«Wenn ich zurückdenke an mein ganzes Leben, dann muss ich sagen: die letzten sieben Jahre mit Rolf, die waren in sexueller Hinsicht die schönsten. Wir waren beide ganz ungehemmt und unabhängig und konnten tun und lassen, was wir wollten», sagt Klara Grünenfelder*. Sie ist 78 Jahre alt und Witwe. Rolf war der dritte Mann, mit dem sie zusammenlebte. Vor drei Jahren ist er gestorben, seither lebt Klara Grünenfelder allein.

«Ich glaube nicht, dass ich noch einmal mit einem Mann etwas anfangen kann. Wenn ich mich so auf der Strasse umsehe, gefallen mir nur die jüngeren Männer. Und wer von denen nimmt schon eine 78-Jährige? Aber dann kann es passieren, dass es mich wieder ankommt, und dann befriedige ich mich halt selber, wie ich es früher ab und zu auch gemacht habe.»

Sex gehört zu alten Menschen genauso wie zu jungen. Darin jedenfalls sind sich alle befragten Senioren einig. Der Unterschied im sexuellen Erleben sei gar nicht so gross. «Es dauert einfach etwas länger, aber wir haben ja auch mehr Zeit füreinander. Und vielleicht spüren wir nicht mehr alles so intensiv wie in jungen Jahren. Dafür können wir uns besser darauf einlassen. Wir müssen nicht mehr an so vieles gleichzeitig denken», sagt die über 80-jährige Alice Bischof*. Ansonsten habe sich nicht viel verändert. «Wie kann man sagen, heute bin ich 40, und morgen, mit 60, sei alles ganz anders? Ich fühle, was mein Liebesleben betrifft, jetzt nicht anders als mit 20 oder mit 15!» Und Werner Hungerbühler* ist stolz auf sein aktives Liebesleben im hohen Alter: «Sex ist eine Kunst, die von der Pubertät bis zum Tod genossen werden sollte. Auf einer alten Fiedel kann man manch schönes Lied spielen. Es ist eine Frage der Einstellung.»

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Es gibt nicht viele alte Leute, die offen über ihre sexuellen Erfahrungen und Wünsche sprechen. Aber es gibt viele – Männer wie Frauen –, die ihre sexuelle Lust auch im fortgeschrittenen Alter ausleben.

Die bekannte 76-jährige Sexberaterin Marta Emmenegger hat eine Fülle von intimsten Geschichten erfahren, die ihr zugetragen wurden. Sie sagt: «Das Märchen hält sich hartnäckig, ältere Frauen seien nicht mehr an Sex interessiert. Das trifft sicher auf einige Frauen zu, vielleicht, weil sie nicht gute Erfahrungen damit gemacht haben. Aber auch diese können sich täuschen. So erzählte mir eine Witwe, sie sei bei aller Trauer um ihren Mann zuerst froh gewesen, dass sie jetzt nicht mehr Sex haben müsse. Seit einiger Zeit aber werde sie von einem starken Verlangen heimgesucht, erwache sogar nachts deswegen. Nun habe sie eine Bitte an mich: ob ich ihr nicht einen Vibrator besorgen könne, da sie sich nicht in einen Sexshop getraue…»

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Medizinisch getestet: Sex tut gut
Medizinische Studien belegen klar: Sex ist gesund. Und Sex erhält jung. Wissenschaftlich durchgeführte Befragungen zeigen ebenso deutlich: Bis zum 80. Lebensjahr verzichtet die Mehrheit der Frauen und Männer, die in einer Partnerschaft leben, nicht auf Geschlechtsverkehr. Bei 90 Prozent der über 80-Jährigen gehören zumindest noch Zärtlichkeiten und Petting zum Liebesleben. Auf Selbstbefriedigung mögen bis zu 40 Prozent der Frauen und 72 Prozent der Männer über 80 nicht verzichten.

Nicht alle Betagten haben aber das Glück, ihre erotischen Bedürfnisse mit einem Partner ausleben zu können. Tod, Krankheit, körperliche Gebrechen oder Potenzprobleme können den Sex einschränken.

Das Verlangen bleibt trotzdem. Auch bei Menschen in Alters- oder Pflegeheimen. Dort haben die Bewohner aber doppeltes Pech: Nicht nur die körperliche Behinderung schränkt sie ein, sondern oft auch das Pflegepersonal: Sex und Erotik sind an diesem Ort eigentlich nicht vorgesehen.

