Die Kupfermulde war mit zwei Autos beschwert. Doch auch diese tonnenschwere Schutzmassnahme nützte nichts. Mit einem gemieteten Stückgutkran hoben die Diebe die PKWs, um an das von ihnen begehrte Gut zu gelangen: Freileitungskupfer von bester Qualität. Wert: 15'000 Franken. «Man muss gute Ortskenntnis haben, um diese Ware zu finden», sagt Andreas Bumann. Die Diebe hätten sehr genau gewusst, was sie wollten. Sie haben seinen Schrottplatz offensichtlich vorher ausgekundschaftet.

Bumann & Söhne ist einer der grössten Altmetallhändler im Oberwallis. «Das Geschäft läuft gut», sagt Andreas Bumann im blauen Übergewand auf dem sauber aufgeräumten Schrottplatz. Die Bautätigkeit im Wallis ist mit Grossprojekten wie der Neat und der A9 hoch, und Altmetallhändler profitieren stark vom Tiefbau. Aber das Geschäft ist in den letzten Jahren unübersichtlich, der Umgang mit Lieferanten zur Gratwanderung geworden. Denn Teile der Branche operieren im halblegalen bis kriminellen Bereich.
Die Preise für Rohstoffe sind so hoch wie noch nie. Vor allem Buntmetalle erleben eine Hausse ohnegleichen. Je nach Qualität kostet eine Tonne Kupfer derzeit zwischen 8'000 und 10'000 Franken. Der Preis hat sich innert weniger Monate nahezu verdoppelt. Die Altmetallhändler freuts. Doch die Hausse ruft auch Gesindel auf den Plan. Denn noch lohnender als der arbeitsintensive Handel mit Altmetall ist der Diebstahl desselbigen. Dafür braucht es nicht viel mehr als einen Lieferwagen - es tuts auch ein gemieteter.

Deliktsumme: mehrere Millionen
Seit Anfang 2006 wurden in der Schweiz gemäss einer Umfrage des Beobachters bei den Kantonspolizeien weit mehr als 300 Buntmetalldiebstähle angezeigt. Das sind mehr als doppelt so viele wie 2005. Beliebte Tatorte sind Baustellen, unbewachte Lager der SBB - sowie Schrottplätze. Die Deliktsumme beläuft sich auf mehrere Millionen Franken. Betroffen sind vor allem die Mittellandkantone und die Westschweiz. Kupferdiebstahl ist ein europaweites Phänomen: In Deutschland werden auf offenem Feld Bahnoberleitungen entwendet, in Portugal sind die Kupferdächer eines Strandbads gestohlen worden, in Frankreich klauen Diebe ganze Camionladungen mit Schrott, inklusive Fahrzeug.

Ausgemusterte Waschmaschinen, Kühlschränke, Autos, Chemiefässer, Gartentische, Hometrainer, Heizungsradiatoren - darüber kreist der sechszackige Greifarm eines Krans. In einem schrottreifen Auto am Rand des Areals sind zwei Männer mittleren Alters mit Schraubenziehern am Werk. Sie demontieren, was noch funktioniert: Lautsprecher, Autoradio, Lampen, Schalter, Steuerrad. Andreas Bumann kennt viele solche Kleinhändler, meist stammen sie aus dem Balkan. Einer der beiden sei bei der Polizei bestens bekannt, weiss er. Der habe schon mehrfach gesessen, wegen Diebstahls. Als Schrotthändler hat man seine Diebe regelmässig auf dem Platz, sei es als «Kunden» oder als «Lieferanten».

Unlängst hatte Bumann einen Tunnelarbeiter zu Besuch, der nach Feierabend Kupferkabelabschnitte anbot. Sensibilisiert durch die Diebstähle, holte er Informationen ein über den Mann. Die Recherche ergab, dass dieser zwar bei der Neat tätig ist - aber bei einer anderen Firma und unter anderem Namen. Warum ihm der Mann Lügen aufgetischt hat, ist Bumann ein Rätsel - denn es stellte sich heraus, dass er die Ware nicht gestohlen hatte. Offensichtlich wollte der Arbeiter verhindern, dass sich der Schrotthändler direkt mit seinem Arbeitgeber in Verbindung setzt. Die meisten verdächtigen Fälle verlaufen indes nicht so glimpflich. Und es ist nicht nur gestohlene Ware, die den Händlern zu schaffen macht: Beim letzten grossen Einbruch auf Bumanns Schrottplatz zerstörten die Täter zuerst mit einem Kurzschluss das Elektrotor. Als sich das Tor dennoch nicht öffnen liess, rissen sie mit einem Stahlkabel kurzerhand den ganzen Zaun nieder. Kosten: 10'000 Franken. Nun schützen Laser, Scheinwerfer und Video das Areal.

Der Kran kippt die Mulde und lässt den Schrott in die Box fallen. Metall prallt auf Metall. Es ist ein ohrenbetäubender Lärm - Musik in den Ohren eines jeden Altmetallhändlers. Vor 45 Jahren ist die Familie Goutte aus der Auvergne ins Lausanner Vallée de Sévelin, damals ein Industriequartier, gezogen. Gilles Goutte leitet Récupération Goutte mit rund 50 Mitarbeitern in der vierten Generation. Ursprünglich handelte das Familienunternehmen mit Lumpen, Holz und Kohle. Heute wachsen um den Schrottplatz Wohnblöcke. Aus Platzmangel expandierte Goutte in die Provinz und betreibt Filialen bei Morges, Payerne und EstavayerleLac. Das Schrottgeschäft ist platzintensiv und der Boden auf dem Land günstig. Das kommt auch den Dieben entgegen. Denn je abgelegener ein Standort, umso besser; meist sind diese Areale unbewacht. Und Berge von ungewogenem Material liegen herum. «Oftmals ist es schwierig, einen Diebstahl überhaupt zu bemerken», sagt Goutte.

