Frage: «Als Kind war ich etwas übereifrig und tollpatschig. Ich wurde oft ausgelacht. Seither begleitet mich die Scham. Darum verkrieche ich mich, obwohl ich mich nach Geselligkeit sehne.»

Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin:

Übermässige Schamgefühle sind belastende Begleiter. Betroffene schämen sich nicht nur, wenn etwas misslingt, sondern auch dafür, dass sie sich schämen – und dass andere das mitbekommen. Das Bild, das sie nach aussen abgeben, entspricht nicht ihrem Wunsch-Selbstbild. Immer mehr Aufmerksamkeit wird auf das «Wie wirke ich?» gerichtet, und immer eher reagiert das Nervensystem mit dem unangenehmen Gefühl des Überflutetseins.

Aber zuerst einmal: Scham ist menschlich. In allen Kulturen kennt man dieses Gefühl. Scham ist zudem ein wichtiges Korrektiv im Zusammenleben. Was man tun darf in einer Gesellschaft und was nicht, wird zwar von Schuld- und Strafsystemen geregelt. Aber eben auch von der Scham. Schambesetzte Tabus, wie etwa beim Inzest, helfen wirkungsvoll, die Schwächeren zu schützen. Wenn es nur die Androhung von Strafe gäbe, wäre das weniger effizient, denn eine Strafe erfolgt nur, wenn jemand erwischt wird. Ein schambesetztes Tabu wirkt auch dort, wo das Auge des Gesetzes nicht hinsieht.

Im Krieg werden Soldaten teilweise schamlos

Soziale Gemeinschaften reagieren empfindlich auf Scham-Losigkeit, weil sie das friedliche Zusammenleben erheblich gefährden kann. Plünderungen nach Katastrophen oder das Verhalten von Soldaten im Krieg geben einen Eindruck, wie schnell etwas aus den Fugen gerät, wenn schambehaftete «So etwas tut man nicht»-Regeln aus irgendeinem Grund ausser Kraft sind.

Daneben hat Scham auch für den Einzelnen eine wichtige Bedeutung. Sie signalisiert deutlich, wenn Würde und persönliche Integrität verletzt werden, und bietet dadurch die Möglichkeit, Verhalten zu korrigieren.

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Es droht eine soziale Phobie

Schamgefühle können sich aber auch verselbständigen und zu einer sozialen Phobie auswachsen. Anders als Schuldgefühle bezieht sich Scham nicht auf das, was wir tun – sondern auf das, was wir sind. Schuldgefühle empfinden wir, wenn wir etwas Falsches gemacht haben. Mit der Option, es wieder gut- oder das nächste Mal anders zu machen.

Scham aber entsteht da, wo es diese Möglichkeiten nicht gibt. Unser Sein, unser Wesen, unseren Körper können wir nicht so leicht verändern. Sie sind einfach – so und nicht anders. Wenn unsere Person auf diese Weise infrage gestellt wird, sind wir als Ganzes entwertet und beschämt. Und wenn wir uns nun auch noch für unsere Scham schämen, beginnt ein Teufelskreis – man spricht von generalisierter Scham. 

«Wenn unsere Person auf diese Weise infrage gestellt wird, sind wir als Ganzes entwertet und beschämt.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Überall, wo wir gesehen werden, in Kontakt sind, droht diese Vernichtung durch die Bewertung anderer. Und die Vernichtung durch uns selber. Wenn wir nämlich den potenziell kalten Blick der anderen verinnerlicht haben.

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Betroffene sind nicht einfach scheu und schüchtern. Gerade dann, wenn man eigentlich gesehen werden möchte, wertvoll und wichtig sein will, droht ja die Blossstellung, der Absturz in selbstvernichtende Gedanken.

Was hilft gegen übermässige Schamgefühle?

  • Anerkennen Sie Scham als zwar unangenehmes, aber wertvolles Gefühl. Es bietet Hinweise darauf, wo Ihre Grenzen sind – und nötigt Sie, für sich selbst einzustehen.
  • Verkleinern Sie die Distanz zwischen «Das bin ich» und «Das möchte ich sein». Denn wenn diese Lücke gross ist, droht bei jedem öffentlichen Auftritt die befürchtete Entlarvung. Verkleinern kann man die Diskrepanz einerseits durch Anstrengung. Wenn mein Wunsch-Selbst heisst: «weltmännisch, in mehreren Sprachen zu Hause», kann ich Fleiss, Ausdauer und Geld investieren, um so zu werden, wie ich sein will. 
  • Ein anderer Weg funktioniert umgekehrt: Passen Sie Ihr Wunsch-Selbst der Realität an. Stehen Sie zu sich. Und dazu, dass Sie eigentlich doch kein Asket sind, sondern gern essen, liegen und Fernsehserien schauen. Wenn Selbst- und Wunschbild übereinstimmen, versprechen Sie nach aussen nicht mehr, als Sie Ihrem Wesen entsprechend auch einlösen können. Und so müssen Sie sich nicht mehr schämen.
  • Suchen Sie sich für diesen Prozess der Schambewältigung ruhig Begleitung. Üben Sie die Schritte, die aus dem Schneckenhaus herausführen. Besprechen Sie diese in einer Therapie oder in einer Selbsthilfegruppe.

     

Buchtipp

  • «Vom Schämen und Beschämtwerden»; Udo Baer, Gabriele Frick-Baer; Verlag Beltz, 2017, 144 Seiten, CHF 21.90

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an: christine.harzheim@beobachter.ch oder per Post an:

Christine Harzheim
Beobachter
Postfach
8021 Zürich

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