Manchmal gelingt es ihr, die Angst im Zaum zu halten. Dann verlässt Rebecca Klaus (Namen aller Betroffenen geändert) die Wohnung, setzt sich ins Auto, nimmt den Termin beim Arzt wahr, geht einkaufen – alles kein Problem. An solchen Tagen kommt sie nach Hause und denkt: «Na also, war doch gar nicht so schlimm.» Erfolgserlebnisse, aus denen sie gestärkt hervorgeht, sollte man meinen. Und die ihr die Kraft geben, es morgen gleich wieder zu probieren.

Doch die 40-Jährige kennt die Angst als unberechenbare Begleiterin, die jederzeit erbarmungslos zuschlagen kann. Wie neu­lich. Rebecca Klaus hatte sich überwunden, ins Einkaufszentrum zu fahren, nahm eine Hürde um die andere: «Bleib ganz ruhig», sagte sie sich, «dir kann nichts passieren. Du verlässt jetzt das Auto, gehst über den Parkplatz ins Gebäude, suchst nach der Haushaltswaren-Abteilung.» Bis dahin ging alles gut. Doch bei den Regalen kam sie, die Angst. Wie eine Schlinge um den Hals, die sich ­zu­zieht – so fest, dass Rebecca Klaus glaubte, ersticken zu müssen. Sie hatte nur noch einen Gedanken: «Raus hier!» Panisch, mit rasendem Herzen stürmte sie aus dem Laden.

Grundlose Befürchtungen

Woher die Angst kommt, kann sich die gelernte Kauffrau nicht erklären. Auch Fachleute kennen die genauen Ursachen von Angststörungen nicht. Meist sind es mehrere Faktoren wie familiäre Belastung, traumatische Erlebnisse, starker Druck im Alltag oder im Job. Die Auswirkungen sind vielfältig: Rebecca Klaus beispielsweise hat panische Angst davor, sich in der Öffentlichkeit übergeben zu müssen, zusammenzuklappen inmitten einer Menschenmenge, vor aller Augen hilflos dazuliegen.

Und die Angst vor dieser Angst hat sich derart tief eingegraben, dass es jedes Mal eine Mutprobe ist, die eigenen vier Wände zu verlassen. Oft schafft sie es nicht. Dann sagt sie Verabredungen ab – den Grund dafür kennen nur ein paar wenige Vertraute. Das Verrückte daran: «Ich bin noch nie zusammengebrochen – es ist mir noch kein einziges Mal passiert.» Sie wisse, dass ihre Befürchtungen irrational seien. Doch das helfe ihr nicht, die Angst zu überwinden. Jetzt will sie eine neue Therapie ­beginnen; sie ist vor ein paar Monaten Mut­ter geworden. «Ich trage Verantwortung für mein Kind, ich kann mich nicht länger verkriechen.» Rebecca Klaus stellt sich auf eine langwierige psychologische Behandlung ein. Und ihr ist klar, dass sie die Angst nie ganz verlieren wird. «Aber ich möchte lernen, mit ihr umzugehen.»

Was Rebecca Klaus durchleidet, heisst Agoraphobie. Eine ­fol­genschwere Phobie. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung leiden irgendwann im Laufe ihres Lebens darunter. «Agora» heisst übersetzt «Marktplatz», doch Agoraphobie ist nicht nur die Angst vor weiten Plätzen. Es ist die Angst, an bestimmten Orten oder bei Menschenansammlungen in etwas hineinzugeraten, was man nicht mehr kontrollieren kann. Typisch ist das Gefühl, in der Falle zu sitzen, nicht flüchten zu können, ausgeliefert zu sein. Die Folge ist oft soziale Isolation. Zudem stecken viele Betroffene im Dilemma: Wenn sie sich jemandem anvertrauen oder zum Arzt gehen, ist von ihrer Angst wenig zu merken, weshalb man sie oft als Simulanten abstempelt.

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Mehr als 700'000 Menschen in der Schweiz leiden unter krankhafter Angst. Sie ist nach Angaben der Schweizer Angst- und Panikhilfe die häufigste psychische Krankheit. Angststörungen zeigen sich aber auf unterschiedlichste Weise. Und nicht alle Ängste sind so folgenschwer wie die Agoraphobie oder die Sozialphobie. Weit verbreitet sind spezifische Phobien: die Angst vor bestimmten Objekten, Situationen oder ­Ereignissen. Arachnophobie etwa ist nicht bloss Ekel, sondern wirkliche Furcht vor Spinnen. ­Et­wa 6 bis 15 Prozent der Menschen leiden unter spezifischen Phobien, heisst es bei der Schweizerischen Ge­sellschaft für Verhaltens- und Kognitive Therapie. Hun­de- oder Schlangenphobie gehören dazu, auch Höhenangst und Angst vor Bakterien. ­Oft werden diese Phobien nicht ernst genommen. Den­noch ­können auch sie mit starkem Leiden verbunden sein und Attacken mit körperlichen Symptomen auslösen.

