Der Weg von Hägendorf SO hinauf zum Wuesthof zieht sich. Die Strasse wird immer schmaler, ein Signalstrichli nach dem anderen macht sich vom Handydisplay, je näher man dem Hof kommt. Zugegeben, Familie Nussbaumer lebt selbst für Schweizer Verhältnisse abgeschieden, dort auf dem Solothurner Belchen, 800 Meter über Meer.

Von ihrem Bauernhof ins Dorf runter brauchen sie mit dem Auto je nach Witterung 10 bis 15 Minuten. Eine lange, unter Umständen zu lange Zeit, wenn man notfallmässig einen Arzt, Tierarzt oder die Feuerwehr braucht.

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Wie wärs mit Anrufen? Ein naheliegender Gedanke, der Nussbaumers aber nicht hilft. Denn die sechsköpfige Bauernfamilie sitzt samt ihren 30 Kühen, 15 Rindern, 14 Katzen, 9 Kälbli, 7 Hühnern, 2 Geissen und einem Hund nicht nur in einem Funkloch. Es gibt auch kein zuverlässig funktionierendes Festnetz. Und das, obwohl die Swisscom den Auftrag des Bundes hat, gesamtschweizerisch eine flächendeckende Grundversorgung bereitzustellen.

Telefonanschluss seit 1914

Diesen Auftrag erfüllt sie beim Wuesthof nicht. Oder besser nicht mehr: 1914 wurde die Liegenschaft fürs dort stationierte Militär als eine der ersten in der Region ans Telefonnetz angeschlossen. Per Kupferdraht. Als das Internet immer wichtiger und die Verbindungen datenmässig immer gewichtiger wurden, beschloss die Swisscom 2017 aber, das Haus über Satellit mit dem Netz zu verbinden. Die Kupferleitungen wurden abgehängt.

«Anfangs war die Verbindung leidlich», sagt Andrea Nussbaumer. «Doch ab 2021 wurde sie immer schlechter. Das Internet war nicht mehr so stabil, die Telefonate wurden durch Echos, zerstückelte Wörter und Ausfälle immer schwieriger. Oft hatten wir gar kein Signal.»

Andrea und Roman Nussbaumer auf dem Balkon, im Hintergrund die Satellitenschüssel

Nussbaumers können nur hoffen, dass auf dem Hof nie etwas Schlimmes passiert.

Quelle: Beobachter

Auch das Bakom hilft nicht

Unzählige Anrufe auf die Swisscom-Hotline, mit dem Vertragspartner ABB und der zuständigen Elektrofirma vor Ort – für die Nussbaumers ins Dorf hinunterfahren mussten – brachten wenig. Man riet ihnen als einzige Lösungshilfe immer wieder, einen Reboot durchzuführen, also den Router neu aufzustarten. Dann habe es für ein, zwei Stunden halbwegs funktioniert, sagt Roman Nussbaumer. Danach sei die Verbindung aber wieder unbrauchbar gewesen. «Wir fürchten den Tag, an dem wir einen Notfall haben.»

Anfang Juni 2021 schrieben Nussbaumers deshalb dem Bundesamt für Kommunikation (Bakom), dem Auftraggeber der Swisscom in Sachen Grundversorgung. «Im Rahmen der Grundversorgung ist Swisscom grundsätzlich verpflichtet, bestimmte Qualitätskriterien zu gewährleisten», schrieb ein Telekomingenieur des Bakom zurück. Ob diese Qualitätskriterien eingehalten würden, werde nicht im Einzelfall, sondern anhand von Durchschnittswerten bestimmt. «Wir werden jedoch bei Swisscom nachfragen, was die Ursache für die Verschlechterung ist.» Und er versprach, Nussbaumers wieder zu kontaktieren.

Aufträge futsch

Einige Tage später hiess es, das Problem sei gelöst worden. Doch die Leitung blieb wankelmütig bis tot. Nussbaumers bemühten wieder die Hotline. Wieder vergeblich. Im August 2022 gab es eine andere Hardware. Doch mit dem neuen Kästli wurde es nicht etwa besser, sondern schlimmer. Nussbaumers schrieben im November erneut eine E-Mail ans Bakom. Eine Antwort haben sie inzwischen erhalten, ein Reparaturticket wurde ausgelöst.

Die Unerreichbarkeit hat auch finanzielle Auswirkungen. Roman Nussbaumer arbeitet nebenbei als Spezialholzfäller. Doch weil er nicht erreichbar ist, verpasst er Aufträge. Zudem fährt er im Winter Räumungseinsätze für den Werkhof von Hägendorf – wenn ihn denn der Pikettanruf erreicht. «Das ist auch für uns schwierig, weil wir so nicht planen können», sagt der Werkhofleiter. Wenigstens hat Swisscom die Rechnungen rückwirkend auf August 2022 storniert. Aber telefonieren können Nussbaumers noch immer nicht.

«Ich würde auch gerne wieder einmal mit meiner Verwandtschaft länger plaudern, vielleicht sogar in einem Videocall, und dabei auf meinem eigenen Sofa sitzen statt in einem Café», sagt Andrea Nussbaumer, die aus Schübelbach im Kanton Schwyz stammt. Bis dahin wird es wohl noch dauern.

Störung noch immer nicht behoben

Auf Nachfrage lässt Swisscom Folgendes verlauten: Die Aussage, dass die Telefonleitung bereits seit Jahren nicht funktioniert, sei gemäss ihren Daten nicht korrekt. «Nach der Umstellung in diesem Sommer auf einen neuen Satellitenanbieter kam es aber in Einzelfällen wie bei der Familie Nussbaumer zu Problemen. Die Fehlersuche war nicht einfach, ein Softwareupdate sollte diese nun aber gelöst haben.»

Doch ein Anruf auf die Festnetznummer der Familie Nussbaumer nach Eingang dieser Stellungnahme zeigte: Die Störung ist nicht behoben. Das Gespräch war auf beiden Seiten nicht zu verstehen. Vier Stunden später ein zweiter Versuch: Die Verbindung ist besser, mit vereinzelten Gesprächslücken. «Wenn ich wie jetzt genau neben dem Router stehe, dann funktioniert es mehr oder weniger», sagt Andrea Nussbaumer. «Fragt sich nur, wie lange das so bleibt.»

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