«Geh lieber gleich zu Hieber.» Dem Slogan des neuen Kaufhauses der Edeka-Kette im deutschen Lörrach folgen auch viele Schweizerinnen und Schweizer. Das Gemüse wird attraktiv präsentiert, die Metzger zeigen freundlich das Fleischsortiment, und die Auswahl am Fischstand erinnert an Ferien in Italien. Vor allem aber ist fast alles viel billiger als in der Coop- oder Migros-Filiale zu Hause: Die Gurken kosten einen Drittel weniger, Parmaschinken oder Kopfsalat nur die Hälfte, Schweinsfilet oder Gala-Äpfel vom deutschen Bodenseeufer sind rund 60 Prozent billiger (siehe Nebenartikel «Preisvergleich: Unterschiede bis zu 70 Prozent»).

Folge staatlicher Regulierung

Wie weit sich die Preisschere öffnet, zeigt ein Vergleich des statistischen Amts der EU: Lebensmittel kosteten im Jahr 2001 in der Schweiz im Schnitt 51 Prozent mehr als im europäischen Ausland. Besonders gross sind die Unterschiede bei Brot (plus 40 Prozent), Gemüse (plus 57 Prozent), Fisch (plus 59 Prozent) sowie Ölen und Fetten (plus 67 Prozent). Beinahe astronomisch sind die Differenzen beim Fleisch: In der Schweiz kosten Fleischprodukte fast 90 Prozent mehr als im restlichen Europa.

Mireille Ghirlanda aus Geroldswil ist überzeugt, dass weder höhere Löhne noch höhere Kosten derart gewaltige Unterschiede rechtfertigen. Deshalb kauft sie regelmässig im grenznahen Gebiet ein. Schweizer Fleisch boykottiert sie sogar aus Prinzip: «Ich weigere mich einfach, die übertriebenen Margen der Detaillisten zu unterstützen.»

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Schreiben die Schweizer Detailhändler wirklich viel zu hohe Zahlen auf die Preisschilder? «Es ist klar, dass die starke Stellung von Migros und Coop einen Einfluss auf die Preise hat», sagt Jean Marc Diaz, Marketingdirektor bei Carrefour.

Die französische Detailhandelskette versucht seit kurzem, mit elf Supermärkten in der Schweiz ein Stück vom Lebensmittelkuchen abzuschneiden. Den teilen sich Migros und Coop praktisch untereinander auf. Laut Diaz kommen sie gemeinsam auf einen «komfortablen Marktanteil von fast 70 Prozent».

Wie die Grossverteiler ihre Marktmacht nutzen, untersucht derzeit die Wettbewerbskommission (Weko). Gemäss Patrik Ducrey, Kommunikationschef der Weko, haben die Preisunterschiede allerdings wenig mit der Verkaufspolitik von Migros und Coop zu tun. «Die Preise bei den Landwirtschaftsprodukten sind das Resultat staatlicher Regulierung. Da können wir nicht viel machen.» Die Schweizer sind also selbst schuld an den höheren Preisen für Milch, Fleisch und Gemüse schliesslich legen sie an der Urne die Landwirtschaftspolitik fest, von der die Bauern profitieren.

«Schiefstand der Bilanz»

Eine Studie der Westschweizer Union lémanique des chambres dagriculture zeigt jedoch, dass die Schweizer Bauern nur zur Hälfte für die Preisdifferenz gegenüber Frankreich verantwortlich sind. Die andere Hälfte verursachen Händler, Verarbeiter und Detailhändler. Fazit: «Selbst wenn die Bauern ihre Produkte gratis abgeben würden, wären die Preise in der Schweiz immer noch höher als in Frankreich.»

Schlimmer noch: An Frischprodukten wie Fleisch oder Gemüse verdienen weder Bauern noch Detailhändler in der Schweiz überhaupt etwas. Das zumindest beteuern die Vertreter der Agrarplattform. In diesem Diskussionsforum haben sich Produzenten, Händler und Grossverteiler nach den Bauernprotesten im letzten Frühling zusammengefunden, um gegenseitig die Kalkulationen offen zu legen.

Die Ergebnisse, die am 28. April veröffentlicht werden, dürften für einiges Aufsehen sorgen. Migros und Coop, aber auch Manor oder Carrefour verkaufen Frischprodukte nämlich zu nicht kostendeckenden Tiefpreisen, um Kundinnen und Kunden in die Geschäfte zu locken. Gewinne erzielen sie mit anderen Produkten.

