Was sieht Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, wenn sie morgens aus dem Fenster schaut? Und: Liegt das Hotel in New York auch wirklich in «idyllischer Umgebung», wie der Reiseführer vollmundig verspricht? Mit Street View lassen sich Fragen wie diese heute leicht und elegant beantworten: Man geht auf die Website maps.google.ch, tippt die gesuchte Adresse ein, setzt ein oranges Männchen auf den Stadtplan, und schon ists, als stünde, ja, spazierte man mitten auf der Strasse – inklusive 3-D-Rundumsicht. Man mag gegenüber Street View aus datenschützerischer und persönlichkeitsrechtlicher Sicht Vorbehalte haben. Einen Coup hat der Internetgigant Google mit seinem neuen Dienst zweifellos gelandet.

Einer, der darob neidisch werden könnte, ist Tim Wilkins, permanent ideenschwangerer Computeringenieur aus England, heute Partyhotelbetreiber und Lamazüchter in den Flumserbergen. Denn im Jahr 2003 kam er auf die gleiche Idee wie Google – in der IT-Zeitrechnung also eine kleine Ewigkeit vor der Lancierung von Street View im Mai 2007 in den USA. Tim Wilkins befand sich gerade auf einem Spaziergang mit seiner Frau Sue, als der Geistesblitz einschlug. Bald machte er sich daran, die Idee mit den Kamerafahrten in die virtuelle Realität umzusetzen. Zeit genug dafür hatte er – die Firma, die ihn einst aus England in die Schweiz gelockt hatte, hatte ihn nach sieben Jahren «wegrationalisiert», erinnert sich der 60-Jährige.

Er entwickelte ein eigenes Computerprogramm, klebte eine kleine Digitalkamera aufs Dach seines Pick-ups und brach auf, die Strassen in seinem damaligen Wohnort Weiningen ZH zu filmen. Kombiniert mit Kartenausschnitten von Swisstopo, stellte er die Filme unter www.seemyroad.com ins Internet. Überall auf der Welt konnten Interessierte nun virtuell über den Weininger Asphalt surfen. Es folgten weitere Dörfer, und Monate später waren fast alle wichtigen Verkehrswege im Limmattal abgefahren. «Glaub mir, das war ein schönes Stück Arbeit», sagt Wilkins und dreht sich wie zur späten Belohnung eine Zigarette.

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«Nette Idee», sagte die Frau von Google

Auch Google hat für Street View keine Mühen gescheut – und keine Kosten. Im Auftrag des kalifornischen Unternehmens waren monatelang Spezialfahrzeuge mit neun Kameras und drei Lasermessgeräten auf dem Dach unterwegs zwischen Genf und Chur. Im Schnitt machten die Fahrzeuge alle zehn Meter ein Abbild ihrer Umgebung. Anschliessend wurden die Millionen von Einzelbildern zu 360-Grad-Panoramas zusammengepuzzelt. Klar, dass das Ergebnis die Strassenfilme von Tim Wilkins in den Schatten stellt. Wähnt man sich bei Google in einem interaktiven Reality-Game, versprühen Wilkins rudimentäre Dorfdurchfahrten den Charme eines leicht überdrehten Stummfilms – in Farbe, immerhin.

Gleichwohl hätte Tim Wilkins erwartet, dass das Echo auf sein Angebot grösser ausfallen würde. Zwar besuchten im Zenit bis zu 30'000 Nutzer pro Tag seine Homepage. Zu Geld machen liess sich das nicht. Im Gegenteil: Nachdem die Lokalzeitung einen Artikel über Wilkins und sein Seemyroad-Projekt publizierte, strich ihm das Arbeitsamt eine Woche Arbeitslosengeld. «Ich hätte mich um Arbeit bemühen sollen, statt unsinnige Strassenfilme zu drehen.»

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Auch sonst nützte ihm die Publicity nichts. Egal wo Tim Wilkins anklopfte, ob bei anderen Gemeinden, bei Zürich Tourismus oder bei den städtischen Verkehrsbetrieben, überall hiess es: kein Interesse. «Dabei hätten sich doch gerade kleinere Gemeinden damit im Internet super präsentieren können», ist Wilkins noch heute überzeugt. Auch von Google wurde er innert zwei Minuten abgefertigt. «Nice idea», habe die Frau am anderen Ende der Leitung gemeint – «dann hängte sie auf». Ein kleiner Trost: Das mit der «netten Idee» hatte die Google-Mitarbeiterin wohl sogar ehrlich gemeint, wie die spätere Lancierung von Street View vermuten lässt...

Tim Wilkins Groll darob hält sich in Grenzen. «Eine gute Idee allein ist eben noch kein Erfolgsgarant», meint er. Diese Erfahrung hatte er bereits mit einem Pommes-frites-Automaten gemacht, den er vor Jahren aus Kanada importiert und in Flums aufgestellt hatte: «Knackige Fritten für vier Franken.» Bei den Jugendlichen sei der Automat «der Renner» gewesen – die Behörden hatten weniger Freude daran. Heute steht der Automat auf dem Areal von Wilkins Hotel auf 1200 Metern über Meer und harrt der Dinge, die nicht mehr kommen. «Vielleicht hätte ich den Automaten nicht gleich neben der Schule aufstellen sollen», sagt er – und schmunzelt.

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«Wie kann man sich darüber aufregen?»

Ja, schmunzeln, das tut er gern, besonders wenn er über seine Wahlheimat Schweiz spricht. Er schmunzelt über «skurrile Dinge» wie den «Bring-und-nimm-Tag» im Dorf («Nie zuvor gesehen!») oder über den hiesigen Drang zum Siezen («Ich bin Tim, du bist Sven. O. k.?») – er schmunzelt aber auch über die widersprüchliche Haltung der Schweiz beim Thema Privatsphäre. «Wie kann man sich über Street View aufregen, aber gleichzeitig im Internet so etwas wie den Autoindex anbieten, wo jedermann anhand des Nummernschilds innert Sekunden herausfinden kann, wem das Auto gehört und wo der Betreffende wohnt?» In England wäre das undenkbar, meint Wilkins. Und er zeigt auch gleich, weshalb. Er setzt sich an den Computer, zoomt von seinem Wohnzimmer aus mit der Webkamera fünf Kilometer Luftlinie hinab ins Tal und meint ein paar Mausklicks später: «Ah, wie interessant, Familie Müller aus Zürich ist in Flums unterwegs. Mal sehen, wie ihr nun verlassenes Haus aussieht» Jetzt lacht Wilkins herzhaft: «Die Schweiz ist echt ein Paradies – leider nicht nur für nette Leute wie mich.»

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Just Tim Wilkins selbst könnte den «Gangstern», wie er sie nennt, jedoch bald eine weitere, ganz neue Perspektive auf ihr Jagdrevier eröffnen; jene der Vögel. Statt mit dem Auto Strassen abzufahren, träumt er davon, dereinst mit Kameras bestückte Spielzeughelikopter über den Köpfen und Dächern unten im Tal kreisen zu lassen und hochauflösende Bilder von Häusern und Gärten ins Netz zu stellen. «Von hier oben im Wohnzimmer aus», sagt Wilkins, «gesteuert per Computer und GPS.» Den Leuten von Google hat er noch nichts von dieser Idee erzählt. Künftig ab und zu nach oben zu schauen dürfte dennoch nicht schaden. Denn wie meint Tim Wilkins: «Video helicopters – what a nice idea!»