Alkoholismus: Was sind die ersten Anzeichen? Bild: Thinkstock Kollektion

AlkoholismusWenn Genuss zum Zwang wird

Wer regelmässig Alkohol trinkt, ist nicht automatisch süchtig. Doch der Grat zwischen angenehmer Gewohnheit und Sucht ist schmal. Wie man sein Trinkverhalten nüchtern anschaut.

von Vera Sohmer

Das Bierchen mit den Kollegen hält man in Ehren, und den Wein zum Essen lässt man sich auch nicht verwehren. Zu viel Alkohol? Ach wo, ein bis zwei Gläser am Tag liegen drin, hat der Arzt gesagt. Das sagen alle und ist im Prinzip auch richtig: Gesunde erwachsene Männer sollten nicht mehr als zwei Standardgläser pro Tag trinken, Frauen nicht mehr als ein Glas, lautet die Faustregel.

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Mit Standardglas sind folgende Mengen gemeint: drei Deziliter Bier, ein Deziliter Wein oder zwei bis vier Zentiliter Schnaps oder Likör. Doch Vorsicht: Die Angaben beziehen sich nur auf körperliche Schäden. Für Fragen der psychischen Abhängigkeit ist die konsumierte Alkoholmenge unwichtig. Das massgebliche Kriterium hierfür: Genusstrinken oder eben nicht.

Das bedeutet, das Glas Wein oder Bier bewusst zu riechen und zu schmecken, in kleinen Mengen trinken – und niemals nur nebenbei. Auch ist wichtig, mal Nein zu sagen, wenn man keine Lust auf Alkoholisches hat.

Viele machen sich etwas vor

Der Geniesser trinkt nicht wegen der stimmungs- und verhaltensverändernden Wirkung des Alkohols. Im Unterschied zu vielen Trinkern: Diese bezeichnen sich zwar als Genusstrinker, jedoch verstecken sie sich nur hinter diesem Schein.

Die Grenze zwischen Geniessen und psychischer Abhängigkeit ist schmal. Typisch beim Übergang zur Abhängigkeit sind das zunehmende Bagatellisieren und Verheimlichen des Trinkens. Oder wenn man anfängt sich zu rechtfertigen oder, wenn man einen immer stärker werdenden Druck zum Trinken verspürt.

Den Ärger runterspülen, Schüchternheit überwinden, Stress abbauen, Langeweile überbrücken, Trauer erträglicher machen: In als unangenehm empfundenen Situationen bietet sich Alkohol als Lösung an – man fühlt sich rasch besser. Das Gehirn speichert diese positive Wirkung und erinnert sich in der nächsten vergleichbaren Situation daran.

Besonders anfällig ist man bei Lebensübergängen: vom Kind zum Erwachsenen, Berufseinstieg, Kinder bekommen, Midlife-Crisis, Pensionierung. Aber auch bei Brüchen wie Scheidung, Tod, Arbeitslosigkeit oder Krankheit – lauter gute Gelegenheiten, Alkohol als Bewältigungshilfe einzusetzen. Spätestens dann ist die Grenze zur psychischen Abhängigkeit überschritten, der Weg zurück eine Herausforderung. 

Eine schleichende Erkrankung

Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit, die von einer Fachperson diagnostiziert und behandelt werden muss. Die typische Alkoholkarriere gibt es nicht, der Krankheitsverlauf ist von Mensch zu Mensch verschieden. Aber es gibt Gemeinsamkeiten. Meist entwickelt sich die Erkrankung langsam; es vergehen oft 10 bis 15 Jahre, bis es zu einer Behandlung kommt. Denn die meisten Patienten leiden unter starken Schuldgefühlen und versuchen, ihre Probleme zu verheimlichen. Viele gestehen sich ihr Problem erst ein, wenn eine Reihe sozialer Probleme auftreten: Partnerschaftskonflikte, Arbeitslosigkeit, Fahrausweisverlust.

Alkohol ist eine Substanz, die direkt auf das zentrale Nervensystem wirkt und hochgradig abhängig machen kann. Deshalb sollte man Alkohol immer nur in Massen trinken und an mehreren Tagen in der Woche auf ihn verzichten.

Wo beginnt die Sucht?

An der Grenze zur Abhängigkeit

  • Man denkt häufig an Alkohol: Sind genügend Vorräte vorhanden?
  • Schuldgefühle wegen des Alkoholkonsums.
  • Man vermeidet Anspielungen auf den Alkoholkonsum.
  • Heimliches Trinken, «vorsorgliches» Trinken.
  • Gieriges Trinken der ersten Gläser.


Psychische Abhängigkeit

  • Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren.
  • Verminderte Kontrollfähigkeit ­bezüglich Beginn, Beendigung und Menge des Konsums.
  • Eingeengte Verhaltensmuster: Trinken beeinflusst den Tagesablauf.
  • Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen und Interessen zugunsten des Trinkens.
  • Anhaltender Konsum trotz körper­lichen, sozialen oder psychischen Folgeproblemen.

Alkoholismus: Hier finden Sie Hilfe

  • Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA): www.sfa-ispa.ch
  • Die Anonymen Alkoholiker bieten auf ihrer Website den WHO-Selbsttest «Bin ich Alkoholiker?» und Literatur zum Thema Alkoholmissbrauch an: www.anonyme-alkoholiker.ch

Was Alkohol mit dem Körper anstellt

Gewicht und Gesundheitszustand sind massgebend bei der Frage, wie viel Alkohol man verträgt. Untenstehende Angaben beziehen sich auf gesunde, 70 Kilo schwere Männer, die zum Konsum von Alkohol nichts essen. Für Frauen gelten tiefere Werte: Ihr Körper enthält weniger Wasser, und ihr Stoffwechsel verarbeitet Alkohol weniger gut.

0,2 bis 0,5 Promille = 2 Standardgläser
Nachlassen der Aufmerksamkeit und des Reaktionsvermögens. Seh- und Hörvermögen leicht vermindert. Kritik- und Urteilsfähigkeit sinken, höhere Risikobereitschaft.

ab 0,8 Promille = 5 Standardgläser
Räumliches Sehen ist beeinträchtigt, Blick verengt. Gleichgewichtsstörungen. Stark verlängerte Reaktionszeit. Selbstüberschätzung, Euphorie und zunehmende Enthemmung.

1 bis 2 Promille (Rauschstadium) = 9 Standardgläser
Verwirrtheit, Sprech- und Orientierungsstörungen, starke Gleichgewichtsstörungen. Lange Reaktionszeiten. Übersteigerte Selbsteinschätzung und Verlust der Kritikfähigkeit.

2 bis 3 Promille (Betäubungsstadium) = 14 Standardgläser
Ausgeprägte Gleichgewichtsstörungen. Reaktionsvermögen kaum mehr vorhanden. Gedächtnis- und Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit. Muskelerschlaffung und Erbrechen.

3 bis 5 Promille (Lähmungsstadium) = 23 Standardgläser
Ab 3 Promille: Bewusstlosigkeit, schwache Atmung, keine Reflexe. Ab 4 Promille: Lähmungen, Koma, unkontrollierte Ausscheidungen, Atemstillstand und Tod.

Veröffentlicht am May 08, 2017