Die Küchenwaage zeigt satte 1,5 Kilo an. Binnen wenigen Monaten hat sich dieser Papierhaufen angesammelt - Gewinnversprechen, Glücksbenachrichtigungen und ähnliche Schreiben, alles von Reader’s Digest. Die 88-jährige Sophie W. (Name der Redaktion bekannt) hat ob der geballten Ladung Werbepost längst den Überblick verloren. Während 29 Jahren bestellte sie immer wieder Produkte vom Verlag, der auch das Heft «Das Beste» he­rausgibt. «Ich habe die Post aufgehoben, weil in den Briefen steht, man müsse die ‹Dokumente› aufbewahren für den Fall, dass man die angekündigte Million gewinnt», sagt die gutgläubige Rentnerin.

Das Ausmass der Werbeflut wurde erst klar, als Sophie W. neulich ins Spital musste und ihre Post zu einer Angehörigen umgeleitet wurde. Denn Sophie W. erhielt nicht nur massenweise Werbebriefe, sondern auch Bücher, Salben, Kapseln, Uhren und Weiteres mehr. Weil sie oft nicht mehr wusste, was sie bestellt hatte und was nur «zur Ansicht» geliefert worden war, bezahlte sie im Zweifelsfall pflichtbewusst. Allein 2006 kaufte sie so Waren im Wert von 1964 Franken, 2007 für 1882 Franken. Und auch als sie nichts mehr bestellte, kamen immer neue Lieferungen. Selbst als die Angehörigen dem Verlag mitteilten, Sophie W. wolle keine Produkte mehr, folgten weitere Zusendungen.

Aggressives Werbesystem
Auch Heinz Jäggi nervt sich ob der Werbemethoden von Reader’s Digest. Erbost teilte er dem Verlag mit: «Bereits beim Erhalt des letzten Buchs habe ich Ihnen geschrieben, dass ich keine Büchersendungen mehr wünsche. Nun erhalte ich wiederum eine Lieferung mit all diesen nutz- und wertlosen Geschenken.» Sein Brief an Reader’s Digest endet unmissverständlich: «Streichen Sie mich von Ihrer Mailing-Liste.» So leicht wurde Jäggi den Verlag aber nicht los. Für das nicht bestellte Buch traf eine Zahlungserinnerung ein, später sogar eine Mahnung. Jäggi: «Es geht dem Verlag nur ums Verkaufen, auf Kundenreaktionen geht Reader’s Digest gar nicht ein.»

Das Verkaufssystem von Reader’s Digest ist beim Beobachter-Beratungszen­trum nur zu gut bekannt. Immer wieder beschweren sich Leute über die aggressi­ven Methoden des Verlags. Dabei wird den Angeschriebenen vorgegaukelt, sie seien speziell für eine aussergewöhnliche Ver­losung ausgewählt worden, auch wenn die Werbebriefe zu Tausenden verschickt werden. Die Briefe sind übersät mit glitzernden Aufklebern, imitierten Stempeln und wichtigtuerischen Codierungen. Die Kuverts sind oft vollgestopft mit Anweisungen, Pseudodokumenten, Zertifikaten und formularähnlichen Papieren. Wer auf ein solches Schreiben antwortet, muss damit rechnen, dass er unwissentlich sein Ein­verständnis gibt für die Zustellung ganzer Serien von «Ansichtsexemplaren».

Mit Undank zurück
Bei Reader’s Digest gibt man sich erstaunt: «Wir versenden Produkte nur auf Anforderung», so Firmensprecher Uwe Horn. «Wir schicken dem Kunden jeweils den neusten Band der Serie zur Ansicht. Er kann ihn ­jederzeit auf unsere Kosten retournieren, oder wir stellen auf eine kurze Nachricht sofort die Ansichtsanlieferung ein.»

Bei Werbesendungen ist klar: Wer un­bestellt Waren erhält, ist nicht verpflichtet, sie zu bezahlen oder zurückzuschicken. Das Beobachter-Beratungszentrum empfiehlt, schriftlich die Streichung von der Adressliste zu verlangen. Folgen dennoch weitere Zusendungen, ist Reader’s Digest eingeschrieben mitzuteilen, dass die Ware abzuholen sei oder zurückgeschickt werde, sobald das Porto dazu geliefert werde.

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