Als im Frühling ein hartnäckiges Virus das Erdgetriebe ins Stocken brachte, hatte sich Iouri Podladtchikov ein Ziel gesetzt: durchatmen. Mal eine Woche lang die Rolle ablegen, in der ihn die halbe Welt kennt – als den Snowboarder, der Gold gewann.

Jetzt ist es Herbst. Und Podladtchikov hat es immer noch nicht geschafft, Pause zu machen. «Manche Leute haben das Gefühl, ich könne jetzt ein normales Leben führen. Aber ich werde immer der Junge bleiben, der Olympiasieger wurde.»

Vor wenigen Wochen hat die Uni wieder angefangen. Der 32-Jährige studiert Kunstgeschichte. Zum Abschied vom Profisport hat er sich Zeit geschenkt. Um seine neue Rolle zu finden. Die Batterien aufzuladen, bevor es in die raue Welt hinausgeht. «Ich muss mein Leben umstellen, damit es wieder harmonisch ist und funktioniert.»

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Im Interview zu seinem Rücktritt, das er der «Sonntagszeitung» gab, sprach Iouri Podladtchikov von einem ersten Kapitel, das nun zu Ende gegangen sei. Müsste er dem zweiten Kapitel heute einen Titel geben, würde er es «Kurzgeschichten – und die Bilder dazu» nennen. Statt in der Halfpipe zu brillieren, stellt er Fotos in Galerien aus. Statt auf dem Berg steht er im Hörsaal und hält einen Vortrag über Grundierungen.

Die Erfolge finden auf kleinerer Bühne statt, noch bezahlen sie die Miete nicht. Das spiele keine Rolle, sagt Podladtchikov. «Wenn ich etwas umsetzen möchte, ist es wie im Sport: Nichts kann mich aufhalten.»

Metakognition: Erfolg dank strategischem Denken

Iouri Podladtchikov besitzt etwas, das Forscher als strategisches Mindset bezeichnen. Er erreicht seine Ziele, weil er sich ständig hinterfragt und Rückschlägen etwas Positives abgewinnt. Wer nach einem Kreuzbandriss denke: «Zum Glück sind es nicht beide!», könne ein erfolgreiches Leben führen. Man müsse die Dinge positiv sehen, sagt der Olympiasieger von Sotschi, so banal das auch klingen möge. Negative Energie führe bloss abwärts. «Minus mal Minus ergibt im Leben nicht Plus.»

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Wenn Podladtchikov im Training auch nach zig Versuchen einen Trick nicht stehen konnte, freute er sich am Abend auf den nächsten Tag, auf die nächste Chance. Er fragte sich: «Was kann ich anders machen, was kann ich besser machen?» So legte er sich im Kopf eine Strategie zurecht, um sein Ziel zu erreichen. Metakognition heisst das.

Die Wissenschaft ist überzeugt, dass Menschen, welche die Fähigkeit zur Metakognition beherrschen, erfolgreicher sind im Erreichen ihrer Ziele. Forscherin Patricia Chen von der Universität Stanford in Kalifornien hat in mehreren Studien nachgewiesen, wie nützlich es ist, einen Plan zu haben. Kurz: zu lernen, wie man lernt.

In einem Experiment schickte Chen einer Gruppe von Schülern eine Woche vor der Prüfung die Erinnerung, in der bloss stand, dass Tag X bald anstehe. Eine andere Gruppe der Klasse liess sie einen Fragebogen ausfüllen. Diese Schüler mussten überlegen, wie gut sie beim Examen abschneiden möchten. Und mit welcher Strategie sie ihr Ziel erreichen wollen. Die zweite Gruppe hatte die besseren Prüfungsresultate.

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Den Krebs besiegen: Daniela Tschan, «Cancer Survivor»

Hat den Krebs besiegt: Daniela Tschan

«Meine Pläne gaben mir Kraft und haben mich motiviert, die Therapie durchzustehen.»

Quelle: Michael Sieber

Daniela Tschan hatte einen Plan. Eine klare Vorstellung davon, wie ihr Leben verlaufen sollte. Mit 23 Jahren wollte sie Mutter sein. Eigenheim, Ferien am Meer. Dann kam der Telefonanruf vom Kinderspital Basel. Der Knochentumor, den man zuvor in ihrem Bein entdeckt hatte, war doch bösartig. Heute ist Tschan ein «Cancer Survivor» – die 25-jährige Solothurnerin hat den Krebs besiegt.