Der Panik entgegentreten

Wie bei Andreas Zumsteg: Er leidet unter Flugangst. Auslöser dürfte sein erster Flug als Jugendlicher gewesen sein. «Es gab heftige Turbulenzen. Wären wir nicht ­angeschnallt gewesen, hätte es uns wahrscheinlich durch den Flieger gewirbelt», sagt der 43-jährige Filmregisseur. Er ist ­beruflich oft im Ausland, kommt ums ­Fliegen nicht herum.

«Das Drama beginnt schon, wenn ich Tickets bestelle.» Und spätestens in der Abflughalle bekommt er wacklige Knie, Schweissausbrüche, Herzklopfen, Atem­not. Besteigt er den Flieger, verstärken sich die Symptome bis ins kaum mehr Erträgliche. «Und manchmal ist da die schiere Angst, sterben zu müssen.» Oft erträgt er das Fliegen nur mit Valium. Einmal biss er sich beim Start ins Bein. Der Schmerz war stark genug, um die Angst zu betäuben.

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Fürchtet er, das Flugzeug könne abstürzen? «Das auch, obwohl ich weiss, dass es rein statistisch gesehen unwahrscheinlich ist.» Aber hauptsächlich sei es der unerträgliche Gedanke, in einer Maschine zu sitzen, der Technik und den ­Piloten ausgeliefert zu sein – ohne festen Boden unter den Füssen. Auf eine Therapie oder ein Seminar gegen Flugangst hat Zumsteg verzichtet. Er hat selbst ein praktikables Mittel gefunden, mit seiner Flugangst umzugehen: sich der Angst stellen, das Grundprinzip vieler Therapien. Seit Zumsteg öfter fliegt, ist es nicht mehr ganz so schlimm. «Es gab schon Momente, in denen die Angst auf ein erträgliches Mass schrumpfte. Da hat mir das Fliegen sogar annähernd Spass gemacht.»

Wann ist Angst krankhaft?

Angst bewahrt uns vor Gefahren – sie ist natürlich und normal. Bei Angst ist der Körper in Alarmbereitschaft, er be­reitet sich auf Kampf oder Flucht vor: Hormone werden ausgeschüttet, das Herz rast, die Muskeln sind angespannt, man schwitzt und atmet heftig. Angst macht hellwach und reaktionsschnell, kann motivierend und leistungssteigernd sein. Krankhaft und behandlungsbedürftig ist sie aber dann, wenn sie den Alltag stark behindert. Zum Beispiel Sozialphobie: Betroffene vermeiden es, mit anderen essen zu gehen, weil sie Angst haben, man könnte ihre zitternden Hände bemerken. Oder sie lehnen Beförderungen ab, weil sie die Angst vor öffentlichen Auftritten und Arbeitssitzungen nicht überwinden können.

An folgenden Punkten erkennt man, dass die Angst krankhaft ist und therapiert werden sollte:

  • Man hat Angst, obwohl man keiner realen Bedrohung ausgesetzt ist.
  • Man kann das Auftreten und das Ausmass der Angst nicht kontrollieren.
  • Die Angst zeigt sich in körperlichen Symptomen wie Atemnot, Herzrasen, Hitzewallungen, Schwindel.
    Man entwickelt ausgeprägte Erwartungsängste (Angst vor der Angst).
  • Man vermeidet aus Angst objektiv ungefährliche Situationen.
  • Man schränkt aus Angst sein berufliches oder sozia­les Leben ein.
  • Man gibt aus Angst Aktivitäten auf, die das Leben bereichern.

Welche Behandlung in Frage kommt, hängt von der Art und dem Ausmass der Angstsymp­tome sowie der Ursache ab. Wichtiger Baustein ist die Verhaltenstherapie: Betroffene werden Schritt für Schritt mit der Situation konfrontiert, die ihnen Angst macht. So bieten manche Zoos für Schlangen- und Spinnenphobiker spe­zielle Seminare an, bei denen man sich den Tieren nähern kann. Auch Entspannungstechniken können helfen. Medikamente gegen Angst sollten nur unter ärztlicher Aufsicht genommen werden.

Hilfreiche Anlaufstellen

  • Angst- und Panikhilfe Schweiz: www.aphs.ch,Hotline 0848 801 109
  • Schweizerische Gesellschaft für Angststörungen: www.swissanxiety.ch
  • Schweizerische Gesellschaft für Verhaltens- und Kognitive Therapie: www.sgvt-sstcc.ch Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich: www.zadz.ch
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