Am Heiligabend läuft der Gottesdienst nach dem Geschmack der Pfarrherren und -frauen ab: Die Kirchen vermögen die irdischen Heerscharen kaum aufzunehmen. Verfällt der Pfarrer noch auf den Gedanken, ein allgemein bekanntes Weihnachtslied anzustimmen, so braust ein mächtiger Gesang durchs Kirchenschiff. Festgottesdienst aus dem Bilderbuch. Der Alltag kehrt im Januar zurück. Dann kennen Pfarrerinnen und Pfarrer die kleine Schar von Gottesdienstbesucherinnen wieder mit Namen.

Immer mehr Leute sind offensichtlich kirchenmüde – oder gar nicht mehr Mitglied einer Kirche. Von 1960 bis 1990 ist die Zahl der Konfessionslosen in der Schweiz von knapp 29'000 auf fast 511'000 gestiegen. Und die Erosion schreitet munter voran. Allein im Kanton Zürich verlassen pro Jahr je 3000 Katholiken und Reformierte ihre Kirche. Gesamtschweizerisch waren es 1996 knapp 12'000 Austritte.

In Genf sind fast 20 Prozent der Bevölkerung konfessionslos, in Neuenburg 15 Prozent und in Baselland 10 Prozent. Der eigentliche Ausverkauf aber ist in Basel-Stadt im Gang. Dort hat die katholische Kirche in den letzten 25 Jahren zwei Drittel ihrer Mitglieder verloren; sie zählt heute noch 39'000 Personen. Die evangelisch-reformierte Kirche hat 55 Prozent der Mitglieder eingebüsst und kann noch auf 48'000 Mitglieder zählen.

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Unmittelbarer Anlass für den Kirchenaustritt sei oft die Steuererklärung, schreibt die reformierte Kirche des Kantons Zürich: «Wer sparen will, streicht den schwächsten Budgetposten.»

Mitunter geschieht dies aus schierer Not. Yvonne Pipy, 56, Schweisserin aus St. Margrethen SG, sagt: «Alles ist teurer geworden, nur mein Lohn ist gleich geblieben. 500 Franken Kirchensteuer sind für mich keine Kleinigkeit.» An Gott glaube sie trotzdem, nur brauche sie deswegen keine Kirche.

Auch für Moritz Hübscher, 57, Chauffeur und Landwirt aus Schongau LU, hat die Kirchensteuer die Schallgrenze erreicht. Doch für ihn ist nicht allein die Höhe, sondern die Verwendung ausschlaggebend: «Von der Kirchensteuer geht ein Teil nach Rom. Das will ich nicht», erklärt er und fügt bei: «Ich bin aber bereit, in meiner Gemeinde etwas ans Pfarrsalär zu zahlen.» Hübscher hat Mühe mit der offiziellen Kirche und mit dem (wegbeförderten) Bischof Haas.

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Linksorientierte Phalanx
Enttäuschung über die Kirche ist der Hauptgrund für die vielen Austritte, wie aus einer Basler Studie hervorgeht. Rang zwei für den Austritt nimmt bei den Reformierten die Kirchensteuer ein, auf Rang drei folgt die «Rückständigkeit» der Kirche. Dieser Punkt steht bei den Katholiken schon auf Rang zwei.

Natürlich ist auch in diesem Bereich jeder Kanton ein Sonderfall. So vertreibt die reformierte Kirche des Kantons Zürich die konservativen Gläubigen mit politischen Stellungnahmen. Von konservativen Kirchgängern werde sie als «linksorientierte Phalanx» wahrgenommen. Eine Feststellung, die die Kirche immerhin selbst machte. Oft sorgt ein Gemisch aus religiösen und sozialen Gründen für den Austritt. Eva Treier, 34, Verkaufsleiterin aus Schönenwerd SO, hat sich schon vor zwölf Jahren aus der katholischen Kirche verabschiedet: «Mich stört es einfach, wenn sich Leute unter der Woche gegenüber ihren Mitmenschen miserabel benehmen und dann sonntags in der Kirche ihre Frömmigkeit entdecken. Auch mit der schwangeren Jungfrau Maria habe ich etwas Mühe.»

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Albin Keller ist katholischer Pfarrer von Küsnacht ZH, und er bedauert, dass mit den Austretenden oft kein Gespräch möglich sei. «Wenn auf dem Austrittsschreiben ‹kein Vertreterbesuch› steht, kann man über die Gründe nur rätseln.» Es sei denn, ein zweiter Vermerk «Kopie ans Steueramt» erlaube es ihm, den Austretenden unter den Steuerflüchtlingen einzureihen.

Gesprächsbereit seien hingegen die Unzufriedenen. Albin Keller: «Wer mit dem Papst oder mit Bischof Haas unzufrieden ist, will ein Zeichen setzen. Das gilt auch für all jene, die das Pillenverbot als Einengung betrachten. Diese Menschen halten einen späteren Wiedereintritt für möglich.»

Der Grund für die Zunahme der Austritte liegt aber auch im gesellschaftlichen Wandel: Die Mobilität ist grösser geworden, die Bildung besser und der Lebensstandard höher. Die Folge ist für den Theologen Alfred Dubach klar: «Der einzelne kann sich ein soziales Umfeld wählen, das ihm entspricht. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kirche als soziales Bezugsnetz gewählt wird.»

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Kirche nur ein Teil des Lebens
Vorbei sind die Zeiten, als die Partnerwahl innerhalb der gleichen Konfession geschah, die Ehe den Zweck der Kinderzeugung hatte und die Sprösslinge im Sinn der Kirche erzogen wurden. Eine junge Mutter sagt: «Ich muss bei Freundinnen und Kollegen stets begründen, weshalb ich meine Kinder habe taufen lassen.»

Droht die gottlose Gesellschaft? Die beiden grossen Basler Kirchen haben dies untersuchen lassen – und sind zu überraschenden Schlüssen gekommen: 71 Prozent der Basler betrachten sich im weitesten Sinn als religiös. Sie stimmen dem Satz «Gott ist in meinem Leben wirksam» zu. 45 Prozent beten zumindest einmal pro Woche. Knapp ein Viertel besucht einmal pro Monat einen Gottesdienst – die Katholiken markant mehr. An ein Weiterleben nach dem Tod glauben drei Viertel von ihnen.

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In der gleichen Studie wurde auch die Zufriedenheit der Mitglieder mit ihren Kirchen untersucht. Federführend dabei ist Manfred Bruhn, Professor für Marketing an der Uni Basel. In dessen marktstrategischer Terminologie klingt das wie folgt: «Zentrale Voraussetzung für die Erzielung einer hohen Abnehmerzufriedenheit ist das Erreichen einer hohen Qualität des Leistungsangebots.» Und die liege nur vor, «wenn die Erwartungen an die Leistungen voll und ganz erfüllt werden».

Werden sie aber nicht. Einzig mit den kulturellen Leistungen sind die Mitglieder zufrieden. Die liturgischen und die sozialen Leistungen halten sie für ungenügend. Paradox daran: Die Bevölkerung will gar keine zusätzlichen Angebote der Kirchen nutzen. Zudem spricht man in Basel nicht über die Kirche. Religion ist Privatsache.

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Massnahmen zur Hebung der Zufriedenheit gehörten nicht ins Pflichtenheft des Wirtschaftsprofessors. Einen Hinweis hätte man trotzdem erwartet. Denn wenn zwei Unternehmen laufend Kunden verlieren und mit finanziellen Engpässen kämpfen, drängt sich nach wirtschaftlicher Logik eigentlich nur eines auf: die Fusion.