Die Folge dieser Dumpingpolitik: Die Grossverteiler drücken immer mehr die Einstandspreise, und die Bauern erhalten immer weniger für ihre Produkte. «Eine Mehrzahl der Produktionsbetriebe zeigt heute einen gefährlichen Schiefstand der Bilanz», bestätigt Markus Wyser, Projektleiter der Agrarplattform. Gemäss einer Berechnung des Bauernverbands müssten die Ladenpreise für Fleisch noch einmal 30 Prozent höher sein, um den Bauern einen kostendeckenden Ertrag zu sichern. Dem Staat und den Konsumenten blieben laut Wyser künftig nur zwei Alternativen: entweder die Einkommenslücken der Bauern zu schliessen oder sich an den Geschmack von Importmilch zu gewöhnen, weil es die Schweizer Landwirtschaft bald nicht mehr geben werde.

Warum aber liegen die Preise im Ausland so gewaltig viel tiefer als in der Schweiz? «Die Landwirte in der EU haben deutlich tiefere Produktionskosten. Aber es besteht auch der Verdacht, dass sie noch ruinösere Abnahmebedingungen haben», sagt Wyser. «Preise auf EU-Niveau sind darum keine Perspektive.»

Klar ist: Die Schweizer Landwirte können wegen der strengen Auflagen nicht zu denselben Preisen produzieren wie die Grossbauern in der EU mit ihrer industriellen Fleisch- oder Getreideproduktion. Dessen scheinen sich auch die Konsumenten bewusst zu sein. Laut einer Studie von Coop sind die Lebensmitteleinkäufe im benachbarten Ausland zwischen 1997 und 2001 von 1,6 Milliarden auf 1,4 Milliarden Franken zurückgegangen (siehe Nebenartikel «Auslandseinkäufe: Fleisch und Körperpflege»).

Die Autoren der Studie nennen dafür zwei Gründe: Zum einen verliessen sich die Schweizer Kunden wegen der Schlagzeilen über Antibiotika- und Hormonskandale im Ausland wieder eher auf die heimische Produktion; zum anderen hätten sich die Preisdifferenzen bei einigen Produktkategorien reduziert etwa bei Milchprodukten, Weinen und Schnäpsen.

Zu lange Verarbeitungsketten

Nichtsdestotrotz sind die grenznahen Supermärkte in Konstanz, Bregenz, Mülhausen oder Como ernst zu nehmende Rivalen: Hinter der Bon-appétit-Gruppe (Pick Pay, Primo/Vis-à-vis, Lekkerland) sind sie die grössten Lebensmittelkonkurrenten von Migros und Coop noch vor Denner, Manor oder Carrefour.

Die besten Geschäfte lassen sich im Schweizer Markt mit verarbeiteten Produkten machen: Salami, gefrorenen panierten Schnitzeln, vorgekochter Rösti oder probiotischen Joghurts. Hier sind die Margen der Hersteller überdurchschnittlich hoch, und die Verarbeiter und Detailhändler streichen einen immer grösseren Anteil des Konsumentenfrankens ein. «Je mehr Stationen ein Produkt durchläuft, desto teurer wird es», sagt Carrefour-Marketingdirektor Jean Marc Diaz. «Und in der Schweiz verdienen sehr viele Stufen mit.»

Allerdings sind auch viele Artikel in den Schweizer Ablegern von Carrefour deutlich teurer als in den französischen Läden, was mit den höheren Kosten für Miete und Immobilien sowie Dienstleistungen wie Transport oder Versicherungen (siehe Nebenartikel «Hochpreisland Schweiz: Teure Dienstleistungen») zu tun hat. Insgesamt liegen die Kosten des Detailhandels in der Schweiz rund 20 Prozent über dem Niveau in vergleichbaren Ländern, wie eine Studie der BAK-Konjunkturforschung Basel zeigt.

Kaufkraft treibt Preise hoch

Entgegen der verbreiteten Meinung sind die Saläre des Verkaufspersonals aber nicht schuld an den hohen Preisen. Wegen höherer Lohnnebenkosten sind die Arbeitskosten in Österreich, Deutschland oder Italien sogar höher als in der Schweiz.

Preistreibend ist hingegen die hohe Schweizer Kaufkraft. Ausländische Hersteller und Importeure verlangen von Schweizer Konsumenten mehr, weil bei ihnen mehr zu holen ist. «Mit Preis- und Liefervorschriften vom Importeur bis zum Detailhändler werden die Preise künstlich hoch gehalten», kritisiert Jacqueline Bachmann von der Stiftung für Konsumentenschutz. Überhöhte Preise werden durchgesetzt, indem den Läden bei der Preisbildung kein Spielraum gelassen wird:

Entweder verkaufen sie zu den von den Lieferanten vorgegebenen Preisen, oder sie werden künftig nicht mehr beliefert.

