Eines muss man Sergej Gerasjuta lassen: Wenn er auf die Tränendrüse drückt, kann man sich seinen Hilferufen nur schwer entziehen. In seinem Auftrag schreiben schwangere Frauen oder Mütter invalider Kinder aus der Ukraine wahllos Personen aus dem Schweizer Telefonbuch an. Handschriftlich und in gutem Deutsch bitten sie um Geld für Medikamente oder eine Operation. Beigelegt ist ein Foto von traurigen oder kranken Menschen. Der Beobachter hat darüber berichtet (Beobachter 25/96 und Beobachter 24/99).

In der Ukraine herrscht tatsächlich Not. Dennoch rät die Zentralstelle für Wohlfahrtsunternehmen (Zewo) von Spenden an Gerasjutas Organisation ab. «Aufdringliche Werbung, irreführende Angaben, mangelhafte Transparenz und fragwürdige Einzelfallhilfe» so fasst Zewo-Sprecherin Jacqueline Augsburger die wichtigsten Kritikpunkte am Hilfswerk zusammen.

Bleibt die Frage: Handelt es sich beim «Weg zur Rettung» einfach um ein gut gemeintes, aber unprofessionell geführtes Privathilfswerk? Oder steckt ein Schwindel dahinter?

Berner Polizei ermittelt

Angefangen hatte Gerasjuta mit seiner Aktion «SOS International Weg zur Rettung», und zwar 1995. Damals verteilte er die Bettelbriefe eigenhändig in die Briefkästen der bernischen Gemeinde Muri. Aufgrund diverser Anzeigen leitete das Untersuchungsrichteramt Bern Ermittlungen wegen «Verdachts auf Betrug» ein. Doch der Vorwurf erwies sich als nicht haltbar; das Verfahren wurde eingestellt.

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Ein Jahr später belieferte Gerasjuta Hunderte von Personen in Münsingen BE und Ittigen BE mit ähnlicher Post. Erneut schritten die Untersuchungsbehörden ein und beschlagnahmten Gerasjutas Buchhaltung. Aber dieser konnte belegen, dass er etwa die Hälfte der Spendeneinnahmen an eine Organisation in der Ukraine überwiesen hatte. Resultat: Auch dieses Verfahren wurde eingestellt.

Dritter Anlauf im Herbst 1999. Diesmal liess Gerasjuta rund 10000 Briefe durch einen Studenten in der Stadt Bern verteilen. Dabei habe er so erklärte er später der Zewo etwa 7000 Franken eingenommen. Nach polizeilichen Angaben dürften es jedoch gegen 20000 Franken gewesen sein, von denen aber lediglich 30 Prozent in die Ukraine flossen. Der Rest waren so genannte «Unkosten».

Um auch Skeptische zu überzeugen, schrieb Gerasjuta in die Spendenunterlagen kühn, das bernische Untersuchungsrichteramt habe «die zweckmässige Verwendung der Spendengelder bestätigt». Mehr noch: Sogar die Staatsanwaltschaft stimme der «positiven Bewertung unserer Tätigkeit zu».

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Behörden distanzieren sich

Damit war der Bogen überspannt. Die Staatsanwaltschaft verlangte, dass der Passus sofort korrigiert werde. Also nahm Gerasjuta die Falschangaben wieder heraus und startete im April dieses Jahres einen neuen Versand. Diesmal mit dem Text: «Die schweizerische Botschaft in Kiew hat direkten Kontakt zu Hilfsempfängern in der Ukraine aufgenommen.»

«Falsch», sagt Konsul Stephan Wirth von der Schweizer Botschaft in Kiew, «wir haben mit dem Hilfswerk nichts zu tun.» Und Cesar Dubler, Chef Rechtsdienst beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten, bestätigt: «Wir haben Gerasjuta untersagt, unsere Botschaft zu erwähnen.»

Doch die «Hilfsaktion» weist noch andere Ungereimtheiten auf. So betont der unermüdliche Spendensammler immer wieder, die Direkthilfe sei für «schwer kranke und sterbende Leute in der Ukraine» bestimmt. Eigenartig ist nur, dass fast alle Briefschreiberinnen aus Nikolajew stammen, einer Stadt in der südlichen Ukraine. Interessant: Von dort stammt auch Sergej Gerasjuta. 1993 kam er nach Bern, wo er eine Aufenthaltsbewilligung erhielt. Hier heiratete er eine Schweizerin und arbeitete bis Ende 1999 als Sachbearbeiter beim Roten Kreuz des Kantons Zürich. Heute ist er erwerbslos.

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In Nikolajew gründete Gerasjuta 1995 zusammen mit neun weiteren Personen den Verein «Weg zur Rettung». Der Hauptzweck: «Hilfe an notleidende Einwohner der Stadt Nikolajew». Seltsam allerdings mutet eine Nebenbestimmung in den Statuten an: Der Verein könne auch eine «kommerzielle Tätigkeit» aufnehmen und «Betriebe gründen». Das ist für ein Hilfswerk ziemlich ungewöhnlich.

Zum Zeichen seiner Seriosität weist Gerasjuta diverse Empfehlungen staatlicher ukrainischer Stellen vor. Doch wie seriös diese sind, lässt sich von der Schweiz aus kaum überprüfen. Die ukrainische Botschaft in Bern kann da nicht weiterhelfen. Sie will auch keine klaren Aussagen zum Hilfswerk machen. Botschaftssprecher Olexij Makejew sagt nur: «Wir haben keine Verbindung zu Gerasjuta. Aber Ihre Anfrage ist für uns eventuell Anlass, uns mit der Organisation zu befassen.»

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Gerasjuta bleibt aktiv

Ungemach droht Gerasjuta jetzt von seiner Wohngemeinde Köniz BE. Dort prüft die Vormundschaftsbehörde, ob sie das Hilfswerk einer «Verwaltungsbeistandschaft» unterstellen will. Was bedeutet das? «Gute Frage», meint Jürg Loosli von der Gemeindeverwaltung, «ein Hilfswerk haben wir bisher noch nie verbeiständet.»

Wie auch immer Gerasjuta werkelt munter weiter. In der Schweiz hat er soeben eine Einzelfirma zum Zweck der «Durchführung gemeinnütziger Aktivitäten» gegründet. Und in der Ukraine soll bis im Dezember 2004 das Projekt «Humanitäres Zentrum» für schwer kranke Kinder stehen. Kosten: eine Million Dollar.

Unwahre Angaben, aggressives Spendenmarketing, hohe Verwaltungskosten: All das zeichnet das Hilfswerk «Weg zur Rettung» aus. Wenn also das neue «Humanitäre Zentrum» mit Spendengeldern realisiert wird, so ist mindestens einer Person geholfen nämlich dem Projektleiter Sergej Gerasjuta.

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