Sonntag, 20. Juni, kurz nach 20 Uhr. Es läuft die Sendung «Marktplatz» auf SF2. «Wir versprechen unseren Kunden, dass sie jeden Monat einen Partner kennenlernen, der für sie astrologisch ausgetestet ist.» Sanft und gewählt erklärt Peter Steiner vom «Astro-Team» dem Moderator Marco Castellanetta seine Partnervermittlung namens «Astro-Dating».

Jeden Monat einen neuen Partner? Für bloss 30 Franken? Bei manchem Studiogast mögen Zweifel aufkommen am vollmundigen Versprechen. Trotzdem wirkt der gebräunte und gepflegt auftretende Chef von «Astro-Dating» seriös auf jene, die ihn nicht kennen. Und das sind fast alle Anwesenden an diesem Abend.

Doch unter den TV-Zuschauern zu Hause springt einer auf und sagt erregt zu seiner Frau: «Du, schau mal, den kennen wir doch, das ist Max Linther. Und jetzt nennt er sich Steiner? Das gibt’s doch nicht.» Eine Reihe hinter «Steiner» entdeckt das Zuschauerehepaar auch Linthers Sohn Aldo: «Kein Zweifel, das sind die beiden.» Und an einem ganz andern Ort – ebenfalls vor dem Fernseher – elektrisiert es einen Handwerker. «Da! Das ist er, der Linther.» Der schulde ihm noch 1000 Franken, sprudelt es aus dem Mann heraus.

Die beiden «Marktplatz»-Zuschauer haben richtig getippt. Max Linther alias Peter Steiner pflegt ein lockeres Verhältnis zur Wahrheit. Als ihn der Beobachter am nächsten Tag darauf anspricht, bestreitet er heftig, unter falschem Namen am Fernsehen aufgetreten zu sein. Auch die Frage, ob Aldo Linther sein Sohn sei, verneint er. Doch er weigert sich beharrlich, seine Identität als «Peter Steiner» zu belegen: «Meine Identität tut nichts zur Sache.»

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Auch Sohn Aldo streitet das Doppelspiel seines Vaters ab: «Herr Steiner ist nicht Max Linther, und er ist auch mit Sicherheit nicht mein Vater.» Vorsichtiger äussern sich die beiden Astro-Dating-Mitarbeiterinnen, die ebenfalls im Studio sassen. Susanne D. will «lieber nichts sagen». Ihre Kollegin Sandra B. verheddert sich in Ausreden, beschimpft den Beobachter-Redaktor als «krank» und empfindet die Fragen als «Belästigung».

Geschwindelt hat Max Linther bereits früher. In einer Zeitung für Stellensuchende plazierte er als Verantwortlicher der Zürcher Meinungspresse Verlags AG im Jahr 1996 ein fremdenfeindliches Gedicht: «Herr Asylbetrüger, na wie geht’s? Oh, ganz gut, bring Schweizern Aids…» Diesen und andere Ergüsse rechtfertigte er mit der Begründung, er habe damit nur allgemeine Vorbehalte aus der Bevölkerung aufgreifen wollen. Dem Beobachter gegenüber gab sich Max Linther als «Aldo» Linther aus.

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Max Linther wirkt im Hintergrund
Aldo war der Chef der Verlagsfirma und damit theoretisch auch Vorgesetzter seines Vaters. Die Firma hatte der Sohn bereits 1995 gegründet – im zarten Alter von 20 Jahren. Als Hauptzweck führte sie eine «Stellenzentrale», die mit einem eigenen Stellenanzeiger – heute via Internet – Personal vermitteln wollte. Später baute der Verlag den Privat-Vertragungs-Dienst (PVD) auf, eine Prospektverteilorganisation. Obwohl Aldo Linther betont, er führe als «Jungunternehmer» die Firma selber und habe nur das «Know-how» von seinem Vater übernommen, berichten Kunden, der Junge wirke eher als «Ausläufer seines Vaters». Eigentlicher Chef, so wird übereinstimmend gesagt, sei Max Linther.

