Der Klang von Regentropfen auf dem Hausdach löst in mir Panik aus. Was ich früher heimelig fand - mit einem Tee in der Hand dem prasselnden Regen zuhören -, ist zum Alptraum geworden.

Den Tag vergesse ich nie: 21. Juni, Sommeranfang, auf der Strasse zwischen unserer Bäckerei und dem Dorfbach sind die Vorbereitungen für den Lyssbachmärit in vollem Gang. Der riesige Stand vor der Bäckerei steht bereits, die Produktion läuft auf Hochtouren. Mein Mann und ich sind gerade in Biel, da kriege ich um zirka acht Uhr morgens einen Anruf: «Frau Rogen, der Bach kommt.» Ich realisiere nicht, wie gefährlich die Situation ist. Dann ein zweites Telefon, diesmal ist es der Chefbäcker: «Das Wasser kommt, der Bach ist innert 20 Minuten zwei Meter in die Höhe geschnellt.»

Wir hetzen nach Lyss, kommen fast nicht zum Betrieb, denn die Unterführung füllt sich bereits mit Wasser. Neben der Bäckerei wate ich im Nass, das mir bis zu den Knien reicht, sehe nur noch Wasser, Wasser überall. Mit Plastikeimern beginne ich drinnen verzweifelt zu schöpfen. Völlig sinnlos, aber ich muss irgendwie reagieren, giesse das Wasser in Abfallcontainer, kann einfach nicht aufhören. Ein Feuerwehrmann nimmt mir den Eimer weg: «Hören Sie auf, Sie können jetzt nichts mehr tun!» Da setze ich mich hin und muss weinen.

«Giele, das reicht nicht!»So schnell, wie der Lyssbach gekommen war, so schnell ging er auch wieder. Im Laden standen etwa acht Zentimeter Wasser. Es floss in den Keller, glücklicherweise ohne Schäden an der Elektronik anzurichten. Beunruhigt und mit sämtlichen Bauunterlagen im Gepäck fuhren wir trotzdem nach Italien in die Ferien. Wir wollten abschalten, konnten uns aber nur schwer erholen, schliefen schlecht, waren am Ende unserer Kräfte. Fast jeden Tag hingen wir fast zwei Stunden am Telefon, um die weiteren Schritte zu koordinieren. Auf jeden Fall verdrängten wir den Gedanken, dass uns das Erlebte noch einmal widerfahren könnte.
Am 8. August ruft mich nachmittags um drei jemand vom Frühwarnsystem an: «Frau Rogen, ich glaube, das Wasser kommt wieder.» Mein Mann, der gerade aus der Physiotherapie zurückkehrt, wo er seinen Arm behandeln lässt, reagiert sofort, fährt zur Lysser Kaserne und bittet um Sandsäcke. «Wir haben noch keine, wir fangen erst mit Abfüllen an», kriegt er zur Antwort. «Giele, das reicht nicht!» Sagts und rast in die Kiesgrube, füllt mit einer Hand und der grossen Schaufel 60 Sandsäcke ab, in strömendem Regen, ganz allein. Als er zurückkommt, die Hände völlig zerschnitten, denke ich: «Das ist ja wie im Krieg!»

Das Leben auf den Kopf gestelltDank den Sandsäcken konnten wir beim zweiten Mal das Schlimmste verhindern. Obwohl wir wieder keine wirklich schweren Schäden erlitten, hat uns der Erwerbsausfall getroffen. Wenn das Wasser kommt und die Feuerwehr mit Gerätschaft auf dem Platz steht, ist an einen normalen Verkauf nicht zu denken.

Mit jedem Regen kehrt seither die Angst zurück. Wir sehen uns nur noch Wetterprognosen an. Regnet es? Regnet es lang? Ich fühle mich hilflos und ausgeliefert. Dass wir mal weggehen, auch nur für ein paar Stunden, ist kaum möglich. Unsere Bäckerei ist ein Familienbetrieb, in den wir viel Arbeit und Zeit investieren müssen. Während der letzten zwölf Jahre Geschäftstätigkeit hatten wir kaum Ruhe. Als Inhaber mit Angestellten können wir nie die Türe schliessen, den Schlüssel drehen und den Betrieb in Ruhe hinter uns lassen. Was ist, wenn das Wasser kommt und wir in den Ferien sind? Das ist kein Leben mehr! Die Lebensqualität ist nicht mehr die gleiche.

Ein grosser ScherbenhaufenSeit der dritten Flut am 29. August haben wir auch Existenzängste. Diese letzte Überschwemmung hat alles zerstört, was wir über Jahre aufgebaut haben. Der Bach kam wie eine Flutwelle und füllte in Null Komma nichts die Kellerräume bis zur Decke. Hilflos versuchten wir, mit Industriestaubsaugern das Wasser abzuleiten. Absolut zwecklos. Plötzlich roch es verbrannt, und Knall auf Fall implodierte die Kühlzelle im Keller. Mein Mann rief: «Jetzt raus!»

Im Keller hatten wir die Tiefkühlanlagen, Kühlräume, Waschmaschinen, das Stromaggregat und das gesamte Rohmateriallager. Das können wir jetzt alles wegwerfen. Allein das volle Lager hatte einen sehr hohen Wert.

Am Abend wollten wir ins Bett, konnten nicht schlafen, schauten immer wieder aus dem Fenster auf den Bach. Ich weinte nur noch. Mein Mann kam zu mir, hielt mich fest, er fragte mich, ob es wieder gehe. Da musste ich mich übergeben - mein Körper war wie im Schockzustand. Ich ging wieder ins Bett und konnte abermals nicht schlafen.

Im Moment funktioniere ich einfach, es bleibt mir gar nichts anderes übrig. Ich versuche, mich am Positiven aufzubauen: Niemand ist ernsthaft verletzt worden, wir haben ein Dach über dem Kopf. Doch das Negative überwiegt im Moment, es gibt viele Ängste. Bis auf weiteres bleibt der Laden geschlossen. Wir müssen das Puzzle rund um die Schäden erst einmal zusammensetzen. Wir haben 27 Angestellte und stehen vor einem Scherbenhaufen Dazu die Frage: Ist es überhaupt vorbei, oder kommt er wieder, der Lyssbach?

Quelle: Alexander Jaquemet
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