Der Saal war voll, die Show perfekt: Über 100 Jugendliche bewunderten im Zürcher Luxushotel Renaissance, wie Moderatorin Deborah im Scheinwerferlicht den Teenagern einheizte. Rosemarie Bell (Name geändert), Mutter der 15-jährigen Nathaly (Name geändert), ist noch heute beeindruckt: «Die Show war absolut professionell aufgezogen.» Doch um ein Haar hätte der Ausflug in die Welt der Stars und Sternchen in ­einem finanziellen Desaster geendet.

Die US-Agentur International Presentation of Performers (Ipop) hatte gekonnt auf der Klaviatur der Sehnsüchte gespielt: «Wir geben jungen Talenten eine Chance, die Welt der Unterhaltung und der Modeindustrie kennenzulernen.» Dazu tourt Ipop um die Welt, war jüngst in Zürich und Genf. Jugendliche erfahren davon über Face­book, sie können sich für Gesang, Schauspiel, Tanz und Modeln melden. Die Besten dürfen in die USA fliegen und angeblich vor grossen Namen des Showbiz auftreten. Versprochen werden Treffen mit Dutzenden von Model-, Gesangs- und Schauspielagenten.

Eine Art Kaffeefahrt für Teenager

Vier Stunden lang mussten die Bells am Casting in Zürich warten, bis Na­thaly ihren Text vorsprechen durfte. «Sie war hypernervös, hatte wochenlang für diesen Auftritt geübt», sagt die Mutter. «Im Saal hatte es aber herzlich wenig Talent.» Ipop-Veranstalterin Deborah kündigte am Ende an, dass man die besten Talente am selben Abend per E-Mail benachrichtige, ob sie für eine zweite Runde eingeladen würden.

Das zweite Treffen, zu dem offensichtlich die meisten Jugendlichen der ersten Runde durften, war eine eigentliche Verkaufsveranstaltung, sagt Mutter Bell. In Einzelgesprächen wurden die Eltern für das Treffen in Los Angeles bearbeitet. Die Teenager fühlten sich als Auserwählte. Entsprechend beknieten sie ihre Eltern, sie weiter zu unterstützen.

In Realität ist die Reise in die USA eine Art Kaffeefahrt für Teenager. Wer tatsächlich Agenten und Manager der Mode- und Musikindustrie treffen will, muss bei Ipop ein modulartig aufgebautes Programm kaufen. Wenn beide Elternteile mitreisen wollen, kostet das fast 12'000 Dollar. Inbegriffen sind fünf Hotelnächte, «private Unterhaltung mit Agenten und Managern» und ein Gespräch über Skype mit einem Hollywood-Schauspieler. Dazu «Zugang zum roten Teppich», um glamouröse Bilder von sich zu schiessen. Von einer Ausbildung ist keine Rede, Flug und Essen sind nicht inbegriffen.

Vor Ort wird den Jugendlichen suggeriert, sie müssten – gegen Geld – ein professionelles Fotoshooting oder ein Training absolvieren, um ihre Chancen zu erhöhen. Ipop reagierte nicht auf eine Anfrage des Beobachters.

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«Verkauft wird eine Illusion»

Bei Bells schrillten die Alarmglocken, als ihnen klarwurde, dass man nur schon zahlen musste, um Agenten und Coaches zu treffen. «Unsere Tochter war am Boden zerstört, als ich ihr ­sagte, was hier abläuft.»

«Solche Veranstaltungen verkaufen eine Illusion und meist keine Aus­bildung», sagt Salva Leutenegger, Geschäftsleiterin des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbands. «Das Resultat sind Enttäuschungen. Die Eltern haben viel Geld ausgegeben und die Jugendlichen nichts gelernt.» Der Weg auf die Bühne dauere Jahre. Ohne handfeste Ausbildung, meist auf Hochschulniveau, gehe nichts. «‹Berühmt werden› ist kein Beruf. Ausgebildete Tänzer, Sänger oder Schauspieler leisten knochenharte Arbeit.»

Castingagenturen: Das sollten Sie unbedingt beachten

  • Vermittler, die die grosse Karriere versprechen, haben es vor allem auf zahlungswillige Eltern abgesehen.

  • Lassen Sie gesundes Misstrauen walten. Forschen Sie nach, wer hinter Anlässen und Agenturen steckt.

  • Lesen Sie Verträge aufmerksam durch, bevor Sie unterschreiben. Lassen Sie sich nicht unter Zeitdruck setzen.

  • Man sollte nie allein an ein Treffen gehen, schon gar nicht, wenn man minderjährig ist. Erziehungsberechtigte sind bessere Begleiter als eine Kollegin.

  • Vorsicht bei Schmink- und Laufstegkursen. Sie sind meist teuer und ersetzen keine Ausbildung.