Frage von Marlies F.: «Wie gehe ich auf einen Menschen zu, der eine nahestehende Person verloren hat? Soll ich nachfragen oder besser das Thema Tod meiden, um nicht zu verletzen?»

Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Hier gibt es keine Patentlösung. Aber Sie sind sicher nicht die Einzige, die sich in dieser Situation unsicher fühlt. Trauernde müssen diese Unsicherheit nämlich oft schmerzhaft erfahren. Bekannte und Nachbarn, die vom Todesfall wissen, machen einen Bogen um die Betroffenen, als ob diese von einer ansteckenden Krankheit befallen wären. «Trauer als Ausschlussgrund» nennt das die Trauerbegleiterin Chris Paul (siehe Buchtipp am Ende des Artikels).

Dieses eigentlich lieblose Ausweichen hat zwei verständliche Hauptgründe. Der erste ist unser Verhältnis zum Sterben. Wir wissen zwar, dass alles Leben vergänglich ist, aber wir verdrängen, dass es auch uns garantiert einmal treffen wird. Durch die Begegnung mit Hinterbliebenen werden wir uns schlagartig der eigenen Sterblichkeit bewusst – das macht uns Angst. Wir reagieren mit einem Fluchtreflex. Wir weichen aus.

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Ein zweiter Grund ist der, dass wir nicht wissen, wie wir Trauernden begegnen sollen. Dürfen wir nachfragen, wie es den Betroffenen geht, oder reisst das vielleicht die Wunde wieder auf? Und was machen wir, wenn die trauernde Person in Tränen ausbricht?

Geteiltes Leid – halbes Leid?

Wenn man mutig auf sein Herz hört und grundsätzlich sorgfältig mit anderen Menschen umgeht, kann man nicht viel falsch machen. Das Wichtigste ist, nicht auszuweichen, sein Mitgefühl auszudrücken und vor allem zuzuhören. Geteiltes Leid ist vielleicht nicht halbes, aber sicher ver­mindertes Leid. Es tut gut, wenn sich jemand dafür interessiert, wie es einem geht.

Aber aufgepasst: Wer anbietet zuzuhören, muss auch offen sein für ein Nein. Trauernde durchleben verschiedene Phasen, und manchmal ist Reden nicht das Richtige. Es ist auch möglich, dass im Gespräch nicht nur Trauer, sondern auch Wut auf den Schicksalsschlag oder andere Gefühle zum Vorschein kommen. Wer hilfreich zuhören will, akzeptiert alles, was den Betroffenen beschäftigt, ohne es zu werten.

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Wichtig ist auch, nicht zu beschwichtigen, zum Beispiel mit Sätzen wie «Du wirst sehen, das Leben geht trotzdem weiter» oder «Die Zeit heilt alle Wunden». Solche gutgemeinten Worte trösten nicht, sondern erwecken den Eindruck, dass der Zuhörer die Schwere des Ereignisses nicht ernst nimmt, also nicht wirklich versteht, was der oder die Trauernde fühlt.

Wenig hilfreich ist auch, nur zu sagen: «Wenn du reden willst, darfst du mich jederzeit anrufen.» Es ist zu wenig. Es ist wichtig, einen Schritt auf Trauernde zuzugehen. ­Obwohl ihnen ein Gespräch gut tun würde, bitten sie nicht darum, um anderen nicht zur Last zu fallen. Vielleicht hat ihnen der Schicksalsschlag auch die Kraft genommen, die Initiative für ein Gespräch zu ergreifen.

Was Trauernden helfen kann und Ihnen auch

  • Das eigene Verhältnis zum Tod klären und sich die eigene Angst und Verunsicherung eingestehen.

  • Trauernden nicht aus dem Weg gehen.

  • Mitgefühl signalisieren.

  • Wissen, dass verständnisvolles Zuhören bereits sehr hilfreich ist.

  • Gelassen bleiben, wenn Trauernde weinen. Weinen gehört zur Trauer (wer nie weinen kann, wird depressiv).

  • Zuhörbereitschaft unaufdringlich anbieten, aber nur, wenn man dafür auch die Zeit und die Ruhe hat.

  • Wissen, dass der Trauerprozess individuell unterschiedlich ist und in Phasen abläuft und deshalb für alles offen sein, was die Trauernden im Augenblick bewegt.



Einige unaufdringliche Möglichkeiten, seine Bereitschaft zum Zuhören anzubieten:

  • «Mich erschüttert es immer, wenn ich von einem Todesfall höre. Bei dir ist es jetzt so nah passiert. Wie gelingt es dir, damit umzugehen?»

  • «Ich habe gehört, dein/deine … ist kürzlich gestorben. Wie kommst du damit zurecht?»

  • «Darf ich fragen, wie du mit diesem Schicksalsschlag umgehen kannst, oder möchtest du lieber nicht darüber reden?»
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Buchtipp

Chris Paul: «Keine Angst vor fremden Tränen! Trauernden Freunden und Angehörigen begegnen»; Gütersloher Verlagshaus, 2013, 176 Seiten, CHF 26.90