Der freundliche ältere Herr mit dem weissen Rauschebart ginge in seiner Wahlheimat im Appenzellischen glatt als Ländlerkönig durch. Wäre da nicht sein ausgesprochen gepflegtes Hochdeutsch. Weder die 84 Jahre würde man ihm geben noch erraten, womit er berühmt geworden ist – erlaubte das kurzärmelige Hemd nicht den Blick auf die Unterarme, die flächendeckend tätowiert sind.

Wie der ganze Körper. Bei Herbert Hoffmann reihen sich die Tattoos von Hals bis Fuss. «Ich müsste schon suchen, um noch einen freien Flecken Haut zu finden», lächelt er verschmitzt. Mehr als ein halbes Jahrhundert Geschichte trägt Hoffmann auf seiner Haut – Geschichte, die er selber geschrieben hat. Wenn sich heute in der Schweiz sogar Bundesratsgattinnen tätowieren lassen, so ist das auch Hoffmanns Verdienst. Er war einer der Pioniere, die die Kunst des Tätowierens in Europa salonfähig machten.

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Tätowierungen galten als Schandmale
Angefangen hat alles in seiner Kindheit im Hamburg der zwanziger Jahre. Als Bub war Herbert Hoffmann fasziniert von den Tätowierungen eines Bekannten der Familie. Tätowierte waren damals keine Seltenheit. Vor allem in den Hamburger Hafenspelunken traf man manches Prachtexemplar. Aber auch unter den Arbeitern waren Tätowierungen verbreitet – als Zeichen der Klassenzugehörigkeit.

Auch Hoffmann wollte unbedingt eine Tätowierung. Doch diesen Wunsch musste er vorerst auf Eis legen: Die Nationalsozialisten ergriffen in Deutschland die Macht. Tätowierungen galten von nun an als Schandmale, und ihre Träger wurden als Kriminelle verunglimpft – auch aus politischen Gründen, denn viele Tätowierte bekannten sich zum Kommunismus.

Der Kaufmannslehrling Hoffmann erlitt das gleiche Schicksal wie viele seiner Alterskollegen: Zuerst wurde er in den Reichsarbeitsdienst beordert, dann ins Militär eingezogen – schliesslich geriet er in Kriegsgefangenschaft. Ein Mitgefangener, ein lettischer Seemann, trug eine Tätowierung, die es Hoffmann besonders angetan hatte: ein von einem Dolch durchbohrtes Herz – das Symbol für Glaube, Liebe und Hoffnung. Kaum auf freiem Fuss, liess sich auch Hoffmann dieses Motiv in die Haut stechen. Den Tätowierer musste er regelrecht aufstöbern, denn dieser Berufsstand war nach dem Krieg beinahe ausgestorben.

So war er 1949 zu seiner ersten Tätowierung gekommen – es blieb nicht lange die einzige. Hoffmann reiste quer durch Europa und liess sich ein Kunstwerk nach dem anderen verpassen. Schliesslich brachte er sich das Tätowieren selber bei, indem er Hunderte von Tätowierungen zu Übungszwecken unentgeltlich stach. Die Faszination für diese Körperkunst ergriff von ihm Besitz. Sah er auf der Strasse jemanden mit einer Tätowierung, heftete er sich an dessen Fersen und sprach ihn an. Häufig entstanden daraus Freundschaften.

Wertvolle Zeitdokumente erschaffen
Hoffmann dokumentierte diese Begegnungen mit seiner Fotokamera. In den fünfziger und sechziger Jahren entstanden 400 Porträts, die nicht nur in ästhetischer Hinsicht, sondern auch als Zeitdokumente von grossem Wert sind. Einige davon veröffentlichte Herbert Hoffmann letztes Jahr in seinem Buch «Bilderbuchmenschen. Tätowierte Passionen 1878–1952». In den Fotografien und Kurzbiografien spiegelt sich das ganze Panoptikum der Tätowierten: vom armen Strassenfeger, dessen Söhne und Ehefrau vollständig tätowiert waren, bis zum Regierungsrat, der sein Ganzkörpertattoo diskret unter dem Anzug verstecken musste.

Hoffmann betrachtete es damals als seine Pflicht, das schlechte Image der Tattoos zu korrigieren. Vorerst ging er zwar noch einem bürgerlichen Beruf nach – er war Handelsreisender in der Feinkostbranche –, doch insgeheim bereitete er sich auf den Absprung vor.

1960 war es dann so weit. Im Hamburger Stadtteil Sankt Pauli eröffnete Hoffmann die erste Nachkriegstätowierstube Deutschlands. Es ging nicht lange, bis die Medien auf den Exoten an der Reeperbahn aufmerksam wurden. Sein Auftritt in Robert Lembkes Berufsrateshow «Was bin ich?» 1963 entfesselte einen regelrechten Tätowierungsboom. Aus ganz Deutschland reisten Leute, die sich tätowieren lassen wollten, zu Hoffmann, und auch aus dem Ausland kamen Anfragen. Ein italienischer Geschäftsmann zum Beispiel flog extra nach Hamburg und wurde zu einem Stammkunden. Eine ganze neue Tätowierergeneration aus dem In- und Ausland erlernte fortan von Hoffmann das Handwerk; auch in der Schweiz verdankt ihm so mancher Künstler das Können.

Hoffmanns Tätowierstube wurde zur Goldgrube. Bis zu 50'000 Menschen tragen inzwischen einen «echten Hoffmann». Seine Motive wurden legendär – allen voran der «Hoffmannsche Adler» mit weit gespanntem Flügelpaar. Sein riesiges Vorlagenrepertoire verbreitet nostalgischen Glanz und Hafenromantik: Dreimaster, Hawaiischönheiten, Matrosen mit imposantem Bizeps, Adler, Herzen – und immer wieder das «Seemannsgrab», das blumenumrankte Grabkreuz.

«Schweizer toleranter als Deutsche»
Mitte der achtziger Jahre beschloss Hoffmann, in Pension zu gehen. Ohne grosses Bedauern liess er das lebhafte Sankt Pauli zurück und suchte die Ruhe in Schwendi im appenzellischen Heiden. Seitdem lebt er hier in einem gemütlichen alten Holzhaus, mit Blick auf die sanften grünen Appenzeller Hügel. Er wird nicht müde, seine neue Heimat zu loben: Alles gefalle ihm hier, die Landschaft, die Menschen, die immer freundlich und liebenswert seien. In der Schweiz habe er mit seinen Tätowierungen nie Probleme gehabt, sagt Hoffmann. «Die Schweizer sind viel fortschrittlicher und toleranter als die Deutschen.»

Trotz Rückzug aufs Land ist es dem munteren alten Mann nie langweilig. Sein Terminkalender ist randvoll wie der eines Topmanagers. Er pflegt einen grossen Bekanntenkreis, und er ist als Ehrengast immer wieder im In- und Ausland an Treffen von Tätowierern zu sehen – an so genannten Tattoo Conventions.

Die hiesige Tattoo-Szene begegnet ihrem Doyen mit gebührendem Respekt. Manch einer seiner Bewunderer hat ihn schon um eine Tätowierung gebeten. Wenn es darum geht, jemandem eine «wirkliche Freude» zu machen, lässt er sich erweichen, setzt die Brille auf und greift zur Nadel. Und so gibt es auch zwischen Bodensee und Rheintal einige Glückliche, die den «Hoffmannschen Adler» zwischen den Schulterblättern tragen.