So war es schon bei der «Neuen Vertragungsdienst (NVD) AG» gewesen. Diese Firma hatte Linthers Tochter Maya als 23jährige 1991 gegründet. Nachdem zwei Revisionsfirmen vor dem drohenden Zusammenbruch gewarnt und das Mandat niedergelegt hatten, ging die NVD 1997 in Konkurs.

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Ein Stehaufmännchen
Im Schuldenmachen ist Max Linther kein Anfänger. Bei vielen Betreibungsämtern der Stadt Zürich und in anderen Gemeinden ist er ein «alter Bekannter». Ganze 33 Verlustscheine im Wert von über 90'000 Franken sind im Betreibungsauszug von 1993 bis 1998 aufgeführt. Dazu kommen zahlreiche Betreibungen der Jahre 1997 bis 1999 in ebenfalls fünfstelliger Höhe. Unter den Gläubigern finden sich Vermieter, Geschäftspartner, Krankenkassen, Steuerämter, Polizeistellen und andere staatliche Einrichtungen.

«Im November letzten Jahres konnten wir endlich seinen Lohn pfänden», stöhnt eine Gläubigerin. «Allerdings haben wir bisher noch keinen Franken erhalten.» Kein Wunder, denn Max Linthers Arbeitgeber ist niemand anders als Sohn Aldo respektive der Meinungspresse-Verlag.

Auch Karl S. ist nicht gut auf Max Linther zu sprechen. Der Vertreter einer Erbengemeinschaft hatte Linther in den achtziger Jahren ein Darlehen von 200'000 Franken zum Aufbau eines geplanten Freizeitparks in Astano TI gewährt. Doch das Projekt mit dem klangvollen Namen «Parcodoro» geriet zum Flop – quasi zum «Parco zero». Heute hat S. von seinem Darlehen bloss noch zwei Verlustscheine von 222'981 Franken in der Hand.

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Trotzdem lebte das «Stehaufmännchen Linther» – so der Gläubiger Karl S. – jahrelang im gemieteten Einfamilienhaus und fuhr vorzugsweise Firmenwagen. So nutzte er etwa das Auto der «Grüezi-Genossenschaft», einer Selbsthilfeorganisation für Behinderte, zu privaten Zwecken. Hans Morgenthaler, Präsident der Grüezi-Genossenschaft, wirft seinem ehemaligen Geschäftsführer Linther chaotisches Geschäftsgebaren vor. So sei er vor ein paar Jahren mit drei Schachteln Zetteln auf das Betreibungsamt gegangen und habe gesagt: «Das ist die Buchhaltung.» Dann war auch dieses Unternehmen pleite. Linther sagte adieu und wechselte die Adresse.

Eine «absolute Dreistheit»
Was meint Partnervermittler Max Linther alias Peter Steiner zu all diesen Vorwürfen? Nach seiner Enttarnung liess er ausrichten, dass er nur schriftliche Fragen beantworte. Doch auch diesmal flunkerte er und ging auf keine einzige von neun gestellten Fragen ein. Dafür wetterte er etwas über «frechen und dreckigen Journalismus» und hängte den Hörer auf.

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«Marktplatz»-Moderator Marco Castellanetta schüttelt nur den Kopf über die «absolute Dreistheit» des Astro-Dating-Chefs. «Das gabs bisher nur in Deutschland, dass schnelle, anonyme Geschäftemacher im Fernsehen auftreten. Nun wird das auch in der Schweiz zum Problem.»

Die interne Kontrolle, ärgert sich der Fernsehmacher, habe in diesem Fall versagt. Man habe zwar vor der Sendung den Betreibungsauszug des Partnervermittlers überprüft. Doch der war leer – weil er auf den Namen «Peter Steiner» lautete.