Neun Herren treffen sich regelmässig unter dem Vorsitz von SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner. Sie nennen sich Savass, Swiss Association Value Added Services. «Savass-Mitglieder begegnen ihren Kunden und Partnern mit Respekt», heisst es in ihrem Ehrenkodex. Und – offenbar nicht selbstverständlich: «Jedes Mitglied beachtet die gesetzlichen Normen» Überhaupt soll deren Verhalten «vorbildlich» sein und darf das «Ansehen der Savass nicht schädigen». Wer den Kodex einhält, darf sich mit dem Savass-Signet schmücken.

Was nach Rotary-Club klingt, ist ein Branchenverband, in dessen Vorstand sich Verkäufer von Handy-Klingeltönen, Anbieter von Telefonsex sowie die grossen Telekom-Firmen als Mitprofiteure zusammengefunden haben. Der 39-jährige Philippe Gilomen ist einer von ihnen. Als Präsident der Infomedia Group vertritt er eine der grössten Schweizer Anbieterinnen von Sexunterhaltung. Zu ihr gehören das Erotikmagazin «Cherry», diverse Webseiten, auf denen Kontakte vermittelt werden, und der umstrittene Telefonsexdienst. «Ich verkaufe Illusionen», umschreibt Gilomen sein Geschäftsmodell.

Ein desillusionierter Kunde ist Hans Flick (Name geändert). Im Internet war er auf ein Gilomen-Angebot gestossen: heisse Gespräche mit Frauen für 7,5 Rappen pro Minute. «Das fand ich mal einen fairen Preis. Sonst kostet so was ja mehrere Franken.» Flick wählte die Nummer – eine mit gewöhnlicher Vorwahl. Nach einer kurzen Bandansage mit Verweis auf eine Webseite und allgemeine Geschäftsbedingungen wurde er angewiesen, «eine beliebige Taste auf dem Telefon zu drücken». Was Flick nicht wusste: Mit dieser Bestätigung löste er gleich ein Abo für 135 Franken pro Monat.

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Jetzt läuft eine Strafanzeige des Bundes

Die Bandansage hatte darauf nicht hingewiesen. «Das ist auch nicht nötig», findet Anbieter Gilomen. Das Abomodell sei im Inserat und auf der erwähnten Homepage klar umschrieben. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) sieht das anders – es hat die Firma verzeigt. Gilomen kümmert das wenig. «Jetzt gibt es halt wieder Vorladungen und Einvernahmen. Das kenne ich schon. Ich bin sicher, dass unser Angebot in Ordnung ist.»

Tatsächlich hat Gilomen wegen seiner Sextelefon-Angebote bereits in einem Fall eine Busse sowie in einem andern eine bedingte Geldstrafe kassiert. Das schreckt ihn offenbar nicht ab.

Dass er jetzt aufs Ganze gehen will, zeigt sein neues Verhalten gegenüber nicht zahlungswilligen Kunden. Genügte bis anhin ein hartnäckiges Verweigern der Zahlungen, meldet sich seit Januar die Inkasso Organisation AG in Zug, die auch Betreibungen einleitet und dafür fragwürdige Inkassokosten von 100 Franken und 86 Franken für das Betreibungsbegehren verrechnet. «Wir sind doch grosszügig», findet Philippe Gilomen. «Nach der Bandansage warten wir zehn Sekunden, bis das Abo verrechnet wird. Nötig wären nur fünf Sekunden.» So oder so: Der Beobachter rät Kunden, die Rechnungen nicht zu bezahlen und gegen einen allfälligen Zahlungsbefehl Rechtsvorschlag zu erheben. Die Firma muss dann nämlich beweisen, dass überhaupt ein rechtsgültiger Vertrag zustande gekommen ist.

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Philippe Gilomen

Quelle: Website infomedia-group.ch

Präsident Ulrich Giezendanner horcht auf

Obwohl der juristische Grenzgänger Gilomen seit Jahren Kunden verärgert, blieb er in der Savass bislang unangetastet. Das könnte sich ändern: «Verstösst er gegen Gesetze, ist das mit unserem Ehrenkodex natürlich nicht vereinbar», sagt Ulrich Giezendanner. Und den «kulanten Umgang mit Kunden», den der Kodex verlangt, will Giezendanner an der nächsten Vorstandssitzung ebenfalls zum Thema machen.

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