Kein Alkohol, keine Gespräche: Klingt nicht gerade nach Spass, wenn Ecstatic Dance Zurich zum Tanz einlädt. Doch die Videos der gleichnamigen Tanzveranstaltungen zeigen glückselige Gesichter.

Und das ist wiederum nicht erstaunlich, denn die positiven Auswirkungen des Tanzens auf Körper und Gemüt sind vielfach belegt. Eine aktuelle australische Metaanalyse etwa zeigt, dass Tanzen die Symptome bei Depressionen und geringfügigen mentalen Einschränkungen lindert.

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Eine Studie aus Spanien wiederum belegt, dass Frauen nach der Menopause, die an einem wöchentlichen Flamencokurs teilnahmen, ihren Blutdruck senken konnten und eine höhere Lebensqualität angaben als eine Kontrollgruppe ohne Tanz. 

Besser mit Musik und Partner tanzen

«Tanzen ist so viel mehr als Bewegung», sagt Reto W. Kressig, emeritierter Professor für Altersmedizin an der Universität Basel. Eindrücklich beweist das eine deutsche Studie, bei der sich Tangotänzerinnen und -tänzer mit oder ohne Musik respektive mit oder ohne Partner bewegten. Mit Musik nahm die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut ab, ohne nicht. Und mit Partner gaben die Tänzerinnen eine bessere Stimmung an als ohne. 

«Tanzen kann man als Anti-Aging-Medizin sehen, noch immer wird unterschätzt, wie gut es unser Gehirn stimuliert.»

Reto W. Kressig, Altersmediziner

«Die Kombination aus sozialem Miteinander, Berührungen und koordinierter Bewegung macht Tanzen einmalig», sagt Kressig zum Beobachter. Er untersucht seit vielen Jahren bei älteren Menschen die Effekte von Rhythmus, Musik und Bewegung. «Tanzen kann man als Anti-Aging-Medizin sehen, und noch immer wird unterschätzt, wie gut es unser Gehirn stimuliert, besonders den Teil, der uns Menschen von allen Tieren unterscheidet.»

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Jenes Frontalhirn ist unter anderem für Planung, Konzentration und Koordination zuständig. Kressig hat in Studien etwa die Wirkung der Dalcroze-Rhythmik auf über 80-Jährige untersucht. Bei dieser Form der musischen Bewegung klatschen Teilnehmende im Takt, wenn am Klavier hohe Töne gespielt werden, bei tiefen Frequenzen gehen sie – und wenn beide Tonhöhen zusammenkommen, klatschen und gehen sie gleichzeitig. 

Ergebnis: Die Senioren in der Studie hatten nach einem halben Jahr wöchentlichem Training ihren Gang erheblich verbessert. Und sie konnten im Gehen Denkaufgaben lösen, ohne stehen zu bleiben – ein etablierter Test für mentale Fitness. 

Es muss vor allem Spass machen

Schon an diesen Experimenten kann man erkennen, dass man nicht unbedingt als Paar tanzen muss, um das Gehirn fit zu halten. Wichtig sei vor allem, dass Tanzen Spass mache, nur dann bleibe man dabei, sagt Julia F. Christensen zum Beobachter. Sie ist Psychologin und Neurowissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main. «Und wenn das in der Disco ist, dann ist das auch gut.» 

«Es gibt quasi für jedes Bedürfnis einen passenden Tanzstil.»

Julia F. Christensen, Psychologin und Neurowissenschaftlerin

Wer besonders die Koordination schulen möchte, wählt besser Paar- oder Gruppentänze, wer eher sportliche Betätigung sucht, ist bei Zumba gut aufgehoben. «Es gibt quasi für jedes Bedürfnis einen passenden Tanzstil», sagt Christensen, Co-Autorin des Bestsellers «Tanzen ist die beste Medizin».

In die Pause tanzen

Wenn die Zeit fehlt, kann man auch im eigenen Wohnzimmer oder gar am Schreibtisch in einer kurzen Pause mit Tanzbewegungen beginnen. Julia F. Christensen und ihr Team haben in einer Studie untersucht, wie sich fünf bis acht Minuten tänzerische Armbewegungen im Sitzen auswirken.

Das Tanztraining fürs Wohnzimmer

«Die Teilnehmer waren danach glücklicher und hatten sogar eine höhere Arbeitsmotivation», sagt die dänische Wissenschaftlerin, die eine professionelle Tanzausbildung einst wegen einer Verletzung abbrechen musste. 

Ein tanzendes Paar, unscharf fotografiert - Tanzen hält jung, fit und macht erst noch ­glücklich. Wie man am meisten davon profitiert – und dabei die eigene Stube auch mal zur Disco umfunktioniert

«Wer zusammen getanzt hat, findet sich sympathischer», sagt die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Julia F. Christensen

Quelle: Getty Images

Solo am Schreibtisch oder im Wohnzimmer fehlt allerdings ein wesentlicher Aspekt: In der Evolution brauchten unsere Vorfahren eine Gruppe, um zu überleben. «Gemeinsam zu tanzen, gibt uns das Gefühl, zusammenzugehören», sagt Christensen. Tanzen hat dabei eine tiefer gehende Wirkung als andere soziale Aktivitäten. «Wir synchronisieren unsere Bewegung und nehmen unser Gegenüber als Teil von uns wahr. Das schafft eine besondere Nähe: Wer zusammen getanzt hat, findet sich sympathischer.» 

Das Demenzrisiko wird verringert

Es deutet also vieles darauf hin, dass Tanzen auch mental fit hält. Schon vor über 20 Jahren zeigte eine US-Studie, dass von elf Bewegungsformen – darunter Velofahren und Schwimmen – nur Tanzen mit einem verringerten Risiko für Demenz verbunden ist.

Vielleicht überzeugt das sogar eingefleischte Tanzmuffel, es mal auszuprobieren? Die Aussage «Ich kann nicht tanzen» lässt Christensen jedenfalls kaum gelten. «Nur etwa einer von 100 Menschen hat kein Rhythmusgefühl und mag dann auch keine Musik», sagt sie. Alle anderen könnten tanzen lernen. Es sei eher eine kulturelle Prägung in Mitteleuropa, dass viele Männer nicht tanzten. «Da könnten wir noch viel von den Südamerikanern lernen – dort tanzen alle.»

Quellen