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Koni Rohner zu PsychotherapieKeine Rettung in der Not?

Frage: Während einer langen und teuren Therapie hoffte ich immer auf konkrete Lebenshilfe, aber ich erhielt nur Schweigen. Ist es so, dass Psychoanalytiker weder raten noch helfen und dass sie einem Ertrinkenden keinen Rettungsring zuwerfen dürfen? Kuno T.

Ihre Vermutung geht in die richtige Richtung. Die klassische Psychoanalyse kann und will das nicht leisten, was Sie sich vorstellen. Wenn ich bei Ihrem Bild vom Rettungsring bleibe, erwarten Sie ja, getragen zu werden, um nicht unterzugehen. Eine Betreuung rund um die Uhr ist aber nur in einer psychiatrischen Klinik oder einem Kriseninterventionszentrum möglich. Emotionale Unterstützung gibt «Die dargebotene Hand» (Telefonnummer 143). Konkrete Verhaltenstipps können Sie in einer Selbsthilfegruppe erfahren - und schliesslich wird auch ein Berater noch eher Tipps geben als ein Psychotherapeut.

Der Therapeut hilft Patienten vielmehr, Strategien zu finden, dank denen sie wieder selbständig durchs Leben gehen können. Einen Schwimmring braucht man ja auch nur in einer Krisensituation. Sobald man wieder Boden unter den Füssen hat, will man normalerweise wieder auf den eigenen Beinen stehen.

Grosses Erwachen auf der Couch

Die zwei grossen Psychotherapierichtungen unterstützen diesen Prozess, bauen aber auf zwei grundsätzlich verschiedenen Methoden auf. Die Verhaltenstherapie geht, vereinfacht ausgedrückt, davon aus, dass unerwünschte Gefühle von «falschem» Verhalten ausgelöst werden: Jedes Verhalten ist erlernt und kann wieder verlernt werden - erwünschtes oder positives, «gesundes» Verhalten lässt sich jederzeit erlernen. Die Verhaltenstherapie ist also eigentlich ein Training, bei dem ein Ziel festgelegt wird und geeignete Techniken eingesetzt werden, um es zu erreichen.

Die Psychoanalyse wiederum versteht seelische Störungen als unbewusste Konflikte. Ziel der Therapie ist es, diese Konflikte bewusst zu machen, damit sie aufgelöst werden können. Durch die Beziehung zum Therapeuten und das Gespräch mit ihm wird dieser Prozess gefördert. Das Liegen auf der berühmten Couch, von der aus man den Therapeuten nicht sehen kann, soll das Auftauchen der unbewussten Elemente erleichtern, so dass sie bearbeitet werden können.

Aus dem zurückhaltenden und deutend-verstehenden Ansatz der Psychoanalyse hat sich die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie entwickelt. Klient und Therapeut sitzen sich gegenüber. Der Therapeut versucht durch nichtwertendes Einfühlen die Probleme und Gefühle des Klienten zu verstehen. Durch das Gespräch kommt sich dieser selbst immer näher und entwickelt mehr Selbstbewusstsein. Der Therapeut trägt also nicht und er gibt auch keine Ratschläge. Er ist kein Retter, sondern ein verständnisvoller und erfahrener Begleiter. Er weiss, dass in jedem Menschen eine natürliche Kraft steckt, die nach Heilung, nach Ganzheit, nach einer konstruktiven Entwicklung strebt. Er vertraut darauf, das jeder Mensch mit therapeutischer Hilfe seinen eigenen Weg finden kann, auf dem er ohne fremde Unterstützung mit dem Leben zurechtkommt.

Veröffentlicht am 30. Juli 2007