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Inzest-Opfer«Ich bin es gewohnt, dass man mir nicht glaubt»

Erst als sie 9 war und er 20, hörte es auf – weil er ausgezogen war. Für Verena Felder* war es der schönste Tag in meinem Leben.

Ein Mädchen wird während Jahren von ihrem älteren Bruder vergewaltigt. Mit 45 schafft sie es, ihn zur Rede zu stellen.

von aktualisiert am 06. Dezember 2018

Am Ende der Therapiesitzung sagt der Bruder nur «Vreni, Vreni». Verena Felder* kann nicht mehr. Sie verlässt die Praxis, zückt den Flachmann und schüttet sich mit Cognac zu. Sie hat an diesem Tag allen Mut zusammengenommen. Im Beisein ihrer Psychotherapeutin konfrontiert sie ihren Bruder zum ersten Mal damit, was vor 35 Jahren geschehen ist. 

Acht Jahre Therapie hat sie gebraucht, um Werni ins Gesicht zu sagen: «Du hast mich sexuell missbraucht, jahrelang. Nachts hast du mich aus dem Schlaf gerissen, in dein Zimmer geschleppt und neben dich ins Bett gelegt. Immer wieder. Ich stellte mich taub, musste dabei immer dieses verdammte hellblaue Täfer an der Decke anschauen. Erst als ich 9 war und du 20, hat es aufgehört. Weil du ausgezogen bist. Für mich war das der schönste Tag in meinem Leben. Es fiel mir ein Riesenstein vom Herzen. Das vergesse ich nie.»

Ihr Bruder schaut weg. Sitzt wie versteinert da. Der gross gewachsene pensionierte Geschäftsmann lässt alles an sich abprallen. Er geht, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Verena und Werner haben seither nie mehr darüber gesprochen. Nicht an der Hochzeit des Gottenkindes. Nicht an der Beerdigung der Mutter. Werni tut, als hätte es die Konfrontation nie gegeben.

Der Vater prügelte die Kinder

«Ich dachte, der Bruder könne mir die Hand reichen und Reue zeigen. Ich hatte ihm vergeben Vergebung Wann gelingt es, zu verzeihen? , dank meinem Glauben. Er war ja auch ein armer Siech. Als Ältester ist er immer verprügelt worden vom Vater. Mit dem Lederriemen. So wie die meisten meiner fünf Geschwister. Ich hoffte, so eine Sitzung helfe», sagt Verena Felder.    

Das Gegenteil passierte. Nachdem die Mutter dem früh verstorbenen Vater ins Grab folgte, begann Werni, die anderen vier Geschwister gegen Verena Felder aufzuhetzen. «Du hast mit allen Streit», sagte die Schwester. «Lies doch einfach die Bibel!», forderte die andere. «Dort steht, wie man nach einem Missbrauch Heilung erfährt.»

Verena Felder zieht einen Schlussstrich und bricht mit den Geschwistern. «Werni sagte ihnen, ich hätte ein Problem mit ihm. Es ist genau umgekehrt. Er hat ein Problem mit mir, weil ich den Mut hatte, über den Missbrauch Kindesschutzmassnahmen Verdacht auf Missbrauch? Nicht zögern! zu sprechen. Mein Täter, mein Bruder, macht sich zum Opfer. Das ist so falsch. Da musste ich mich abgrenzen. Erst dadurch habe ich zu mir gefunden.»
 

«Nachts hast du mich in dein Zimmer geschleppt und neben dich ins Bett gelegt.»

Verena Felder*, Inzestopfer


Verena Felder sitzt in ihrem neu gebauten Einfamilienhaus mit Aussicht über das Mittelland. Wie chaotisch ihr Leben verlief, sieht man der gepflegten 59-Jährigen nicht an. Sie arbeitet als Kaderangestellte in einem Bundesamt in Bern. Hat einen erwachsenen Sohn – und im zweiten Anlauf einen Ehemann gefunden, der sie liebt und umsorgt. Sie zieht ihre computergeschriebene Lebensgeschichte hervor. Und das Schreiben der Psychotherapeutin. Mit ihm beweist sie, dass sie wegen des sexuellen Missbrauchs mehr als acht Jahre in Therapie war und ihr Bruder an einer einzigen Sitzung teilgenommen hat. «Ich bin es gewohnt, dass man mir nicht glaubt.» Sie erzählt die Geschichte eines Inzestopfers, das beruflich aufstieg und privat abstürzte.

Mit 11 der erste Vollrausch, mit 12 die ersten Suizidgedanken

«Werni war immer mein Lieblingsbruder, mein Vaterersatz. Er umarmte mich. Das haben die Eltern nie gemacht.» Der älteste Bruder nahm die kleine Vreni auf den Arm, ging mit ihr in die Dorfchäsi, kaufte ihr Glace. Selbst als er begann, sie zu missbrauchen, sah sie seine guten Seiten. «Es war eine zerstörerische Hassliebe.»