Die Diagnose habe in ihr den Kämpferinneninstinkt geweckt. Ihre erste Frage an die Ärztin war: «Kann ich noch Kinder bekommen?» Für den Fall, dass sie nach der Chemotherapie nicht auf natürlichem Weg schwanger werden könnte, liess sie sich zehn Eizellen entnehmen und einfrieren. Und sie las alles, was sie über Norwegen finden konnte. Eine Reise dorthin war ihr Lebenstraum. Sie wollte das Polarlicht sehen. Danach hätte alles passieren können. Es wäre ihr egal gewesen. «Meine Zukunftspläne gaben mir Kraft und motivierten mich, die Therapie durchzustehen.»

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Manchmal sieht sich Daniela Tschan im Spitalbett liegen. Dann denkt sie: «Schon krass, was ich durchgemacht habe.» Sie ist noch da. Das wird ihr in diesen Momenten bewusst. Vor ein paar Tagen stand sie in Basel am Rhein, als ein Rettungshelikopter über die Köpfe der Konzertbesucher flog. Sie sagte zu ihrer Freundin: «Das letzte Mal, als ich diesen Heli so nahe sah, lag ich im Spital. Jetzt bin ich hier draussen und höre Musik.»

Erfolg bedeutet für Daniela Tschan Weitermachen. Das Leben so gestalten, wie sie es möchte. Und wie es die Prothese zulässt, die sich in ihrem rechten Bein befindet. Am 1. Oktober hat sie einen neuen Job angefangen. Im Altersheim, wo sie mit Menschen zu tun hat. Zuvor hatte sie Feuerlöscher verkauft. Das Polarlicht hat sie noch nicht gesehen. Dafür hat sie jetzt einen neuen Freund, der reiselustiger ist als der alte. Und der gut noch ein paar Jahre warten kann mit der Familienplanung.

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Nicht aufgeben

Der amerikanische Erfinder Thomas Edison soll mindestens 3000 Versuche benötigt haben, bis er eine funktionstüchtige Glühbirne konstruiert hatte. Von ihm stammt das Zitat, Genie bestehe aus 1 Prozent Inspiration – und 99 Prozent Schweiss. Damit man erfolgreich ist, muss Talent vorhanden sein. Viel wichtiger sind aber Beharrlichkeit und Leidenschaft.

Freilich fing Edison bei seinen 3000 Versuchen nicht – einem Sisyphus gleich – stets wieder bei null an. Der Erfinder baute auf Misserfolgen auf, verbesserte stetig seine Idee. Und handelte so ganz im Sinn seines Forscherkollegen Albert Einstein, der sagte: «Die Definition von Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.»

Andere gernhaben: Ruedi Zahner, Mentor und Erfolgsforscher

Ruedi Zahner, Mentor und Erfolgsforscher

«Gewinnen ist einfach. Interessant wird es in der Krise, wenn es nicht läuft.»

Quelle: Michael Sieber
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Auf seiner Website bezeichnet sich Ruedi Zahner als Erfolgsforscher. Der ehemalige Profifussballer, Trainer und Sportchef berät heute Führungspersonen im Spitzensport und in Unternehmen. Er sagt: «Gewinnen ist einfach. Interessant wird es in der Krise, wenn es nicht läuft.» Für einen Fussballtrainer, der an seinem Job hänge, sei deshalb die Niederlage stets das wichtigste Spiel. Fehle in diesem Moment der Mut, neue Wege zu gehen, setze sich eine Abwärtsspirale in Gang, an dessen Ende die Kündigung stehe. «Mein Job ist es, den Trainer unentlassbar zu machen.»

In seiner «Tages-Anzeiger»-Kolumne schrieb der Ökonom Rudolf Strahm, Karrierequalifikation bestehe zu 50 Prozent aus Blendertum und Machtgehabe, zu 30 Prozent aus Netzwerkvorteilen und bloss zu 20 Prozent aus Fach- und Führungskompetenz. Wer erfolgreich sein wolle, müsse ein Narzisst sein.

