwortcharakter», gibt Heinrich-Peter Fischer, leitender Arzt der Privatklinik Hohenegg ZH, zu bedenken. Die hypochondrische Störung sei aber eine Krankheit mit einer klar definierten Diagnose, betont der Experte für psychosomatische und psychosoziale Medizin.

Eine Psychotherapie kann helfen

Thomas Heinsius, Oberarzt an der Psychiatrischen Poliklinik am Kantonsspital Winterthur, bevorzugt den Begriff «Krankheitsangst». In seiner Sprechstunde für Angst- und Zwangsstörungen sind zehn Prozent davon betroffen, in der Bevölkerung schätzt er den Anteil auf 0,5 bis ein Prozent. Damit eine solche Diagnose gestellt wird, muss die Angst, an einer gefährlichen Krankheit zu leiden, bereits sechs Monate bestehen.

«Eigentlich ist es sinnvoll, Angst vor einer Krankheit zu haben», erklärt Heinsius. Diese helfe Menschen, bei neuen Beschwerden rechtzeitig medizinische Hilfe zu suchen. Hypochonder sind aber auch dann überzeugt, an einer schlimmen Krankheit zu leiden, wenn die ärztlichen Untersuchungen keinen Hinweis auf eine körperliche Erkrankung ergeben haben. Ihre Gedanken kreisen weiterhin ausschliesslich um das Thema Krankheit. Jede noch so kleine und irrelevante Abweichung ihres Körpers oder Stoffwechsels vom Normalzustand wird als Signal für eine bedrohliche Krankheit interpretiert. In einer unauffälligen Hautschürfung sieht man bereits erste Anzeichen für Hautkrebs. Findet der eine Arzt keine gesundheitliche Störung, suchen die betroffenen Patienten einen anderen Fachmann auf, es kommt zum sogenannten «doctor hopping».

Gerade im Überdiagnostizieren sieht Angst-Experte Thomas Heinsius eine Gefahr: «Die vielen ärztlichen Untersuchungen können den Hypochonder in seiner Vorstellung bestärken, dass mit ihm doch etwas nicht in Ordnung ist.» Auch der Arzt könne das gesunde Augenmass verlieren − aus Angst, bei einem Hypochonder eine versteckte Krankheit zu übersehen. Hält ein Patient über mehr als sechs Monate unbeirrbar an der Überzeugung fest, schwer krank zu sein, rät Heinsius zu einer Psychotherapie. Dazu braucht es oft eine lange Anlaufzeit, weil die Betroffenen ja überzeugt sind, an einer körperlichen und nicht an einer seelischen Krankheit zu leiden. «Es handelt sich um einen behutsamen und schrittweisen Erklärungsprozess», sagt Heinsius - nahe Angehörige können mit einbezogen werden.

Die Unsicherheit des Lebens

Als vielversprechend erweist sich die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie: Der Patient lernt, seine fixen Überzeugungen zu hinterfragen und eine neue Sichtweise zu gewinnen. Hilfreich kann auch die Exposition oder Konfrontation sein. Dabei setzt man sich mental seinen Ängsten aus und spielt das Szenario bis zum Schluss durch. Verhaltenspläne, ein Tagebuch oder Entspannungsübungen können die Angstkrankheit entschärfen und den Patienten stabilisieren. Laut Heinsius sind ein Drittel der Patienten mit hypochondrischen Ängsten ausschliesslich von Krankheitsangst geplagt. Der Rest leidet zusätzlich an anderen Angststörungen oder Depressionen.

Mit der kognitiven Verhaltenstherapie macht auch Ingvard Wilhelmsen, Gründer der ersten und weltweit einzigen Hypochonderklinik im norwegischen Bergen, gute Erfahrungen. Nach fünf Sitzungen seien 80 Prozent der Patienten geheilt. Der Pionier bringt den «Katastrophendenkern» bei, mit der Unsicherheit des Lebens und der Gewissheit des Todes zu leben. Sein Fazit: «Patienten müssen erkennen, dass es kein risikofreies Leben gibt.»

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Typische Verhaltensweisen und Denkmuster

  • Sehr häufige Arztbesuche.

  • Unbeirrbare Überzeugung, an einer Krankheit zu leiden, auch wenn der Arzt das Gegenteil festgestellt hat. Die Versicherung des Arztes, alles sei in Ordnung, wird nicht akzeptiert.

  • Sogenanntes «doctor hopping», also ständiges Aufsuchen neuer Ärzte.

  • Eigenen Körper ständig auf Abnormalitäten hin untersuchen.

  • Gedanken kreisen um eine Krankheit, die vermehrt öffentlich, zum Beispiel in den Medien, diskutiert wird.

  • Ständiges Nachdenken über Krankheiten und Schmerzen.

  • Sehr häufige Gedanken über den Tod.


Tipps

  • Vereinbaren Sie regelmässige Arzttermine in grösseren Abständen. Entkoppeln Sie diese von neu auftretenden beziehungsweise anhaltenden Beschwerden. Gehen Sie nach einem Zeitplan zum Arzt und nicht wegen ansteigender Krankheitsängste ohne tatsächliche körperliche Beschwerden.

  • Planen Sie regelmässige Untersuchungen in grösseren Abständen nach einem Zeitkriterium (zum Beispiel jedes Jahr einmal).

  • Vermindern Sie ständige Rückversicherungen im Medizinsystem und vergegenwärtigen Sie sich Ihre Befunde und die Worte des Arztes Ihres Vertrauens, ohne immer wieder dieselben Fragen zu stellen.

  • Lernen Sie, mit dem Risiko zu leben. Konzentrieren Sie sich darauf, was Sie hier und jetzt tun können, um gesund zu bleiben.

  • Befassen Sie sich mit der Möglichkeit eines frühen Todes. Handeln Sie so, dass Ihr Leben verläuft, wie Sie sich dies vorstellen, ohne vor lauter Krankheitsängsten am Leben vorbeizugehen. Denken Sie immer an die banale Wahrheit: Dieser Tag könnte Ihr letzter sein.



Buchtipp

  • Elisabeth Rauh, Winfried Rief: «Ratgeber Somatoforme Beschwerden und Krankheitsängste. Informationen für Betroffene und Angehörige»; Hogrefe-Verlag, 2006, 72 Seiten, Fr. 14.60

Gruppentherapie

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  • «Die Angst in den Griff bekommen»: Angstbewältigung in der Gruppe, eineinhalb Stunden wöchentlich, zehn Wochen.Anmeldung: Dr. med. Thomas Heinsius, Psychiatrische Poliklinik am Kantonsspital Winterthur, Telefon 052 266 28 84, thomas.heinsius@ipwin.ch