Alexandra Z.: «Ich bin sehr friedliebend. Es stört mich jedoch zunehmend, dass ich immer nachgebe. Oft fühle ich mich nämlich ausgenutzt. Aber ich kann nur schlecht Nein sagen. Wahrscheinlich sollte ich für die Zukunft etwas ändern.»

Genau, das ist ein prima Plan! Es ist allerdings nicht einfach, dieses Muster zu überwinden. Im Grunde ist es ja positiv und dem Zusammenleben förderlich, wenn Menschen friedliebend sind und nicht die eigenen Ziele ohne Rücksicht auf Verluste durchboxen. Wenn man dabei aber das Gefühl hat, zu kurz zu kommen und ausgenützt zu werden, stimmt etwas nicht mehr. Dann gibt man sich offenbar netter und nachgiebiger, als es einem wirklich entspricht.

Nette lassen sich vom Kurs abbringen

Wer zu nett ist, wehrt sich nicht, wenn sich in der Warteschlange jemand vordrängt. Es fällt ihm schwer, im Restaurant zu rekla­mieren, wenn das Fleisch zu wenig durchgebraten ist. Und immer wieder, wenn er um einen Gefallen gebeten wird, kann er andern den Wunsch nicht abschlagen. Statt also unbeirrt seinen Weg zu gehen, lässt sich ein allzu Netter immer wieder vom Kurs abbringen und verliert sich so allmählich selber. Tatsächlich leidet das Selbstbewusstsein, wenn man zu oft nachgibt und spürt, dass einem immer wieder die Kraft für ein deutliches Nein fehlt.

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Es gibt drei mögliche Ursachen

  • Allzu Nette haben ein besonders starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung durch die andern. Sie möchten jedermann sympathisch sein.

  • Allzu Nette haben eine übergrosse Angst vor Konflikten. Weil sie überzeugt sind, dabei sowieso zu ver­lieren, weil sie nicht geübt sind, in Auseinandersetzungen zu bestehen, oder weil sie auch beim Streiten befürchten, Sympathien zu verlieren.

  • Eine häufig übersehene Haupt­ursache für das Allzu-nett-Sein ist die grosse Sensibilität der Betroffenen. Sie sind besonders empathie­begabt und spüren die Wünsche, die Erwartungen und auch die Enttäuschungen der andern deutlich, selbst wenn gar nicht darüber geredet wird. Natürlich fällt es einem sensiblen Menschen schwerer, Nein zu sagen, als einer robusten Natur, die nur starke Signale aus der Umwelt wahrnimmt.

Man kann sich jedoch seine soziale Fantasie, seine Empathiefähigkeit nicht einfach abgewöhnen. Aber man kann lernen, sich und seine Gefühle ebenso ernst zu nehmen wie die der andern. Wenn man das tut, muss man sich manchmal wehren, muss man manchmal Nein sagen und eine Bitte abschlagen, und man muss manchmal reklamieren.

Die allzu Netten haben ihr Muster in der Regel bereits in der Kindheit erworben – und möglicherweise war es damals die beste Taktik, durchs Leben zu kommen. Erwachsene müssen sich jedoch von Zeit zu Zeit durchsetzen. Am besten übt man das neue Verhalten Schritt für Schritt. Das Einfachste am Anfang und das, was einem am schwersten fällt, am Schluss. Wichtig ist, dass man lernt, auf sein Inneres zu hören und immer schneller und deutlicher zu realisieren, wenn einem etwas gegen den Strich geht. Allzu Nette merken oft erst am Abend, dass sie zu sehr nachgegeben haben, dass sie zu oft mitgespielt und zu oft die Bedürfnisse der andern über die eigenen gestellt haben.

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Hilfreich ist es auch, wenn man sich eine elegante Nein-Formel zurechtlegt, die man bei Bedarf hervorholen kann. Am besten bedankt man sich dabei für die Anfrage und das Vertrauen, um dann freundlich, aber deutlich abzusagen. Wichtig ist es auch, dabei ernst zu bleiben; nur wer ernst kommuniziert, wird auch ernst genommen.

5 Tipps: So geht Nein-sagen

  • Nehmen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse, Erwartungen und Gefühle mindestens so ernst wie die der andern.

  • Lernen Sie, immer deutlicher zu spüren, wenn Ihnen etwas nicht passt.

  • Üben Sie einige höfliche Nein-Formeln ein.

  • Vermeiden Sie bei Ihren Reklamationen und Absagen ein entschuldigendes Lächeln.

  • Üben Sie in kleinen Schritten immer schwierigeres Durchsetzungsverhalten im Alltag.

Buchtipp

Jacqui Marson: «Zu nett für diese Welt? Wer Nein sagen kann, hat mehr vom Leben»; Verlag Goldmann, 2014, 320 Seiten, CHF 14.90

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