Frage von Gustav Z.: «Ich merke, dass ich mich in letzter Zeit immer öfter aufrege – über andere Menschen, über Missgeschicke und vor allem über mich selbst. Wie kann ich wieder davon wegkommen?»

Indem Sie den Ärger ernst nehmen. Gefühle sind Signale – auch die negativen. Allerdings kann es sein, dass Sie heute grundsätzlich gereizter sind, als Sie es bisher im Leben waren, und auch bei Nichtigkeiten ärgerlich werden. Sie sollten deshalb Ihre Lebensumstände überprüfen: Ist beruflich und privat im grossen Ganzen alles in Ordnung? Fehlt Ihnen etwas? Belastet Sie etwas? Müssen Sie Ihrem Leben eine andere Richtung geben? Wenn Sie Ungleichgewichte finden, sollten Sie darauf reagieren.

Neben diesen grossen Fragen wirft Ihr Ärger aber auch viele kleine auf. Jede ärgerliche Reaktion weist Sie auf eine Unstimmigkeit hin, auf die Sie reagieren können und die sie damit sehr oft besei­tigen können. Wenn Sie den Ärger über andere in einer angemessenen Form ausdrücken, wird er kleiner, und die andern ändern meist ihr Verhalten. Verurteilen Sie Ihren Ärger also nicht, sondern schätzen Sie ihn als Wegweiser für Veränderungen.

Anzeige

Der Mensch hat zwar einen starken, steuernden Verstand, auf den er stolz ist – aber er ist ebenso sehr ein Gefühls­wesen. Und die Gefühle überkommen uns, die können wir nicht steuern. Keiner kann sich willentlich freuen oder ärgern, es geschieht mit uns.

Die sieben Grundgefühle

Die Forschung hat sieben Grundgefühle entdeckt, die in jeder Kultur vorherrschen: Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Über­raschung. Man unterscheidet Gefühle nach Art (unangenehm oder angenehm) und Intensität. Ärger ist offensichtlich unangenehm und von der Intensität her schwächer als Wut, aber stärker als eine Irritation. Je nach Temperament, Verletzlichkeit, Reizbarkeit und Charakter ärgern sich die einen heftiger und häufiger, andere weniger. Aber jeder kennt das unangenehme Gefühl, das einen überkommt, wenn etwas nicht nach Wunsch läuft. Es wird wie alle Emotionen von körperlichen Reaktionen begleitet: Der Blutdruck steigt, vielleicht produziert der Magen mehr Säure. Wer seinen Ärger hinunterschluckt, in sich hineinfrisst oder die Faust nur im Sack macht, kann also Magengeschwüre oder einen Herzanfall produzieren, vor allem wenn er das über Jahre hinweg tut.

Anzeige

Die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast hat ein Buch über den Sinn des Ärgers geschrieben. Ihre zentrale These: Das ungeliebte und lästige Gefühl des Ärgers ist die grosse Chance zur Veränderung des eigenen Lebens, der eigenen Umwelt – und zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit.

In jeder Paarbeziehung etwa ärgert man sich immer wieder, wenn man ehrlich ist. Das ist kein Unglück, sondern der Normalfall. Wenn man das sofort ohne Vorwurf ausdrückt, ist man erstens erleichtert und vermeidet ein Magengeschwür, und zweitens hat der Partner einen Orientierungshinweis, was er bei einem auslöst. In der Regel werden solche offenen Feedbacks eine positive Entwicklung der Partnerschaft anstossen, weil sich Liebende kein dauerndes Ärgernis sein wollen.

Die freigesetzte Energie nutzen

Wer sich über sich selbst ärgert, tut ebenfalls gut daran, nicht einfach zu warten, bis er sich beruhigt hat. Sondern er verändert sich besser so, dass er das nächste Mal mit sich zufrieden sein kann.

Anzeige

Ärger ist mit einem Adrenalinausstoss verbunden, mit einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems. Ärger ist also Energie, die zur positiven Veränderung eingesetzt werden kann. Wer Ärger spürt und ausdrückt, fühlt, dass er lebendig ist, weil es sich um ein intensives Gefühl handelt. Zu erfahren, dass man nicht passiv zu allem Ja und Amen sagt, dass man ärgerlich aufbegehrt, stärkt zudem die Selbstachtung und die Identität.

Verhaltenstipps bei Ärger

  • sich über den Ärger nicht ärgern

  • den Ärger nicht unterdrücken

  • den Ärger als Ich-Botschaft den Verursachern zurückmelden

  • die Ursache des Ärgers erkennen

  • daraus lernen und Veränderungen einleiten
Anzeige

Buchtipp

Verena Kast: «Vom Sinn des Ärgers: Anreiz zur Selbstbehauptung und Selbstentfaltung»; Verlag Herder, 2012, 256 Seiten