Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Ihre neue Freude am Alleinsein ist kein Grund, gleich den Teufel an die Wand zu malen. Dieses Bedürfnis könnte gerade umgekehrt ein Zeichen einer positiven Entwicklung sein und zeigen, dass Sie reifer geworden sind. Es sind nämlich selbstunsichere Menschen, die das Alleinsein schlecht ertragen. Anderseits weist Ihre Bekannte mit Recht darauf hin, dass es in jedem Leben ein Gleichgewicht zwischen Alleinsein und Gemeinschaft geben sollte.

In der modernen Welt sind Alleinsein und Einsamkeit allerdings nicht gerade populär. Jeder möchte dazugehören. Erfolgreiche Leute scheinen ständig von Freunden um­geben zu sein. Die meisten haben Angst vor dem Alleinsein, besonders an Wochenenden oder an Weihnachten.

Dabei hat die Einsamkeit auch ein freundliches Gesicht. Nicht wenige Denker und Künstler haben ein Loblied auf sie gesungen. So schreibt etwa Max Frisch in seinem Tagebuch: 

«Zu den glücklichsten Minuten, die ich kenne, gehört die Minute, wenn ich eine Gesellschaft verlassen habe. Menschen sind eine Anstrengung für mich.»

Max Frisch, Schriftsteller

Oder Franz Kafka, ebenfalls in seinem Tagebuch: «Die Einsamkeit hat eine Kraft über mich, die nie versagt. Mein Inneres löst sich und ist bereit, Tieferes hervorzulassen.» Schon der Philosoph Michel de Montaigne (1533 bis 1592) empfiehlt in seinem Essay «De la solitude», an der Einsamkeit Geschmack zu finden, denn sie führe zu innerer Ruhe und Zufriedenheit. Und Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860) schreibt: «Ganz er selbst sein darf jeder nur, solange er allein ist. Wer also nicht die Einsamkeit liebt, liebt auch nicht die Freiheit.»

Letztlich ist jeder allein

Alleinsein ist aber eine Chance nicht nur für Philosophen und Dichter. Eine erste Begegnung mit der Einsamkeit macht zwar oft Angst. Doch es ist eben eine existenzielle Tatsache, dass jeder allein ist. Wir kommen allein zur Welt und müssen sie allein wieder verlassen. Hermann Hesse sagt es in einem Gedicht: «Seltsam, im Nebel zu wandern! Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, jeder ist allein.» Er schreibt aber andernorts auch: «Einsamkeit ist der Weg, auf dem das Schicksal den Menschen zu sich selber führen will.»

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Wer sich diesem Gefühl, dieser Erkenntnis der grundsätzlichen Einsamkeit nämlich einmal gestellt hat, kann im Alleinsein wertvolle Erfahrungen machen. Wenn wir uns vom Alltagsstress und Lärm zurückziehen und zum Beispiel allein in der Natur unterwegs sind, wird unsere Wahrnehmung sensibler. Was vorher hektisch übertönt wurde, wird jetzt spürbar: einerseits Impulse aus dem Innern und anderseits Impulse von aus­sen. Im Innern erkennen wir unsere Gefühle und unsere Seele besser. Es wird deutlicher, wer wir sind, woher wir kommen, was wir brauchen und wohin wir mit unserem Leben wollen.

Beim Wandern werden wir Teil der Natur

Im Aussen ist eine wunderbare, paradoxe Erfahrung möglich: Auf der einsamen Wanderung kommen wir der Natur näher, fühlen uns immer deutlicher selber als Teil dieser Natur, als Teil eines grossen Ganzen und damit auf einen Schlag aufgehoben und nicht mehr einsam. Jeder Mensch kann das erleben. Ein Stück Einsamkeit tut jedem gut.

Tipps für fruchtbares Alleinsein

  • Akzeptieren Sie die existenzielle Tatsache des Alleinseins eines jeden Menschen. Und ertragen Sie die Portion Angst, die Sie dabei vielleicht spüren.

  • Planen Sie bewusst Aktivitäten, die Sie allein unternehmen wollen.

  • Geniessen Sie Ihre verbesserte Wahrnehmungsfähigkeit für innere Prozesse, wenn Sie allein sind.

  • Geniessen Sie Ihre reichere Wahrnehmung der Welt, wenn Sie allein unterwegs sind, und versuchen Sie, Ihre Verbundenheit mit allem zu spüren.

  • Tragen Sie aber auch Sorge zu Ihren sozialen Kontakten und Beziehungen und pflegen Sie diese regelmässig.
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Weitere Informationen

  • Internet: Einsamkeitstest

  • Buchtipp: Eva Wlodarek: «Einsam. Vom mutigen Umgang mit einem schmerzhaften Gefühl»; Verlag Kösel, 2015, 240 Seiten, CHF 24.90