Sehr geehrter Monsieur Depardieu, ich dachte immer, dass ein charismatischer Bonvivant wie Sie zu beneiden sei. Doch nun ist mir klargeworden, dass es einem Mann von Welt auch nicht anders geht als dem Durchschnittsbürger. Der Zeitung «Journal du Dimanche» sagten Sie nämlich, dass Sie ­keine Freunde hätten. Und Sie seien niemandes Freund. Beides sei in Ihrer Branche schwierig.

Nicht nur dort! Männerbeziehungen sind ein heikles Thema, denn Gefühlsäusserungen zwischen Männern werden von der Gesellschaft anders betrachtet als jene zwischen Frauen. So ist es nicht erstaunlich, dass Männer selten jemanden haben, mit dem sie stundenlang telefonieren, so wie es Frauen mit ihren besten Freundinnen tun. Männer verkehren anders miteinander. Wir reden nicht gern über unsere Probleme. Lieber reden wir über die Probleme auf der Welt und versuchen, sie zu lösen. Wir kennen keine Furcht und treiben uns im Sport und im Beruf zu Höchstleistungen an.

Doch manchmal hängen wir auch bloss zusammen rum und saufen eins über den Durst. ­Solche Kontakte zu anderen Männern werden auch Sie haben, schliesslich sind Sie kein Einzelgänger. Mit einem Freund ist aber noch mehr möglich. Nehmen wir uns ein Vorbild an Asterix und Obelix. Die haben stets eine Menge Spass und packen vieles an. Und wenn sie sich mal heftig streiten, nehmen sie sich schon bald wieder mit Tränen in den Augen in die Arme und sind füreinander da. Nebst Rivalität, gemeinsamem Genuss und Tatendrang haben nämlich beide auch das Bedürfnis nach seelischen Berührungen.

Anzeige

In Ihrer Branche, wo Sie immer im Mittelpunkt stehen und sich alles um Sie dreht, ist es sicher schwierig, einen Freund zu finden. Zudem besteht die Gefahr, dass Sie völlig egozen­trisch und selbstverliebt werden. Deshalb sollten Sie sich mal überlegen, wem Sie selbst ein Freund sein könnten. Statt sich bejubeln zu lassen, sollten Sie darüber nachdenken, wem Sie sich zuwenden und wem Sie Vertrauen schenken könnten. Dadurch werden Sie sich selbst ein verlässlicher Freund und finden Menschen, mit denen es nur schon ein berauschendes und beglückendes Gefühl ist, dass man zusammen atmet. Wahre Freunde eben, wie Asterix und Obelix.

Herzlichst, Walter Noser