Alle sind sie gekommen: Astrologen, Zahlenmystiker, Runenorakler. An der Esoterikmesse Esonatura in Bern scharen sie sich zusammen und ziehen ein begieriges Publikum an. Regina liest Hände, Madame Dotschka legt Karten, Maria pendelt, dipl. Astrologin Marianna übermittelt, was in den Sternen steht, und wer es ganz genau wissen will, funkt bei Paravisionärin Margit einen Engel an. Die Zukunftsgucker haben Hochkonjunktur, vor allem vor dem Jahreswechsel, vor allem in Krisenzeiten. Auch seriöse Zeitungen befragen Astrologen und rüsten ihre Horoskope auf, TV-Hellseher beraten live, Shows mit Paranormalen erreichen Traumquoten. Und im Internet kann man sich kaum retten vor Hellsichtigen mit verheissungsvollen Namen wie Astarah, Arakshana oder Taytan.

Während am Berner Stadtrand die Wahrsager von persönlichen Schicksalsschlägen und Glückssträhnen orakeln, findet in der Innenstadt der Weltuntergang statt – simultan in den Kinos City und Rex. Dort läuft «2012», Roland Emmerichs ästhetische Apokalypse, die der Maya-Kalender für den 21.12.2012 vorgesehen haben soll. Ein Tsunami schletzt einen Flugzeugträger ins Weisse Haus, die Zivilisation versinkt im Ozean. Zwar ist der Maya-Kalender um 208 Jahre verschoben und der Untergang erst 2220 fällig, wie der deutsche Forscher Andreas Fuls aufgrund astronomischer Angaben nachgewiesen hat. Aber Zweifel am Jahr 2012 seien trotzdem nicht angebracht, macht der Film glauben, schliesslich gebe es übereinstimmende Prophezeiungen aus der Antike und vom Grossmeister des Fachs, dem französischen Renaissance-Astrologen Nostradamus. Der Film selbst hat alle Prognosen übertroffen und in den ersten zehn Tagen weltweit 450 Millionen Dollar eingespielt. Die Menschen sind offenbar empfänglich für solche Storys aus der Welt von Mythen, Magie und Mysterien und nehmen begeistert auf, was Kino und Buchmarkt an Okkultem produzieren.

Ein Geschäft mit beschränkter Haftung

In der Wahrsagerbranche ist von Weltuntergang und Krise nichts zu spüren. Wie viele ihre Dienste anbieten, weiss weder das Bundesamt für Statistik noch die Eidgenössische Steuerverwaltung, noch die Vereinigung für Parapsychologie. Journalist und Szenekenner Hugo Stamm schreibt, dass hierzulande «schätzungsweise 2000 Sterndeuter gegen 100 Millionen umsetzen». Wahrsagerei ist kein geschützter Beruf; jeder kann sich ohne Diplom oder Zulassung Hellseher nennen. Die Szene ist deshalb ständig in Bewegung und kaum überblickbar. Anbieter kommen und verschwinden wie Sternschnuppen. Die Stars im Geschäft haben kleine Imperien aufgebaut – Mike Shiva, Hellseher und Zukunftsberater mit hoher Radio- und TV-Präsenz, beschäftigt rund 60 Mitarbeiter. Für sieben Franken pro Minute sagen sie Anrufern die Zukunft voraus oder beraten einzeln oder in Seminaren.

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Die Tarife in der Branche sind nicht reglementiert. Laut der Parapsychologie-Vereinigung sind 80 bis 150 Franken für eine Stunde Hellsehen üblich. Es gebe Anbieter, die damit sehr viel Geld verdienten, weiss eine Verbandssprecherin. «Vom Wahrsagen lässt sichs wohl leben, aber nicht vom Wahrheitsagen», stellte der deutsche Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg schon im 18. Jahrhundert fest. Recht hatte er. Eine Erfolgsgarantie bekommt der Kunde beim Wahrsagen nämlich nicht fürs Geld. Es gilt Auftragsrecht. Das heisst, der Beauftragte schuldet eine bestimmte Tätigkeit, etwa dass er astrologische Berechnungen anstellt. Dabei muss er die anerkannten Regeln seiner Kunst einhalten. Bleibt der Erfolg aus – etwa wenn sich Prophezeiungen nicht bewahrheiten –, haftet der Wahrsager nicht.