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Zwar wird heute in den meisten Alters- und Pflegeheimen toleriert, wenn sich neue Paare bilden. Händchen halten und Küsschen geben wird lächelnd akzeptiert. Verlangt aber ein unverheiratetes Paar ein gemeinsames Zimmer, hat das Altersheim bereits ein Problem.

«Pflegearbeit ist auch Beziehungsarbeit, und die ist sehr anstrengend», sagt die Basler Psychologin Waltraut von Klitzing. Sie ist eine der wenigen Fachkräfte, die sich intensiv mit Pflegenden und deren Umgang mit Sexualität in Altersheimen auseinandersetzt. Es gibt auf diesem Gebiet praktisch keine wissenschaftlichen Erhebungen. Das Thema Sexualität ist bisher in der Ausbildung der Pflegeberufe kaum angesprochen worden. In den Arbeitsteams ist es höchst selten ein Thema. Supervision, regelmässigen Erfahrungsaustausch unter professioneller Leitung, gibt es für das Pflegepersonal kaum.

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«Es geht ja um sehr intime, langfristige Beziehungen. Wenn ein Pensionär in ein Altersheim kommt, sieht er die Pflegerin acht, zehn oder zwanzig Jahre, bis er stirbt», sagt Waltraut von Klitzing. «Die Schwestern fassen die Patienten oder Pensionäre bei der Pflege oft in einer Art an, in der man nicht einmal den eigenen Partner anfasst.» Da kann die Verunsicherung gross sein, bei den Pflegenden wie auch bei den Pensionären.

Eine Krankenschwester hat dies der Psychologin Klitzing gegenüber mit einem Beispiel geschildert: «Ich wasche Patienten anders, wenn sie wach sind, als wenn sie schlafen. Wenn der Patient wach ist, habe ich viel mehr Hemmungen. Es ist dann schwierig, ihn richtig zu waschen, die Vorhaut wegzuschieben. Man macht dann ganz schnell. Ich weiss ja nicht, wie das für den Patienten ist und wie er das versteht. Aber ich habe es noch nicht geschafft, darüber zu reden.»

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Die «Schwester» im jungfräulich weissen Gewand gilt gemeinhin als asexuelles Wesen, obschon gerade sie dem Patienten auf sehr intime Weise nahe kommt. Auch die männlichen Bezugspersonen in weissen Hosen können – mangels geeigneten Partners – Objekte der Begierde werden.

Dazu eine Geriatrieschwester: «Manche Leute verlieren ihr Schamgefühl und haben es gern, wenn man sie wäscht. Das kommt auch bei Frauen vor, die von männlichen Pflegern betreut werden. Sie sagen dann vielleicht: "Oh, reiben Sie mich doch noch ein bisschen ein!"»

Im Altersheim ist Sex oft tabu
Wie geht man damit um? Wie grenzen sich Pflegepersonen ab, ohne ihre Patienten zu kränken? Oder wie soll zum Beispiel Schwester Monika reagieren, wenn Pensionär Walter im Aufenthaltsraum öffentlich masturbiert?

Eine Situation, die Waltraut von Klitzing aus der Beratung von Pflegerinnen sehr wohl bekannt ist. «Die Pflegerin ist zum Patienten hingegangen, hat ihm gesagt: Sie sitzen da ein bisschen zu wenig bekleidet, das geht so nicht. Ich zieh ihnen etwas an, dann können wir in Ruhe darüber sprechen.»

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Andere Pflegende reagieren in solchen Situationen mit Entsetzen oder mit Ärger, weiss Klitzing. «Es sollte eigentlich nicht der einzelnen Schwester überlassen sein, wie sie sich verhält. Man muss sich im Pflegeteam klar werden, wie man reagiert. Jede Pflegerin und jeder Pfleger müsste sich bewusst sein über die eigene Einstellung zur Sexualität. Damit sie bei ihren Patienten nicht das bekämpfen, was sie bei sich selbst nicht akzeptieren können.»

Und akzeptieren müssten sie vor allem eins: Dass auch sie im hohen Alter noch ein unwiderstehliches Verlangen haben könnten – nach Zärtlichkeit, Erotik und Sex.

* Alle Namen geändert