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Ruedi Zahner hält nichts von diesem Befund. Wahre Grösse sei, sich Schwächen eingestehen zu können. Demütig zu sein, ein Vorbild. Als er Bayerns einstigen Superstar Franck Ribéry einmal fragte, was er an seinem damaligen Coach Ottmar Hitzfeld am meisten schätze, antwortete der Franzose: «Seine Ruhe.» Ruhe schaffe Vertrauen, sagt Ruedi Zahner, und Menschen könnten nur dann Höchstleistungen vollbringen und aufblühen, wenn ihnen Vertrauen entgegengebracht werde.

Die wichtigste Erkenntnis in Ruedi Zahners Erfolgsforschung: vorbereitet sein auf schwierige Momente.

Wer erfolgreich sein will, muss also die Menschen gernhaben. Egal, in welchem Job. «Sich für den anderen zu interessieren, hat mit Respekt zu tun.» Können ist wichtig. Wichtiger ist Persönlichkeit. Ruedi Zahner erklärt das Prinzip mit einer Metapher: Ein Bergsteiger müsse seinen Rucksack packen. Das sei die Voraussetzung, um losziehen zu können. Entscheidend sei aber, dass die Seilschaft harmoniere, wenn sie in eine heikle Situation am Berg gerate. So lautet die wichtigste Erkenntnis in Zahners Erfolgsforschung denn auch: vorbereitet sein auf schwierige Momente. Das heisst, unter Druck Ruhe bewahren. Wissen, was andere benötigen. Gute Entscheidungen treffen.

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Wer auf dem Totenbett nichts bereue, habe ein erfolgreiches Leben geführt, sagt Zahner. In seinem Buch «Frechheit siegt!» rät der 63-Jährige, mutig über die Mittellinie zu gehen. Das Leben finde ennet dieser Linie statt, jenseits der Komfortzone. Nur dort könne man Erfolge feiern, das Unmögliche möglich machen. Nicht in erster Linie für sich, sondern für die Mannschaft. «Erfolgreiche Persönlichkeiten gehen über die Mittellinie und schlagen eine Flanke für ihre Mitspieler!»

Aus dem Überlebensmodus ausbrechen, die Gemütlichkeit abstreifen und in den Schöpfermodus wechseln. Das seien die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches und erfülltes Leben, sagt Zahner. Dahinter stecke natürlich viel Arbeit. Als Coach und Mentor könne er Inspiration liefern und das Werkzeug. Den Weg gehen müsse aber jeder selber. Er halte es da wie jener Zen-Mönch, der einem seiner Schüler gesagt haben soll: «Ich kann dir zeigen, wo sich das Scheisshaus befindet. Aber scheissen musst du selber.»

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Aufstehen und weitermachen: Frieda Hodel, Ex-Bachelorette und Unternehmerin

Frieda Hodel, Ex-Bachelorette und Unternehmerin

«Ich höre auf mein Bauchgefühl und glaube an mich.»

Quelle: Michael Sieber

Frieda Hodel kam während der Finanzkrise «unter die Räder». Auf den Job bei der Bank folgten Weiterbildungen, die Gründung der eigenen Firma, der Auftritt als erste «Bachelorette» im Privatfernsehen.

Ihr Leben als Unternehmerin, Mutter und Influencerin teilt sie heute mit insgesamt rund 45'000 Followern auf Instagram und Facebook. «Ich lebe ein Stück weit von Likes.» Die virtuelle Erfolgswährung schmeichelt ihrem Ego. Springen Follower ab, frustriert und motiviert sie das gleichermassen. «Scheitere besser», das Beckett-Zitat, das sich Tennisprofi Stan Wawrinka auf den Unterarm tätowieren liess, gilt auch für Hodel. Mit den sozialen Medien sei es wie im richtigen Leben: «Es gibt Hochs und Tiefs.»

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Im Wallis betreibt Frieda Hodel eine Health&Lifestyle Lounge. Sie macht kosmetische Behandlungen und gibt Tipps als Gesundheits- und Ernährungscoach. Die 37-jährige Unternehmerin ist stolz, dass sie ihr Image als Reality-TV-Star abgestreift hat. «Ich habe bewiesen, dass ich mehr kann, als bloss Männerherzen zu erobern.»

Es gebe kein Geheimnis für ihren Erfolg, sagt Hodel. «Ich höre auf mein Bauchgefühl und glaube an mich.» Selbstverständlich sei auch sie schon ein paar Mal gestrauchelt. «Dann lautet meine Devise stets: wieder aufstehen und weitermachen.»

