Sie leiden unter einer klassischen Zwangsneurose, wie sie schon vor 100 Jahren von Sigmund Freud beobachtet wurde. Ich kann Sie teilweise beruhigen: Solche Zwangsimpulse sind zwar äusserst quälend, aber sie wirken auch wie eine Fessel und werden deshalb nicht in Handlungen umgesetzt. Trotzdem sollten Sie sich therapeutische Hilfe gönnen, um sich davon zu befreien.

Als Ursache wird eine gewisse vererbte Anfälligkeit für Zwanghaftigkeit angenommen. Eine überstrenge Erziehung, die zu einem unerbittlichen Gewissen führt, trägt ebenfalls zur Störung bei. Fachleute sprechen von einem übermächtigen Über-Ich, welches das Ich terrorisiert. Ausserdem wird vermutet, dass die Zwangssymptome frei flottierende Ängste binden. Namenlose Angst ist nämlich das am schwersten zu ertragende Gefühl.

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Die Tischdecke genau sieben Mal ausschütteln

Man unterscheidet Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Zu Letzteren gehört etwa der unwiderstehliche Drang, sich immer wieder die Hände zu waschen, auch wenn sie längst nicht mehr schmutzig sind. Das kann so weit gehen, dass sich die dadurch überstrapazierte Haut teilweise löst. Harmloser ist es, wenn zum Beispiel jemand nach dem Essen die Tischdecke immer genau sieben Mal ausschütteln muss. Geschieht es fünf oder neun Mal, wird die Person von unerträglichen Angstgefühlen überwältigt. Andere Betroffene müssen unaufhörlich die Autos vor dem Haus zählen.

Zu den häufigsten Zwangsgedanken zählt in der Tat der Impuls, geliebten Menschen ein Leid anzutun. Verbreitet ist aber auch der Grübelzwang, die Unmöglichkeit, sich von kreisenden Gedanken - meist Sorgen oder Befürchtungen - zu lösen. Auch gesunde Menschen kennen solche vorübergehenden Momente. Wenn sie etwa von einem Aussichtsturm in die Tiefe schauen, verspüren sie den kurzen Impuls, sich hinunterzustürzen. Sie erkennen aber sofort die Absurdität und können sich schnell vom Sog befreien. Weit verbreitet und auch harmlos ist das Phänomen, dass einem ein Liedtext oder eine Melodie nicht mehr aus dem Kopf geht und man eine Sequenz unablässig innerlich wiederholt oder gar halblaut vor sich hin singt.

Es ist so wie bei allen neurotischen Störungen: Es gibt keine scharfe Grenze zwischen gesund und krank, der Übergang ist fliessend. Die einen sind eben etwas zwanghafter als andere und brauchen strenge Regeln oder feste Rituale, um sich auf der Welt sicher zu fühlen. Wenn einen Zwänge aber unfrei machen, quälen und das Leben beeinträchtigen, müssen sie behandelt werden.