Das Problem:

«Wenn mir ein Mann lange in die Augen schaut, senke ich meinen Blick und ziehe mich innerlich zurück. In mir drin aber kommen Gefühle auf, die ich nicht zeigen kann. Erst zu Hause lasse ich ihnen freien Lauf und befriedige mich selbst. Deshalb war es mir noch nie möglich, einem wirklich attraktiven Mann näher zu kommen.»

Ruth F.

Koni Rohner, Psychologe FSP:

Es sieht ganz so aus, als würde zwischen Ihren Sexual- und Liebesbedürfnissen auf der einen Seite und Ihren sozialen Fähigkeiten auf der anderen Seite eine grosse Lücke klaffen. Das ist sicher auf Ihre Lebensgeschichte zurückzuführen. Eine Besserung kann aber jederzeit eintreten, wenn es Ihnen gelingt, diese Lücke zu schliessen. Dazu ist es nie zu spät. Wichtig ist, dass Sie erkennen, wie dieses Auseinanderklaffen über die Jahre zu Stande gekommen ist, und dass Sie Wege finden, den Graben zwischen dem, was Sie fühlen, und dem, was Sie ausdrücken, allmählich zuzuschütten.

Es war ein grosser Fortschritt, als vor etwa vierzig Jahren in den Aufklärungsbüchern für Jugendliche stand, Selbstbefriedigung sei weder unmoralisch noch gesundheitsschädigend. Zuvor geisterten nämlich Vorstellungen herum, Onanie könne Rückenmarkschwindsucht, Nervenschwäche oder zumindest Impotenz nach sich ziehen. Katholischen Kindern wurde gedroht, es handle sich um Unkeuschheit, die gebeichtet werden müsse.

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Gut, dass mit der jugendgerechten Aufklärung Schuldgefühle abgebaut werden konnten, denn in den meisten Menschenleben gibt es Phasen, in denen ein Teil oder die ganze Sexualität auf diese Art gelebt wird. Anderseits wird heute eine Gefahr der Selbstbefriedigung übersehen: Die einsame Lust wird nämlich in der Regel von intensiven Fantasien begleitet.

In dieser Traumwelt kann man sich den Sexualpartner selber erschaffen. Selbst wenn man an jemanden denkt, der real existiert, handelt er in der Fantasie so, wie man es sich wünscht oder braucht.

Das ist im realen Leben eher selten. Erstens, weil der Partner eigenen Bildern und Bedürfnissen folgt, und zweitens, weil er nicht weiss, was wir erwarten, da er ja unsere Fantasien nicht kennt. In einer wirklichen sexuellen Begegnung muss also «Eroberungsarbeit» geleistet werden. Man muss seine Bedürfnisse ausdrücken können, die des andern erfragen, ausprobieren, was beiden Lust bereitet, kommunizieren, sich austauschen, einfühlen, mitschwingen, verführen oder sich verführen lassen. Das ist das Schwierige, aber gleichzeitig auch das Schöne und Beglückende an einer echten Begegnung.

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Wer sich allzu lange selbst befriedigt, kann allmählich die Fähigkeit zu solchen Liebesspielen verlieren. Es hat eine Art Selbstverwöhnung stattgefunden. Ausserdem kann ein eigentlicher Teufelskreis entstehen: Kaum lernt die betroffene Person jemanden kennen, werden die Selbstbefriedigungsfantasien belebt. Aus Scham wird der Seximpuls unterdrückt, und es entstehen bereits im unverbindlichen Kontakt massive Hemmungen, manchmal mit Erröten, Schwindel oder Schweissausbrüchen gekoppelt. Er oder sie wird handlungsunfähig.

Aus diesem Muster ausbrechen kann man zum Beispiel in einer Psychotherapie, in der man sich nochmals seiner psychosexuellen Entwicklungsgeschichte bewusst wird. So wird man schliesslich mit Freude anerkennen, dass die urwüchsige Kraft der Sexualität ein liebenswerter Teil unseres Wesens ist und uns einige der intensivsten und schönsten Momente in unserem Leben bescheren kann.

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