Die achtköpfige Familie lebte damals in einem Dorf zwischen Aarau und Beromünster. Der Vater, Gemeindeammann und Schreinereibesitzer, schlug zu, wenn ihm etwas nicht passte. Die Mutter flüchtete in den Glauben und wahrte die Fassade. «Ich rannte einmal weinend in die Küche zu Mueti. Fest entschlossen, ihr alles zu erzählen. Als ich sagte, ich weine wegen Werni, hat sie sich abgewandt und den Raum verlassen. Sie ahnte, was los war. Aber der Missbrauch durfte nicht sein. Also schwieg ich.»

Mit 11 hat Verena Felder ihren ersten Vollrausch. Sie trinkt die Flasche Bier, die ein Soldat übrig lässt. Alles zu vergessen, gefällt ihr. Je länger, je mehr. Mit 12 hat sie erstmals Suizidgedanken. Mit 13 beginnt sie zu rauchen, zu kiffen, spült in den Ferien Valium mit Wodka runter, auf dem Camping am Bielersee. «Ich wollte mich zuputzen. Einfach weg.» Mit 15 schneidet sie sich in die Unterarme, ohne die Adern zu treffen. Drückt brennende Zigaretten auf der Haut aus. 

Mit 16 leert sie in ihrem Zimmer eine Flasche Cognac, lässt «Spiel mir das Lied vom Tod» laufen und säbelt sich so tief in die Arme, dass das Blut strömt. Ihre Cousine findet sie noch rechtzeitig. Die Mutter weint. Der Arzt sagt, sie solle für ein paar Wochen in die Psychiatrische Klinik nach Königsfelden gehen – geschlossene Abteilung. Ihr ist alles scheissegal. Mit 18, bei der Lehrabschlussprüfung, ist Verena Felder noch 35 Kilo schwer und tablettensüchtig Nebenwirkungen Wie süchtig machen Antidepressiva? .

Frau raucht und trinkt
Sie leert eine Flasche Cognac, lässt «Spiel mir das Lied vom Tod» laufen und säbelt sich tief in die Arme.
Quelle: Andreas Gefe

Die attraktive Frau wechselt ihre Partner häufig. «Ich war richtig gemein, kalt und abgebrüht. Das war mir egal. Ich hatte einen Hass auf Männer.» Sie jobbt in einer Bar und verdient in sechs Monaten so viel, dass sie sich ein Jahr Paris leisten kann. Morgens Französischunterricht, nachmittags Kinderhüten als Au-pair, abends Jagd nach Tabletten und Alkohol. Sie zieht nach Genf, trinkt viel, isst wenig, muss sich häufig übergeben. Verena Felder will sich mit Tabletten das Leben nehmen. Es bleibt beim Versuch, weil die russische Nachbarin die Polizei zu Hilfe ruft.

Felder kommt mit Hilfe eines Arztes von den Tabletten weg, lernt einen Berner Bankangestellten kennen, heiratet, zieht mit ihm nach New York und erhält eine Stelle bei der Uno. Im Job blüht sie auf, doch mit dem grossen Tablettenangebot in den amerikanischen Apotheken kann sie nicht umgehen. 

Als Verena Felder schwanger wird, zieht das Paar nach Bern. Es folgt eine Scheidung Scheidung So tut Scheiden weniger weh in gegenseitigem Einvernehmen, das Leben als Alleinerziehende und ein folgenschwerer Besuch ihrer Schwester. Sie hatte am Vorabend eine Fernsehsendung über Ess-Brech-Sucht und Missbrauch gesehen und fragt ohne Vorwarnung: «Vreni, ich dachte, das bist du im Film! Was war da eigentlich damals mit dir und Werni? Er hat dich doch früher immer in sein Bett geholt.» Verena Felder, mittlerweile über 30, kollabiert. Noch nie hatte sie mit jemandem darüber gesprochen. Sie schliesst sich zwei Tage lang im Zimmer ein, lässt sich volllaufen und kommuniziert mit niemandem. Dann kauft sie sich Fachliteratur, beginnt eine Traumatherapie Trauma Ein Schock, der das Leben verändert . Jede Woche sucht sie einen befreundeten katholischen Pater auf und spricht mit ihm.
 

«Wenn ich meinen Sohn nicht gehabt hätte, wäre ich tot.»

Verena Felder*, Inzestopfer


«Die Therapiezeit war die schlimmste. Alles kam wieder hoch. Am Wochenende war ich nur einmal besoffen. Aber im Büro hatte ich mich im Griff. Wenn ich meinen Sohn nicht gehabt hätte, wäre ich tot. Ich dachte damals immer, wenn er erwachsen ist, werde ich mich umbringen. Mein Glaube hat mich davor bewahrt.»

Seit acht Jahren nun ist Verena Felder clean. Der 59-Jährigen geht es gut. Das erste Mal im Leben. Was ihr fehlt, ist eine Aussprache mit Bruder Werni. Letzte Weihnacht sandte sie ihm eine schöne Karte und einen Textband ihres Paters, in dem es um christliche Vergebung Brutaler Überfall Kann ein Opfer seinem Täter verzeihen? geht. «Könnten wir gemeinsam zu meinem Pater gehen?», schrieb sie Werni. «Er kann uns die Schuld abladen helfen.» 

Werni hat nicht geantwortet. «Er ist gesundheitlich angeschlagen», sagt Verena Felder. «Sein schlechtes Gewissen frisst ihn auf.»


* Namen geändert

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