Pfingstsonntag, 11. Juni 2000. Im Kreis seiner Schäfchen ruft Erzbischof Romulo Braschi den Heiligen Geist an. Ergriffen hören die rund dreissig Gläubigen zu, mit dabei ein paar Kinder. Monsignore und seine Gemeinde stehen in einem Rohbau – in der Nähe eines Waldrands in Thörigen BE.

«Wir feiern oft im Grünen», sagt Diakonin Brigitte B., die das Generalordinariat der «Katholisch-Apostolischen Charismatischen Kirche Jesus König» führt. Für den gemütlichen Teil haben die Kirchgänger Kuchen und Salate mitgebracht. Sie sitzen beieinander, reden und basteln mit den Kindern. Und Seine Eminenz sorgt dafür, dass das «Charisma der Heilung» auf Körper, Geist und Seele einwirkt. Wie in einer Urchristengemeinde.

Das will die «Charismatische Kirche» auch sein, als dessen Oberhaupt Romulo Antonio Braschi sich feiern lässt. Der 59-jährige ehemalige römisch-katholische Priester kam vor etwa sieben Jahren aus Argentinien nach Europa. Er zählt sich zur unabhängigen lateinamerikanischen Kirche, die zu den Wurzeln zurückfinden will. In München liess sich Romulo Braschi 1998 von einem Glaubensbruder weihen – zum Erzbischof «von München, Zürich, Buenos Aires und San Salvador de Bahia». Ein weltumspannender Anspruch für eine Splittergruppe.

Gemäss Alicia Cabrera Braschi zählt die Kirche in der Schweiz nur «ein paar Dutzend» Anhänger. Alicia, eine 48-jährige frühere Tangolehrerin, ist Monsignores Ehefrau. Auf seinen Titel legt sie grössten Wert. Bei der Bischofsweihe in der Salvator-Kirche in München assistierte sie ihm im weissen Gewand – zusammen mit der jüngsten Tochter von Diakonin Brigitte B.

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Wenig später hat Hochwürden dann Alicia zur Priesterin geweiht – zur ersten und einzigen der «Charismatischen Kirche». Eine Familienkirche quasi? «Nein, gewiss nicht», verteidigt sich Frau Erzbischof gegenüber dem Beobachter, «mein Mann wollte es einfach so.» Das Priesteramt der Frauen und der fehlende Zölibat seien denn auch der Hauptunterschied zur verwandten römisch-katholischen Kirche.

Teures spanisches Murmeln
Anders sieht es die Schweizer Bischofskonferenz. Kaplan Joachim Müller, Leiter der katholischen Arbeitsstelle «Neue religiöse Bewegungen», bestreitet mit Nachdruck, dass die esoterische Sondergemeinschaft etwas mit der katholischen Kirche zu tun habe. Im Gegenteil: «Romulo Braschi ist ein Vertreter der "episcopi vagantes", der so genannten "Wanderbischöfe".» Seine Gemeinde biete «seelsorgerische Beratung bis hin zum Exorzismus» an.

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Wanderbischof oder Wunderbischof? Braschis Spezialität sind jedenfalls «spirituelle Heilungen». Das weiss etwa Cornelia F., die sich wegen Ehe- und anderen Problemen an Braschi gewandt hatte. «Er legte mir die Hände auf den Kopf, murmelte etwas auf Spanisch und verliess nach einigen Minuten den Raum. Später kam er zurück und sagte, es sei alles in Ordnung.» Preis für das kurze Ritual: 600 Franken.

Doch Cornelia F.s Schwierigkeiten waren damit nicht gelöst. Immer wieder besuchte sie den Heiler, «mal zehn Minuten, mal eine halbe oder eine ganze Stunde». Die Audienzen wurden immer teurer, von 1200 bis 4000 Franken. «Ich war am Boden, mein Mann hatte Krebs. Je schlechter es mir ging, desto mehr verlangte er.» Einmal liess sich Cornelia F. von Braschi das Haus von bösen Geistern «reinigen»: Die Zeremonie mit Kerzen, Kochsalz und etwas Schiesspulver kostete 10'000 Franken.

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Da Braschi keinen Schweizer Wohnsitz hat, entwickelte er ein raffiniertes System der Kundenwerbung. Seine Anhängerinnen inserieren für ihn in der «Glückspost» unter den Namen von Engeln: «Andrea de Xapana», «Bettina de Oia» oder «Brigitte de Pandà». Die Lebensberaterinnen offerieren unter kostenpflichtigen Telefonnummern «Schutz gegen Schwarze Magie», «karmische Rückführungen», «spirituelle Reinigungen» und anderes mehr.

Wer nicht am Telefon «geheilt» wird – und das sind viele –, wird zu einer Audienz beim Bischof geladen. «Ich stand unter grossem Druck», sagt «Andrea de Xapana», die ausgestiegen ist, «pro Woche hätte ich ihm zehn Kunden beschaffen sollen.» Braschis engste Mitarbeiterin in der Schweiz, «Bettina de Oia», stellte für die Behandlungen jahrelang ihr Wohnhaus in Schlattingen TG zur Verfügung: «Braschi kam etwa alle zwei Monate. Wenn er bei mir war, mussten wir ihm 50 bis 70 Termine mit Ratsuchenden organisieren, damit seine Kasse stimmte. Er hatte mich völlig in den Fingern.» Fast dieselben Worte gebraucht die Kundin Cornelia F., wenn sie sich an die teuren Sitzungen erinnert: «Es war eine richtige Gehirnwäsche.» Heute schämt sich die Frau und weiss kaum, wie ihr geschah: Insgesamt hatte sie dem geschäftstüchtigen Erzbischof über 70'000 Franken bezahlt. «Er hatte mich in der Hand.»

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Von ähnlichen Erfahrungen berichten auch andere Geprellte. Die Ratsuchende Rosa A. wirft Braschi «Habgier auf Kosten verzweifelter Menschen» vor. Beatrice H. empört sich darüber, dass ein Kirchenmann Hilfesuchende «schamlos ausnutzt und abzockt». Und Alain K., der für zwei Sitzungen 1200 Franken hinblättern musste, spricht schlicht von «Scharlatanerie».

Polizist rempelt Erzbischof an
Für Alicia Cabrera Braschi sind das alles Lügen. «Niemand wurde gezwungen, Geld zu bezahlen. Die Leute haben immer freiwillig gespendet.» Das ist wohl möglich, aber nur die eine Seite. Denn Seine Eminenz pumpte für den Aufbau der kirchlichen Aktivitäten immer wieder eigene Mitarbeiterinnen an. So lieh Mariza H. im November 1997 an Alicia Braschi 13'000 Franken – rückzahlbar in einem halben Jahr. Trotz schriftlichem Versprechen aber haben Braschis bis heute nicht bezahlt.

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Das erboste Marizas Lebenspartner Hans D. so sehr, dass er dem Ehepaar Braschi Anfang Juni einen unangemeldeten Besuch abstattete. Alicia schrie und wollte den Unbekannten hinausbefördern. Die drei schubsten sich – und so kam es in der engen Wohnung zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen dem argentinischen Erzbischof und Hans D., von Beruf Zürcher Kantonspolizist. Resultat: ein paar Prellungen bei Hochwürden und seiner Ehefrau sowie eine Strafanzeige von diesem gegen den Beamten.

Für solche Feinde der Kirche hat Alicia Cabrera Braschi nur Verachtung übrig: «Diese Leute haben die Kirche wie Würmer infiltriert, um uns kaputtzumachen.» Viele Geschädigte hingegen wünschen nichts sehnlicher, als dem Monsignore endlich das Handwerk zu legen.