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Psychologie«Wohin mit meiner Wut?»

Frage: «Schon als Kind wurde ich sofort wütend, wenn ich nicht bekam, was ich wollte. Und wenn man mich heute nicht respektiert, raste ich aus, was ich später bereue – obwohl ich ja selbst unter dem Jähzorn meines Vaters gelitten habe. Kürzlich habe ich von einem Antiaggressivitätstraining gehört. Würde mir das helfen?» Maya Z.

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Es gibt in der Tat Antiaggressivitätstrainings. Die Methode ist unter der Bezeichnung AAT sogar geschützt. Das ist aber eine Behandlungsform für gewaltbereite, oft straffällig gewordene Jugendliche. Also nicht das Passende für Sie!

Ich kann Ihr Anliegen jedoch gut verstehen. Ich glaube Ihnen auch, dass Ihnen Ihre Explosivität schadet, denn in unserer Kultur werden Wutausbrüche bei Frauen sehr viel weniger toleriert als bei Männern. Den ersten Schritt haben Sie aber bereits getan, indem Sie Ihre Ausbrüche als Problem sehen und mir geschrieben haben. Das ist eine erste wichtige Distanzierung, die Sie freier macht. Im Affekt wird man ja von der Emotion mit Haut und Haar erfasst. Es gibt keine Möglichkeit mehr, sich zuzuschauen und zu reflektieren. Man hat nicht nur eine Wut, man ist die Wut. Erst hinterher können Sie dann wieder über den Vorfall nachdenken und bereuen, übers Ziel hinausgeschossen zu sein.

Es gibt aber eine Chance, etwas zu ändern: ganz zu Beginn des Ausbruchs, wenn es Ihnen gelingt, die Wut kommen zu sehen. Versuchen Sie, sich in Situationen, in denen Sie sich ärgern, wie unter einer Lupe zu betrachten. Reagieren Sie immer nach gleichem Muster? Bereits der Umstand, dass Sie sich beobachten, bewirkt, dass der Prozess langsamer abläuft. Das ermöglicht Ihnen, nach und nach Handlungsalternativen zu entwickeln. Werden Sie so Ihre eigene Aggressionstherapeutin. Natürlich kann Ihnen auch eine Fachperson bei den ersten Schritten helfen, Ihre Explosivität anzugehen.

Man kann sich fragen, woher ein so hohes Aggressionspotential überhaupt kommt. Ganz sicher erbt man ein Basistemperament. Die einen Menschen sind impulsiver und aufbrausender, die andern sind sanfter und passiver. Auch Einflüsse der Eltern sind von Bedeutung. Wenn einem eher explosiv veranlagten Kind von den Eltern ein aggressives Modell vorgelebt wird, wirkt sich die Erbanlage natürlich ungleich stärker aus.

Wird man selber Opfer von Gewalttaten, ist die Wahrscheinlichkeit, später selber aggressiv zu reagieren, noch grösser. Aggressionen entstehen aber auch durch Frustrationen. Wenn man keine Wege findet, diese Gefühle auszudrücken, kann sich die Wut stauen und hervorbrechen, sobald der berühmte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt.

Wie immer im seelischen Bereich darf man auch seine Aggressivität nicht verurteilen und sie unterdrücken wollen, wenn man nachhaltig etwas ändern will. Es geht darum, eingefahrene Muster möglichst neutral zu erkennen, dann zu verlassen und Alternativen zu erlernen. 

So zügeln Sie die Aggression

  • Werden Sie sich bewusst, was die Wurzeln Ihrer Aggressionsbereitschaft sein könnten.

  • Suchen Sie Ihr Leben nach chronischen Frustrationsquellen ab und eliminieren Sie sie nach und nach.

  • Prüfen Sie, ob Sie zum Aufstauen von Wut neigen und es versäumen, ­Ärger immer sofort auszudrücken.

  • Schauen Sie immer wieder genau nach innen: Kommt die Wut so schnell, damit Sie nicht spüren müssen, wie weh etwas tut oder wie sehr etwas Angst macht?

  • Sagen Sie, was Sie fühlen: «Das verletzt mich, macht mich rasend.» Was man in Worte fassen kann, hat man bereits etwas im Griff.

  • Wenn Sie von unkontrollierbarer Wut erfasst werden, schaffen Sie äusserlich Distanz: Brechen Sie den Kontakt ab, bis Sie sich etwas beruhigt haben und wieder formulieren können, was Sie derart in Rage gebracht hat.


Buchtipp

Marshall B. Rosenberg: «Gewaltfreie Kommunikation»; Verlag Junfermann, 2001, 208 Seiten, Fr. 36.90

Veröffentlicht am 04. Januar 2010