Alles geben: Caroline Weibel, Spitzensportlerin und Leutnant

Caroline Weibel, Spitzensportlerin und Leutnant

«Wenn du einschläfst, bevor der Kopf das Kissen berührt, hast du an diesem Tag richtig gelebt.»

Quelle: Michael Sieber
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Wie Iouri Podladtchikov träumte auch Caroline Weibel von Olympiagold. Lange Zeit sah es gut aus für die junge Snowboarderin. Bis zu jenem verhängnisvollen Nachmittag im Sommer 2017 auf dem Gletscher in Zermatt. «Ein Anfängerfehler», wie die Luzernerin heute sagt. Bei einem Sprung stürzte Weibel unglücklich auf den Arm. Zum zweiten Mal innert weniger Monate. Die Platte von der letzten OP, die sie im Arm trug, machte alles noch schlimmer. Als sie im Schnee lag, war ihr erster Gedanke: «Das wars, ich höre auf.»

Im darauffolgenden Winter fanden die Olympischen Spiele in Pyeongchang statt. Elf Jahre hatte sie auf diese Gelegenheit hintrainiert. Jetzt war der Traum, ihrem Idol Tanja Frieden nachzueifern und Olympiagold im Boardercross zu holen, in weite Ferne gerückt. «Als ich realisiert hatte, dass es für diese Spiele nicht mehr reicht, verlor ich den Boden unter den Füssen.»

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Im Sommer 2019 bekam Caroline Weibel trotzdem «Edelmetall». Sie wurde in der Solothurner St.-Ursen-Kathedrale zum Leutnant der Schweizer Armee befördert. Das Abzeichen auf ihrem Béret bekam eine goldene Umrandung. Kein «Plämpu» – aber eine Auszeichnung, für die sie ebenfalls hart arbeiten musste. Nachdem sie ihren Olympiatraum hatte ziehen lassen müssen, machte sie Karriere bei der Infanterie. Heute arbeitet sie als Zeitmilitär beim Kommando Ausbildung der Armee in Bern. Nächsten Sommer möchte sie ein Studium zur Primarlehrerin beginnen – und irgendwann, wenns passt, Kompaniekommandantin werden.

Als ehemalige Spitzensportlerin habe sie eine grosse Leistungsbereitschaft, sagt Caroline Weibel. Sei es beim Kochen eines Nachtessens für Freunde oder beim Biwakieren mit ihrem Zug im Wald. Bei beiden Herausforderungen geht sie systematisch vor: Problemerfassung, Lagebeurteilung, Lösungsentwicklung. Was militärisch klingt, ist Metakognition. Das funktioniert beim Risotto und bei den Rekruten.

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Erfolg zu haben, bedeutet für Caroline Weibel, das machen zu können, was sie liebt. Dafür gibt sie alles. «Wenn du am Abend einschläfst, bevor der Kopf das Kissen berührt, hast du an diesem Tag richtig gelebt.»

Tipps von der «Supermaturandin» Kim Borsky: So geht supergut lernen

2010 schloss Kim Borsky alle neun Maturafächer mit der Note 6 ab. Die Presse nannte die Zürcherin «Supermaturandin». Sie studierte Humanmedizin – und machte parallel dazu einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften. Heute lebt die Ärztin in London und arbeitet in Oxford für den National Health Service. Das sind ihre Lerntipps:

  • In der Schule

Aufpassen im Unterricht! Lehrpersonen signalisieren meistens klar, welche Inhalte man verstanden haben muss, um bei der Prüfung erfolgreich zu sein.
 

  • Für das Staatsexamen

Die Art und Weise kennen, wie geprüft wird: Wie sind die Fragen formuliert, wie viele gibt es, wie viel Zeit habe ich?
 

  • Für die Autoprüfung

Ums Auswendiglernen kommt man nicht herum. Man muss die Strassenschilder kennen. Nicht erst am Abend vor der Prüfung alles ins Kurzzeitgedächtnis stopfen.
 

  • Fremdsprache

Man benötigt eine gute Mischung aus strategischem Lernen und Auswendiglernen. Deutsch als Fremdsprache etwa ist sehr komplex. Versteht man, weshalb in einem Satz ein Akkusativ nötig ist, braucht man auf Dauer weniger Zeit, als wenn man alles auswendig lernt. Aber auch Wörtchenpauken ist nötig.

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