Grüne Flamingos und Fidel Castros Tod

Da macht es nichts, dass die Trefferquote miserabel ist: Monica Kissling alias Madame Etoile und Elizabeth Teissier, die bekanntesten Astrologinnen der Schweiz, üben sich in möglichst allgemeinen Vorhersagen. «Wie kaum eine andere bringt die Konstellation von Saturn und Uranus überholte Strukturen zum Kollabieren», liess Kissling vor rund einem Jahr verlauten. Und: «2009 könnte sich eine neue Friedensbewegung formieren.» Sie ist bislang unbemerkt geblieben. Teissiers Blick aufs Jahr 2009 verriet: «Saturn/Uranus wandern über die Sonne des Schweiz-Horoskops, und dies kann auf eine Rezession hinweisen.» Eine Prognose, die nach der Bankenkrise kaum überraschte. Gut möglich, dass Teissier es nach mehreren Flops vermeidet, allzu konkret zu werden: 1999 hatte sie am Tag der Sonnenfinsternis noch die Raumsonde «Cassini» auf Paris krachen sehen.

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Für abenteuerliche Prophezeiungen ist das kanadische Medium Nikki Pezaro bekannt. Für 2009 sah sie die Entdeckung grüner Flamingos und Bären voraus. In China sollte eine Frau Siebenlinge gebären, das Ungeheuer vom Loch Ness sollte gefasst und George W. Bush von Eheproblemen geplagt werden. Dauergast in Pezaros Weissagungen ist Fidel Castro, dessen Tod sie jedes Jahr erneut voraussieht; irgendwann wird sie sicher recht haben. Sie liegt wohl auch richtig, wenn sie Liz Taylor Gesundheitsprobleme prophezeit – die Schauspielerin ist bald 78.

Der deutsche Soziologe Edgar Wunder prüfte von 1990 bis 1999 über 800 Prophezeiungen. Trefferquote: vier Prozent. Sie dürfte auch für 2009 nicht besser ausfallen. Obama wurde bis Redaktionsschluss nicht erschossen, Carla Bruni nicht schwanger, Russlands Präsident Medwedew trat nicht zurück, und eine US-Invasion im Iran blieb aus. Interessant wirds, wenn sich Wahrsager widersprechen: Der deutsche Hellseher Lennart Wolff prophezeite Michael Jackson Anfang 2009 die definitive Rückkehr als King of Pop, Lilo von Kiesenwetter dagegen sah sein Comeback scheitern. Seinen Tod Ende Juni erahnten beide nicht.

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Wir leben im rationalen Zeitalter. Dennoch glauben viele Leute an Wahrsagerei. Warum? Ein Blick in die Kulturgeschichte zeigt: Sie ist ein urmenschliches Bedürfnis. «Der erste Prophet war der erste Schurke, der einem Dummkopf begegnete», spottete der Aufklärungsphilosoph Voltaire. Tatsächlich ist schon um 3000 vor Christus in Mesopotamien Wahrsagerei bezeugt. Auch in Palästina war sie verbreitet, ebenso bei den Griechen, Römern, Kelten und Germanen.

Stalin, Reagan, Mitterrand glaubten daran

Wahrscheinlich rührt der Wunsch, die Zukunft zu kennen, einfach daher, dass die Menschen sterblich und zugleich bewusst handelnde Wesen sind. Jede Handlung geschieht mit Blick auf die Zukunft. So muss der Mensch ständig Voraussagen machen: der urzeitliche Jäger, der den Zug des Wilds erahnen muss, der mesopotamische Bauer, wenn er seine Saat ausbringt, der Spekulant an der Börse. Je existentieller die Entscheidung, desto schwerer die Verantwortung. Ungewissheit bedeutet Überforderung und das Risiko von Fehlentscheiden und Versagen. Je besser wir die Zukunft kennen, desto eher können wir so handeln, dass es unserem Wohlergehen dient.

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Das Kommende zu schauen war stets Sache Auserwählter: Propheten, Druiden, Seher, Schamanen und Priester genossen eine herausragende Stellung und waren einflussreich an den Höfen. Pharaonen und biblische Könige hielten sich Traumdeuter, die Griechen hatten ihre Orakel, die Kaiser Roms beschäftigten Vogelschauer und Eingeweideleser. Und sogar in neuerer Zeit setzte man auf Erleuchtete. Sowjetchef Josef Stalin konsultierte einen Hellseher und einen Astrologen. Franklin D. Roosevelt, Ronald Reagan und andere US-Präsidenten suchten Rat bei Wahrsagern, ebenso der britische Premier Winston Churchill und Frankreichs Staatsmänner Georges Clemenceau und François Mitterrand.