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Kaum nennenswerte Fahndungserfolge
Auch Goutte ist schon Diebesgut angeboten worden, letztes Jahr sogar originalverpackte, mit dem Kleber des Herstellers versehene Kupferoberleitungen. Als er die Polizei informierte, hatten die rechtmässigen Besitzer der Leitungen, die SBB, noch nicht einmal bemerkt, dass ihnen etwas abhanden gekommen war. Der «Lieferant» konnte auf dem Schrottplatz verhaftet werden. Seither muss, wer Goutte Waren liefert, einen Ausweis vorlegen und ein Formular unterschreiben, auf dem er bestätigt, dass er über die Ware verfügen darf. «Es ist problematisch, wenn wir ständig Angst haben müssen, Diebesgut zu kaufen», so Goutte.

Laut Markus Rieder von der Walliser Kantonspolizei stammen die Täter vor allem aus Balkanländern und aus Frankreich. Sie agieren meist in Gruppen und sind gut organisiert. Allerdings fehlen konkrete Hinweise, dass es sich um organisierte Kriminalität handelt, wofür die Bundeskriminalpolizei zuständig wäre. Wer erwischt wird, landet meist nicht einmal im Gefängnis - schliesslich handelt es sich lediglich um einfachen Diebstahl. «Es ist erstaunlich, dass der Sache niemand so richtig nachgeht», sagt Martin Baltisser, Geschäftsführer des Verbands Stahl und Metallrecycling (VSMR). Seines Wissens gibt es kaum nennenswerte Fahndungserfolge. Wohin die Ware geht, darüber könne nur spekuliert werden. Doch es sei klar, dass die Werkstoffe zum Teil über die Verbandsmitglieder wieder auf den Markt gelangten.

Tatsächlich scheint das Phänomen Buntmetalldiebstähle bei der Polizei nicht viel auszulösen. Zwar wurde bei der Kriminalpolizei Graubünden eine Koordinationsstelle eingerichtet, die die Strafverfolgung in Sachen Buntmetalldiebstahl optimieren soll. Doch war deren Informationsstelle nicht einmal imstande, auf Nachfrage des Beobachters die Gesamtzahl der angezeigten Kupferdelikte zu eruieren. Dabei täte Information Not. Gemäss Roland Hübner, Chef der Kriminalpolizei Appenzell Innerrhoden, ist bezüglich Vorbeugung vor allem eine «Sensibilisierung der Bevölkerung und der Besitzer von Bunt und Edelmetallen» wichtig.

Für Stephan Thommen, Geschäftsführer eines der drei grössten Schweizer Entsorger, der Thommen AG in Kaiseraugst, ist die Unmittelbarkeit der Diebstahlmeldungen ausschlaggebend. Je schneller die Branche wisse, was gestohlen worden sei, desto kleiner sei die Chance, dass das Diebesgut einen Abnehmer finde. «Uns hat neulich ein Mann Edelstahl im Wert von 12'000 Franken angeboten, der am Abend zuvor in Chur entwendet worden war.» Dank dem verbandsinternen Mailing sei die Sache aufgeflogen. Die Meldungen der Polizei kämen oft Wochen später.

Eine Million Tonnen Schrott fällt in der Schweiz jährlich an. Davon verarbeitet die Thommen AG rund einen Fünftel. Sie nimmt alles, vom Kugelschreiber bis zum Panzer. «Die ganze Gesellschaft ist unser Lieferant», sagt Stephan Thommen. Die Entsorgung ist ein Wachstumsmarkt, ein krisenresistenter obendrein: Abfälle gibt es auch in schlechten Zeiten. «Es gibt keine armen Schrotthändler», so Thommen.

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Die Diebe werden immer dreister
Doch seit der Metallhausse machen ihm viele BranchenNeueinsteiger zu schaffen. Meist sind es Einzelpersonen. Solche Lieferwagenfirmen waren schon immer Teil der Retourlogistik. Doch wegen der steigenden Preise werden auch die öffentlichen Altmetallsammelstellen «immer mehr von Männern belagert, die die eingehenden Waren filtern», erzählt Thommen. «Die einen nehmen das Alu, die anderen das Metall. Uns bleibt nur noch der Abfall», sagt er. Daran sei noch nichts illegal. Aber «der Muldenpreis ist so kalkuliert, dass auch beim offiziellen Sammler noch etwas Brauchbares ankommt», sagt Thommen.

Vom Fleddern öffentlicher Sammelstellen zum Mausen auf Schrott und Bauplätzen ist es nur ein kurzer Weg. Markus Rieder von der Walliser Kantonspolizei geht davon aus, dass die kleinen, nicht gemeldeten Diebstähle die registrierten Taten bei weitem übersteigen. Und die Diebe werden immer dreister. Sie klauen auch Fertig und Halbfabrikate, die sie dann als Schrott anbieten; etwa Drahtrollen oder Dachabdeckungen aus Kupfer. Was auf Baustellen nicht niet und nagelfest ist, wird mitgenommen. Das geht sogar so weit, dass ganze vorgefertigte Einrichtungen verschwinden.

In der Nähe von Kaiseraugst seien kürzlich Küchen angeliefert worden für einen Neubau, erzählt Thommen. Wenig später sei ein Camion vorgefahren. Die Fahrer hätten erklärt, dass die falschen Küchen angeliefert worden seien, und die Ware wieder eingepackt. Natürlich waren es die richtigen Küchen gewesen. Auch für solche Aktionen braucht man nicht viel mehr als einen Lieferwagen - wenn es sein muss, einen gemieteten.

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