Markus Rudmann ist das, was man einen rüstigen Rentner nennen würde: Der ehemalige Verwaltungsangestellte ist vif, reiselustig und ein kritischer Konsument - auf jeden Fall alles andere als leichtgläubig. «Dennoch bin ich einem Betrüger auf den Leim gekrochen», ärgert sich der 66-jährige Allschwiler.

Er habe bei einem Preisrätsel einen Reisegutschein über 899 Franken gewonnen, entnahm Rudmann im Frühsommer einem Schreiben in seinem Briefkasten. Anlässlich einer Gratis-Bootsfahrt auf dem Vierwaldstättersee könne er seinen Gewinn in Empfang nehmen. Zusammen mit seiner Frau Trudy wartete Rudmann am 31. Juli um 5.10 Uhr bei der Post Allschwil BL auf den Car. Bis sie in Brunnen SZ das Boot bestiegen, vergingen elf Stunden und 20 Minuten. Zunächst wurden alle Teilnehmer mit dem Car eingesammelt, und vor dem Mittagessen mussten die rund 60 «Gewinner» in einem Restaurant in Perlen LU eine über vierstündige Verkaufsveranstaltung über sich ergehen lassen.

Bald wurde klar, worum es ging: um ein Medikament, das gegen Krebs und Diabetes helfen soll, Herzerkrankungen und Arterienverkalkung heilen könne - eine Vitalstoffkur, die wahre Wunder wirke.

«Teuflisch geschickt» habe der Verkäufer namens Thorsten argumentiert, erinnert sich Rudmann. Immer wieder habe er auf die Tränendrüse gedrückt, unüberprüfbare Behauptungen über das Medikament mit Binsenwahrheiten über steigende Gesundheitskosten und allerlei Gebrechen von Senioren verknüpft - und jedes Argument mindestens dreimal wiederholt.

Ein Medikament, das keines ist
Schliesslich war Rudmann weichgeklopft: Er unterschrieb ein Formular zum Kauf von zwei Drei-Monats-Kuren zu je 1848 Franken; zwei Fuji-Kameras sollte es gratis dazugeben. Andere Teilnehmer erinnern sich, sie seien «wie unter Hypnose» gestanden; mehr als ein Drittel der Anwesenden kaufte das sündhaft teure Präparat.

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Hercugen nennt sich das Mittel. Es werde derzeit vom Schweizer Heilmittelinstitut Swissmedic geprüft und komme Anfang 2009 in die Apotheken, hiess es an der Werbefahrt. Bei Swissmedic hat man allerdings noch nie etwas von Hercugen gehört - ebenso wenig wie von Brenophen, Ondro und Andro, Lucurun und Q10 akti. Unter diesen Phantasiebezeichnungen wurde das angebliche Medikament seit rund anderthalb Jahren an unzähligen Werbefahrten illegal vertrieben. Dies belegen Dutzende ähnlich lautender Erfahrungsberichte, die dem Beobachter vorliegen.

Eine ordentliche Packungsbeilage erhalten die Käufer nicht, bloss ein fotokopiertes Blatt mit «Informationen für Fachkreise». Demzufolge ist Hercugen ein Vitaminpräparat wie zahllose andere Nahrungsergänzungsmittel - ergänzt mit Chondroitin, einem als Heilmittel eingestuften Stoff, der gegen Arthrose helfen soll. Als Verkäufer treten hochdeutsch sprechende junge Männer namens Thorsten, Sven und Björn auf, die sich gern als Physiotherapeuten ausgeben. Dahinter steckt ein Mann namens Dejan Bekic. Der 35-Jährige trat schon öfter als windiger Adresshändler und Absender von unlauteren Gewinnversprechen in Erscheinung (siehe Artikel zum Thema «‹Klima-Umfrage›: Mit Umweltschutz auf Adressenfang»). Mehrere Anfragen des Beobachters liess Bekic unbeantwortet.

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Unerreichbar für geprellte Kunden
Alle Firmen, an denen Bekic bislang laut Handelsregister beteiligt war, gingen in Konkurs, und seine Kreditwürdigkeit wird in einer Wirtschaftsdatenbank als «sehr tief» eingestuft. Die Schweizer Handynummer der Firma, die auf Rudmanns Kaufbeleg als Vertragspartnerin fingiert, führt auf einen Telefonbeantworter im Ausland. Das hat System: Geprellte Kunden haben so keine Chance, Geld zurückzuverlangen. Und um Geld geht es im grossen Stil. Laut verschiedenen Medienberichten kostet Hercugen - oder wie sich das Präparat aktuell gerade nennen mag - im Einkauf umgerechnet rund 94 Franken, 1754 Franken weniger als der Verkaufspreis.

Bekic geschäftet nicht allein. Seine Freundin Vesna Kukovic ist Mehrheitsbesitzerin und Geschäftsführerin des Reisebüros Sunshine Touristik in Wallisellen. Die 30-Jährige verschickt die Einladungen zu den Werbefahrten, und über ihr Reisebüro laufen die Feriengutscheine, die die zumeist älteren Gewinner bekommen. Auch Kukovic wollte gegenüber dem Beobachter trotz mehrfacher Aufforderung keine Stellungnahme abgeben.

Im Gegensatz zu anderen Teilnehmern ist Rentner Rudmann mit einem blauen Auge davongekommen: Unmittelbar nach der Werbeveranstaltung dämmerte ihm, dass er den Vertrag unbedacht unterzeichnet hatte. Als am nächsten Morgen, dem 1. August, der Lieferant an seiner Wohnungstür klingelte, verweigerte er deshalb die Annahme der zwei Hercugen-Kuren, die ihm gegen Barzahlung von 3676 Franken hätten ausgehändigt werden sollen. So verlor Markus Rudmann zwar die Anzahlung von 20 Franken und die versprochenen Gratiskameras, aber die vom wütenden Lieferanten angedrohten rechtlichen Schritte blieben bislang aus.

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