Wenn man behauptet, die Zukunft erkennen zu können, setzt man voraus, dass sie erkennbar ist, dass sie also vorbestimmt ist und auch künftige Handlungen vorgesehen sind im grossen Plan. In einer solchen Weltsicht gibt es keinen freien Willen, keine Verantwortung, keine Schuld und letztlich auch keine Moral, denn alles ist Schicksal. «Man hat keinen Nutzen davon, zu wissen, was notwendig geschehen wird», stellte schon Cicero fest, ein früher Skeptiker. Die Zukunft zu verkünden hat nur Sinn, wenn die Menschen einen freien Willen haben und die Zukunft beeinflussen können. Dann steht sie aber nicht fest und ist folglich auch nicht vorhersehbar. In diesem logischen Widerspruch bewege sich Wahrsagerei seit Jahrhunderten, bemerkte der französische Historiker Georges Minois, der 1998 mit dem Buch «Geschichte der Zukunft» die bisher beste kulturgeschichtliche Untersuchung vorgelegt hat.

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Wenn man an Wahrsagerei glaubt, muss man also erstens daran glauben, dass die Zukunft durch ein höheres Wesen mehr oder weniger bestimmt ist, und zweitens, dass sich dessen Wille mitteilt, direkt durch ein «Sprachrohr Gottes» oder indirekt durch deutbare Zeichen. «Es wird behauptet, dass geheime Verbindungen bestehen zwischen Ereignissen, die ursächlich nicht zusammenhängen», sagt Wolfgang Hund von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP).

Existiert Pumuckl oder nicht?

Kerngedanke ist die Entsprechung von übersinnlicher und diesseitiger Welt: Handlinien, Zufallsmuster oder die Planeten stehen als Zeichen für Eigenschaften oder Ereignisse. «Wer so etwas behauptet, ist beweispflichtig, nicht umgekehrt», sagt Hund. Den negativen Beweis zu führen sei nämlich unmöglich. «Man kann nun mal nicht beweisen, dass es Pumuckl nicht gibt. Aber dass dies unmöglich ist, heisst noch lange nicht, dass Pumuckl existiert.»

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Für den positiven Beweis müssten die Methoden unter kontrollierten Bedingungen Prognosen liefern, die unabhängig von Person, Zeit und Zusammenhang reproduzierbar sind. «Meist sind die Ergebnisse nicht einmal vom gleichen Wahrsager zur gleichen Person reproduzierbar. Wenn Sie ein Horoskop erstellen lassen und es zehn anderen Astrologen geben, erhalten sie zehn verschiedene Auslegungen», so Hund.

Gerade Methoden mit grossem Theorieapparat wie die Astrologie gaukeln Wissenschaftlichkeit vor, halten deren Ansprüchen aber genauso wenig stand wie die Lektüre von Kaffeesatz. «Derartige Experimente sind von Skeptikern in aller Welt oft durchgeführt worden, immer mit dem gleichen niederschmetternden Resultat.» Noch nie gelang es, Wahrsagerei wissenschaftlich zu beweisen. Seit Jahrzehnten hat die amerikanische James Randi Educational Foundation eine Belohnung – inzwischen eine Million Dollar – ausgesetzt, wenn jemand eine paranormale Fähigkeit beweisen kann. Bisher erfolglos.

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Je rätselhafter, desto besser

Wie kommt es, dass die esoterische Literatur trotzdem voll ist mit verblüffenden Prophezeiungen, die tatsächlich eingetroffen sein sollen? Das liegt daran, wie sie formuliert sind.

Vorbild ist das Orakel von Delphi. Der lydische König Krösus wollte 546 vor Christus wissen, was ihn erwarte, wenn er Persien angreife. Die Antwort: Dann werde er «ein grosses Reich zerstören». Krösus zog ins Feld und – verlor sein eigenes.

Vieldeutigkeit hat System in der Wahrsagerei. Nostradamus verfasste so kryptische Vierzeiler, dass sie jede Interpretation zulassen. «Bei 45 Grad wird der Himmel brennen. Das Feuer nähert sich der grossen neuen Stadt. Im selben Moment schiesst eine grosse, mächtige Flamme empor.» Klarer Fall: Nostradamus hat den Anschlag aufs World Trade Center in New York gesehen, glauben seine Jünger. Tatsächlich wird die Weissagung aber erst von den Empfängern im Nachhinein so gelesen. Schwammiges, unklare Bilder, Allgemeinplätze gehören seit je zum Repertoire, mit dem Wahrsager vermeintliche Treffer erzielen.

