Ruth S.: «Ich vermute, dass ich eher ein neurotischer Typ bin. Freunde haben mir das auch schon gesagt. Können Sie mir diese Wesensart beschreiben? Ist sie ererbt oder erworben? Kann man sie behandeln?»

Man muss grundsätzlich zwischen Neurose und Neurotizismus ­unterscheiden. Der Begriff Neurotizismus wird für eine von fünf Charaktereigenschaften gebraucht. Der Charakter ist per Definition etwas Stabiles, Über­dauerndes und deshalb nur sehr schwer veränderbar. Ein grosser Teil ist wohl vererbt, der Rest in der Entwicklung durch Umwelteinflüsse geprägt worden. Leute mit hohen Neurotizismuswerten sind sensibler, verletzlicher und neigen deshalb eher zur Entwicklung von Neurosen.

Es sind nicht einfach nur die Nerven

Unter Neurosen versteht man eine ­störende Veränderung des seelischen Erlebens, die behandelbar ist und vorübergehen kann. Es können Zeichen für eine neurotische Störung sein, wenn man übertriebene Angst vor Krankheit oder dem Tod hat oder Gefühle wie Trauer, Wut und Verzweiflung nicht innert einer angemessenen Frist vorbeigehen. Wahrscheinlich leiden Sie unter ­etwas Derartigem, sonst würden Sie nicht nach einer Behandlung fragen.

Der Begriff Neurose ist etwa 200 Jahre alt. Er leitet sich ab vom griechischen «Neuro» für Nerv. Im 18. und 19. Jahrhundert glaubte man noch, dass Geistes- und Gemütserkrankungen mit krankhaften Prozessen im Nervensystem zu tun hätten.

Erst Sigmund Freud, der zuerst auch als Nervenarzt arbeitete, entdeckte, dass es seelische Krankheiten mit allein seelischen Ursachen gibt, die sich folgerichtig auch mit psychologischen Mitteln behandeln lassen. Er beschrieb in seiner Neurosenlehre vor allem Zwänge, Ängste und mit den Konversionen das, was man heute als psychosomatische Reaktionen bezeichnet. Es sind nicht die Nerven an sich. Man reagiert neurotisch, weil man bestimmte Lebensereignisse nicht richtig verarbeitet hat.

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Oft sind es schmerzhafte Erfahrungen in der frühen und späteren Kindheit. Um zu überleben, verdrängt das Kind sein Leid, was aber zu einer Erstarrung und Einengung des Erlebens führt. Wer neurotisch ist, hat die seelische Beweglichkeit verloren. Meist führt dies auch zu Schwierigkeiten im sozialen Bereich und insbesondere in der Partnerschaft. Nicht selten sind Einsamkeit und Isolation eine Folge.

Wie man Angewohnheiten verlernt

Neurosen sind grundsätzlich auch ohne Medikamente durch Psychotherapie ­erfolgreich behandelbar. In erkenntnis­orientierten Therapien geht es darum, das Vergessene und Verdrängte durch das Gespräch oder Übungen wieder ins Bewusstsein zu holen. Dadurch, dass die ­unbewussten Konflikte erkannt werden, können nun Lösungen gesucht werden. Das Wiedererleben verdrängter Gefühle ermöglicht ihre Neubewertung. Sie werden nun anders abgespeichert, so dass der Betroffene dem Leben wieder freier begegnen kann. Die Verhaltenstherapie erklärt eine Neurose als Angewohnheit, die unter ungünstigen Bedingungen erlernt wurde. Deshalb kann sie in der Therapie unter kundiger Begleitung auch wieder verlernt werden.

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In der psychologischen Wissenschaft wird der Begriff Neurose heute allerdings nur noch selten verwendet. Man spricht eher von seelischen oder psychischen ­Störungen. Jährlich erkranken 13 bis 26 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz an einer solchen. Nur ein Drittel bis die Hälfte dieser Menschen nimmt allerdings eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch.