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ZwangsstörungWie kämpft man gegen innere Zwänge an?

Der innere Drang, Dutzende Male die Herdplatte oder das Bügeleisen kontrollieren zu müssen: Wie kriegen Betroffene ihre Zwangshandlungen in den Griff?

Eine Zwangsstörung liegt vor, wenn sich einem unangenehme Gedanken und Handlungen wiederholt aufdrängen, die man als unsinnig erkennt – man sich aber gegen deren Auftreten nicht wehren kann.
von aktualisiert am 07. Dezember 2017

Frage: «Ich kontrolliere 25 Mal pro Tag, ob ich die Herdplatte ausgeschaltet habe. Seit der Geburt meiner Kinder haben sich die Ängste noch verschlimmert. Können Sie mir helfen?»

Antwort von Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie Präsident von Pro Mente Sana: 

Es tut mir leid, dass Sie so leiden. Und dass es sich seit der Geburt der Kinder noch verstärkt hat, macht es sicher nicht einfacher. Zwangskrankheiten gehören zu den «versteckten» psychischen Belastungen. Dem Umfeld ist meist nicht bewusst, wie sehr Betroffene leiden. Die meisten wissen recht wenig über Zwangskrankheiten. 

Zwangsgedanken und Zwangshandlungen hingegen kennen wir alle. Wenn wir in die Ferien fahren, kontrollieren wir zigmal, ob wir den Pass wirklich mit dabeihaben. Wir alle haben höchstwahrscheinlich auch schon mehrfach überprüft, ob wir die Herdplatte wirklich ausgeschaltet haben. Der abergläubische Eishockey-Goalie, der vor dem Spiel zweimal den linken und zweimal den rechten Torpfosten berührt, übt eine Zwangshandlung aus. Zwangsgedanken kennen vor allem junge Eltern. Was, wenn sich das Baby plötzlich bewegt und vom Wickeltisch fällt?

Es ist zum Verzweifeln

Sie schreiben, dass Sie nicht nur einzelne Zwangsgedanken haben. Sie haben Hunderte, die Sie den ganzen über Tag begleiten. An schlechten Tagen, wenn Sie erschöpft sind, sind die Zwangsgedanken noch stärker. Dann kontrollieren Sie die Herdplatte bis zu 25 Mal. Jedes Mal sind Sie sich nicht sicher, ob Sie während des Kontrollierens nicht plötzlich die Platte wieder angedreht haben. Es ist zum Verzweifeln.

Man spricht von Zwangserkrankung, wenn man mindestens eine Stunde pro Tag mit solchen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen verbringt. Wie bei Ihnen können es an einem schlechten Tag problemlos drei oder auch fünf Stunden sein. 

Sie schreiben, dass Sie sich diesen Ängsten ausgeliefert fühlen. Eigentlich wissen Sie, dass die Wahrscheinlichkeit verschwindend klein ist, dass sich ihre Kinder im Sandkasten mit einem Keim infizieren. Was aber, wenn doch? Das ist die typische Dynamik von Zwangsgedanken: Das Risiko, dass das eintrifft, was so Angst macht, ist äusserst gering. Falls es aber so wäre, wäre es katastrophal.

«Ängste sind Teil des Schutzinstinkts. Deshalb ist es so schwierig, gegen sie anzukämpfen oder sie loszulassen.» 

 

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

Dass Zwangsgedanken und Zwangshandlungen während der Schwangerschaft in den Hintergrund treten, ist gar nicht so selten. Das hat wohl mit den Hormonen zu tun. 

Leider kehrt das Leiden aber unmittelbar nach der Geburt mit Vehemenz zurück. Auch das ist wohl hormonell bedingt. Und weil Kinder etwas sehr Kostbares sind, ist der Gedanke fast nicht auszuhalten, dass ihnen etwas zustossen könnte. Noch belastender ist das schlechte Gewissen den Kindern gegenüber. Wenn der Vierjährige fragt, warum er sich jetzt schon wieder die Hände desinfizieren soll, ist die Mutter hin und her gerissen zwischen dem, was für den Sohn gut wäre, und dem, was ihre Ängste reduziert.

Ihre Ängste sind Teil Ihres Schutzinstinkts. Deshalb ist es so schwierig, gegen sie anzukämpfen oder sie loszulassen. Bei einer Zwangserkrankung sind diese instinktiven Ängste zigmal stärker und bleiben auch viel länger haften als bei Nichtbetroffenen – auch das macht es so schwierig. 

Sie schreiben auch, dass Ihnen bewusst ist, dass Sie sich von den Ängsten ablenken sollten. Nur gelinge Ihnen das so schlecht. 

Deshalb hier zwei Tipps, die Ihnen hoffentlich ein bisschen helfen:

  • Notieren Sie sich Ihre drei wichtigsten Werte. Zum Beispiel: Sie möchten eine gute Mutter sein, wollen sich für Schwächere einsetzen und gut auf die eigene Gesundheit achten. Wenn Sie nun dabei sind, einem Zwang nachzugeben: Überlegen Sie jedes Mal, ob Sie das nun Ihren Werten näher bringt oder ob Sie sich damit von Ihren Werten entfernen. Werte sind in der Regel Herzensangelegenheiten – und damit kraftvoll genug, um gegen instinktive Ängste zu bestehen.
  • Denken Sie an die kleine Geschichte der zwei Wölfe, die die Grossmutter ihrer Enkelin erzählt: Zwei Wölfe kämpfen gegeneinander, ein guter und ein böser. Die Enkelin fragt, welcher Wolf gewinne, worauf die Grossmutter antwortet: «Der, den du fütterst.» Bei den Zwängen verhält es sich genauso. Wenn Sie einem Zwang nachgeben, ist er das nächste Mal noch stärker. Wenn Sie ihm widerstehen, nimmt er mit der Zeit an Intensität ab.

    Würdigen Sie auch immer wieder Ihre Leistung. Mit Zwängen zu leben, ist sehr anspruchsvoll, gerade als junge Mutter. Reden Sie mit Ihrem engeren Umfeld über Ihre Belastung. Die Leute reagieren oft viel positiver, als es Menschen, die an Zwangskrankheiten leiden, erwarten.

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an:
thomas.ihde@beobachter.ch

Oder per Post an:

Thomas Ihde
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