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Verblüffende Visionen entstehen auch zufällig. Etwa die vom Untergang der «Titanic» am 14. April 1912. Morgan Robertson hatte 14 Jahre zuvor in einem Roman geschildert, wie die «Titan», ein als unsinkbar geltender Ozeanriese, auf der Fahrt über den Atlantik einen Eisberg rammt und sinkt. Solches wird im Nachhinein gern als prophetische Vorahnung gesehen. Dabei waren es bei Robertson sprühende Phantasie und Fachwissen, die aus Gegebenheiten der Zeit ein plausibles, wahrscheinliches Szenario spannen.

Ein spektakulärer Fall geschah im Zweiten Weltkrieg. Die schottische Wahrsagerin Helen Duncan wurde 1944 als letzte Hexe Europas nach einem Gesetz von 1735 verurteilt und neun Monate eingesperrt, weil man fürchtete, sie könnte Details der bevorstehenden Landung in der Normandie verraten. 1941 hatte sie den Geist eines toten Matrosen des Kriegsschiffs «Barham» heraufbeschworen. Die «Barham» war tatsächlich gesunken, die Marine hatte das aber geheim gehalten, um den Gegner zu täuschen. Woher Duncan vom Untergang wusste, wurde nie ermittelt. Aber auch hier ist eine Erklärung ohne Magie möglich. Ein Reuters-Team hatte die Versenkung gefilmt, es gab Überlebende, und im Ministerium waren viele an der Desinformationskampagne beteiligt, angeordnet von Churchill, der Duncan selbst konsultiert haben soll.

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Selbsttäuschungen noch und noch

Vieldeutigkeit, Wahrscheinlichkeit und Betrug sind nicht die einzigen Kniffe. Wolfgang Hund von der GWUP benennt mehrere psychologische Effekte, die nachweislich dazu führen, dass Menschen Weissagungen als echt ansehen: «Selektive Wahr-nehmung» sorgt dafür, dass Treffer in Erinnerung bleiben, Nieten jedoch nicht. Der «Balsameffekt» führt dazu, dass wir Aussagen über uns akzeptieren, wenn uns geschmeichelt wird. Das «True-Believer-Syndrom» bezeichnet den Umstand, dass wir ein einmal erworbenes Gedankengebäude verteidigen. Der «Mitläufereffekt» besagt, dass jeder gern zu denen gehört, die Aussergewöhnliches erleben.

Der Haupteffekt ist jedoch Selbsttäuschung oder Selbstvalidierung, wie es im Fachjargon heisst: Nicht der Wahrsager sagt wahr, sondern der Kunde macht selbst wahr, was wahr sein soll. Dies, weil wir das sehen, was unsere Erwartung erfüllt und uns gefühlsmässig anspricht, und weil unser Gehirn Bruchstücke sinnvoll ergänzt. Nachgewiesen hat das 1948 der US-Psychologe Bertram Forer. Im Experiment bewies er die Neigung der Menschen, vage und allgemeine Aussagen über sich selbst als treffende Beschreibung zu akzeptieren. Er gab Studenten vor, ihre Persönlichkeit zu testen, händigte ihnen dann ihre Profile aus und liess sie den Wahrheitsgehalt bewerten. Die Profile erreichten durchwegs sehr hohe Zustimmung. Und die Studenten waren bass erstaunt, als Forer ihnen eröffnete: Alle hatten das gleiche Profil erhalten, das aus beliebigen Horoskopen zusammengestückelt war.

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«und ich sage dir, wie du heisst»

Die Menschen wollen voraussehen, weil sie zweifeln und hoffen. Aber was Wahrsager und Astrologen angeblich irgendwo herauslesen, sind nicht künftige Ereignisse und Dispositionen, sondern Ängste und Wünsche, die die Menschen selbst in die Zukunft projizieren. Hellseher haben kein Wissen über die Kunden ausser jenem, das diese ihnen über sich geben. Oder wie es Skeptiker Wolfgang Hund formuliert: «Sag mir deinen Namen – und ich sage dir, wie du heisst!»

Wenn auf Wahrsagerei kein Verlass ist, was können die Menschen denn vom Kommenden wissen? Damit befasst sich die Zukunftsforschung. Andreas Walker, Kopräsident der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung (Swissfuture) und Strategieberater, sieht Parallelen seiner Disziplin mit der Prophetie, jedoch nur bei Antrieb und Funktion. «Wir wollen ebenfalls etwas sagen über eine Zukunft, die empirisch nicht fassbar ist, weil sie noch nicht stattgefunden hat», sagt er. «Und ähnlich wie die Seher im Altertum sind viele von uns Consultants der Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft.»