So zahlt der Schweizer Detailhandel für Non-Food-Produkte zwischen 30 und 60 Prozent mehr an Importeure und Hersteller als die ausländische Konkurrenz mit dem Effekt, dass die gleichen Markenprodukte auch im Verkauf deutlich mehr kosten. Weil auch bei Kleidern, Autos, Digitalkameras oder Sofas die Preisunterschiede beträchtlich sind, geben die Schweizer im Ausland für Non-Food-Artikel noch mehr aus als für Lebensmittel rund sechs bis sieben Milliarden Franken.

Die Tricks, mit denen Hersteller und Importeure die Schweizer Preise verteuern, sind raffiniert:

Preisdifferenzierung: Die Firma Esprit vertreibt dieselben Kleidungsstücke in der Schweiz rund 30 Prozent teurer als im Euro-Gebiet. Eine beige Damenhose etwa kostet in Zürich Fr. 135.90, der Euro-Preis auf der Etikette beträgt 69.95 umgerechnet rund 103 Franken. Esprit überklebt die Euro-Preise auf den Etiketten.


Preisvorgaben: Der deutsche Beiersdorf-Konzern schrieb Denner die Preise für seine Nivea-Produkte vor. Denner legte dagegen eine Klage bei der Weko ein. Diese intervenierte und einigte sich mit Beiersdorf darauf, dass Denner die Preise künftig selber festlegen darf. Einige andere Schweizer Geschäfte scheinen sich aber immer noch an die Vorgaben von Beiersdorf zu halten.


Lieferboykott: Gewisse Internetshops von Herstellern im Ausland beliefern keine Kunden in der Schweiz, um so höhere Schweizer Preise durchzusetzen. Die Weko hat einen deutschen Elektronikartikelhändler dazu gebracht, diese wettbewerbsbehindernde Praxis aufzugeben.


Verhinderung von Parallelimporten: Citroën untersagte ihren Vertragspartnern in der Schweiz, Autos bei Citroën-Händlern im Ausland günstiger einzukaufen. Die Weko untersuchte den Fall und konnte sich mit Citroën darauf einigen, dass die Firma diese Klauseln aus den Verträgen nimmt. Die Weko will mit Änderungen im Kartell- und Patentrecht solche Parallelimporte künftig erleichtern.


Verhinderung von Preisvergleichen: Unterschiedliche Produktbezeichnungen und Packungsgrössen oder leicht modifizierte Inhalte für die Schweiz sind ein weiterer Trick, um die Preise hoch zu halten. «Wenn wir solchen Praktiken auf die Schliche kommen, werden wir aktiv, denn gewisse Firmen versuchen so, das Verbot von Preisabreden zu unterlaufen», sagt Weko-Kommunikationschef Patrik Ducrey.

Im Rahmen der Revision des Kartellrechts soll die Weko nun schärfere Instrumente gegen die Wettbewerbsverhinderer erhalten. So werden die Wettbewerbshüter künftig ohne lange Verfahren zünftige Bussen gegen Preisabsprecher verhängen können (siehe «Den Schweizern mangelt es an Preisbewusstsein», Seite 22). Das neue Kartellgesetz tritt voraussichtlich Anfang 2004 in Kraft.

Wo die Preise aber in einem staatlichen Paragraphendickicht wuchern, kann die Weko nicht viel unternehmen. Das ist nicht nur bei Lebensmitteln, sondern auch bei den Medikamenten der Fall: Auch hier ist die Schweiz im Vergleich zu den umliegenden Ländern am teuersten.

In Deutschland kosten Medikamente 8,5 Prozent weniger, in Frankreich sogar 28 Prozent. Ein Grund dafür ist der starke Einfluss der Pharmabranche auf Politik und Verwaltung. «Es kann vermutet werden, dass die staatlichen Behörden in Ländern, in welchen der Pharmasektor weniger bedeutend ist, griffigere Anstrengungen zur Senkung der Preise unternehmen», steht in einer aktuellen Studie des Bundes. Wen wundert es da, dass eine Tube Voltaren von Novartis oder auch Echinaforce-Resistenztropfen von der Schweizer Firma Vogel in der «Löwen»-Apotheke im deutschen Lörrach deutlich billiger sind als in der Schweiz?

Einkaufstourismus blüht

Viele lassen sich solche Preisunterschiede einfach nicht mehr bieten. Sabine und Stefan Haselbach aus Reinach zum Beispiel fahren alle zwei Wochen einmal nach Lörrach zum Einkauf. Pampers-Windeln oder Hipp-Babynahrung, die ihr Budget ziemlich strapazieren, seit im letzten August

ihre Zwillinge Dominic und Jan zur Welt kamen, kosten jenseits der nahen Grenze rund 40 Prozent weniger. Auch Kindersitze fürs Auto, Möbel oder Spielsachen sind viel billiger. «Und beim Kauf des Hochzeitskleids habe ich gut 1000 Franken gespart», sagt Sabine Haselbach.

Mitarbeit: Stephan Dietrich

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