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Weltbild und Methoden sind jedoch prinzipiell anders. «Wir bewegen uns in der aufgeklärten, diesseitigen Welt und gehen davon aus, dass die Zukunft dynamisch ist und von willentlichen Entscheiden abhängt», betont er. Akademisches Arbeiten mit Methoden und transparenten Argumenten sei dabei sehr wichtig. Die Wahrsagerei behaupte Zusammenhänge zwischen Diesseits und Jenseits und Abhängigkeiten von übergeordneten Mächten, die Zukunftsforschung hingegen suche kausale Vernetzungen in dieser Welt – Gesetzmässigkeiten, die, richtig erkannt, beschrieben und verifiziert, Aussagen über künftige Entwicklungsmöglichkeiten zulassen.

«Lieber ungefähr richtig als exakt falsch»

In den sechziger Jahren erlaubte die Computertechnologie, grosse Datenmengen zu verarbeiten. Die Zukunftsforscher begannen, Kurven der Vergangenheit zu Bevölkerung, Verkehr oder Ressourcen linear in die Zukunft hochzurechnen. In den achtziger Jahren entwickelte sich die Szenariotechnik, kombiniert mit Wahrscheinlichkeitsüberlegungen und Bürgerbeteiligung. Dies aus der Einsicht, dass die Zukunft offen ist, sich mehrere Einflussfaktoren ändern können und der politische Wille entscheidend ist. Aus der Systemtheorie kam in den neunziger Jahren die Idee der Wildcards (Joker) hinzu: die gezielte Analyse von sehr seltenen, aber höchst relevanten Wendungen wie dem Fall der Berliner Mauer oder einer Pandemie.

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«Mehrjährige Prognosen auf Kommastellen genau sind damit nicht möglich – ich liege aber lieber ungefähr richtig als exakt falsch», sagt Walker. Denn die Zukunftsforschung wolle für verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten sensibilisieren und zeigen, wo man handeln kann. «Dabei haben wir eine vage Ähnlichkeit mit Wahrsagern. Die Früherkennung will Bilder möglicher Zukünfte zeichnen und helfen, das Nichtwissen zu verkleinern und die Angst vor Fehlentscheiden zu senken.»

Dieses Bedürfnis gibt es, seit es Menschen gibt. Und so lässt sich ohne prophetische Gabe voraussagen: Wie den Zukunftsforschern ist auch all den Sehern, Sternguckern, Schwindlern und Scharlatanen eine glänzende Zukunft gewiss.

Do it yourself: Prophezeien leicht gemacht

  • Schaffen Sie ein Mysterium und drama­ti­sieren Sie Ihre Kunst mit Hilfsmitteln, überzeugendem Auftritt und passendem Jargon.

  • Informieren Sie sich vorab über Ihren Kunden. In der Séance beobachten Sie ihn genau. Bereits Alter, Geschlecht, Kleidung und Körpersprache lassen Rückschlüsse auf seine Lebenslage zu.

  • Gewinnen Sie laufend die Mitarbeit Ihres Kunden, indem er Ihre vagen Formulierun­gen selbst mit konkreten Inhalten füllt.

  • Schmeicheln Sie. Sagen Sie dem Kunden, was er hören will.

  • Prophezeien Sie das Höchstwahrscheinliche. Halten Sie Gemeinplätze bereit: «Im Nahen Osten wird es Tote geben, vor allem vor besonderen Tagen und danach.»

  • Formulieren Sie schwammig und im Konjunktiv mit «könnte» und «dürfte».

  • Bieten Sie Sowohl-als-auch-Aussagen und viele Szenarien: «Die Konstellation deutet auf Probleme an der Börse hin, auf Brand­katastrophen, Anschläge, Naturkatastrophen oder andere negative Ereignisse.»

  • Lassen Sie W-Fragen offen: Sagen Sie, was passiert, aber nicht, wann und wo – oder umgekehrt. Irgendwo wird irgendwann immer irgendwas Passendes geschehen.

  • Wählen Sie ein Ereignis mit wenigen Varianten (etwa eine Wahl mit zwei Kandidaten). ­Das erhöht die Trefferquote. Deponieren Sie an verschiedenen Orten gegen­teilige Prognosen und zeigen Sie nachher die treffende her.

  • Sagen Sie voraus, wer nicht gewinnt (bei einem Ereignis mit vielen Varianten, etwa einer Misswahl). Das erhöht die Trefferquote.

  • Geben Sie sehr viele Prophezeiungen ab, dann treffen einige sicher ein.

  • Benutzen Sie schwammige Bilder, die im Nachhinein jede Interpretation zulassen.

  • Biegen Sie Ihre Vorhersage im Nachhinein durch Neuformulierung zurecht, falls kein Treffer entsteht.
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