Frage: Bei der Hausarbeit sehe ich mir manchmal Talk-Shows an und frage mich, was die Leute dazu bringt, intimste Dinge am Fernsehen auszuplaudern. Auch bei exhibitionistischen Sendungen wie «Big Brother» frage ich mich, was das Ganze soll. Sind wir zu Voyeuristen geworden – und verblöden wir allmählich?

Oberflächlich betrachtet könnte man argumentieren, dass das Fernsehen heute eine so wichtige Rolle in der Freizeitgestaltung spielt, dass allein die Tatsache, selber im Fernsehen auftreten zu können, für viele faszinierend ist. Und da man kein Spitzensportler, Film- oder Popstar ist, erzählt man eben das, was auch noch gefragt ist: berührende Momente aus dem eigenen Leben.

Ich bin allerdings überzeugt davon, dass eine noch viel tiefere Motivation dahinter steht, wenn Menschen vor laufender Kamera über Schicksalsschläge und schmerzhafte Erlebnisse erzählen: Wir alle haben Sehnsucht nach Verständnis; wer Schweres erlebt hat, noch viel mehr. Wer am Bildschirm davon reden darf, hofft, dass er vom Moderator und den Zuschauern verstanden wird. Das bringt Erleichterung: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

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Es gibt allerdings Talk-Master, die ihre Gäste auf lieblose Art zu Selbstoffenbarungen provozieren, für die sich die Betroffenen nach der Sendung schämen. Wer zu einer Talk-Show eingeladen wird, tut also gut daran, sich vorher genau zu überlegen, wie offen er sein will.

Das Schicksal anderer berührt uns
Den Zuschauerinnen und Zuschauern würde ich nicht puren Voyeurismus unterstellen, sondern durchaus auch echtes Interesse an andern Menschen zubilligen. Sehr oft werden sie nämlich von Themen angesprochen, die auch ihnen zu schaffen machen. Viele sind erleichtert, dass sie nicht allein sind, und fassen vielleicht Mut, sich professionelle Hilfe zu holen.

Die Wörter Exhibitionismus und Voyeurismus bezeichnen in der Psychopathologie – der Lehre von den psychischen Krankheiten – eine auffallende Abweichung im Liebesleben. Exhibitionisten können nur sexuelle Lust erleben, wenn sie sich schamlos entblössen, Voyeuristen nur, wenn sie Nacktheit oder erotische Szenen sehen. Es handelt sich also um eine extreme Einengung der Erlebnismöglichkeiten, die für die Betroffenen meist schwierig und quälend ist. Eine Prise von beidem gehört natürlich zu jedem normalen Sexualleben. Die Begriffe lassen sich also nur in einer sehr erweiterten Bedeutung auf Fernsehstars und Zuschauer anwenden.

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Fernsehsendungen wie «Robinson» und «Big Brother» haben auch die Aufmerksamkeit von Medienfachleuten erregt. Es ist in der Tat überraschend, welch grosse Anziehungskraft das so genannte Reality-TV auf das Publikum hat. Es gibt mittlerweile sogar Sendungen über die Sendungen, Zeitungsartikel – und manche Talk-Teilnehmer werden selbst zu Musik- und Showstars.

Reality-TV kompensiert Defizite
Ein Grund für das grosse Interesse am doch eher langweiligen Alltag der Teilnehmer könnte die grosse Einsamkeit in der modernen Gesellschaft sein. Von Natur aus sind die Menschen sozial. Eigentlich – das sagen zumindest die Buddhisten – sind wir alle miteinander verbunden und uns ziemlich ähnlich.

Allerdings produzieren wir dauernd Getrenntheit. Wir glauben, dass wir uns von den andern unterscheiden, uns profilieren müssen. Wir denken, wir müssten besser sein als die andern. Wir identifizieren uns mit Werten wie Partnerschaft, Familie, Nation, Altersgeneration – und vergessen dabei oft, dass wir einfach Menschen sind.

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Die Folge: Wir leiden unbewusst an unserem Alleinsein. Deshalb ziehen uns die Schicksale und Alltagserlebnisse anderer Menschen an. Deshalb entspricht Reality-TV einem tiefen Bedürfnis – und deshalb machen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei «Robinson» oder «Big Brother» mit: Sie möchten gesehen, verstanden und geliebt werden.

Ich bin mir sicher, dass wir alle emotionale Defizite haben. Unsere Eltern hatten zu wenig Zeit oder waren zu sehr in ihre Probleme verstrickt, um wirklich zu erkennen, wer wir sind. In der Schule war nur unsere Leistung interessant. Und wenn wir krank werden, interessiert sich der Arzt oft nur für die Krankheit und nicht für uns.

Die Faszination von «Robinson» und «Big Brother» könnte darin bestehen, dass hier soziales Lernen stattfindet, an dem auch die Zuschauerinnen und Zuschauer teilnehmen können. Es laufen gruppendynamische Prozesse ab. Es geht um Machtkämpfe und Konflikte, Versöhnung und Abgrenzung, um das Ausdrücken von Gefühlen, um Nähe und Distanz. Deshalb steht den «Robinsons» übrigens auch ein Fachpsychologe zur Verfügung.

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Man könnte am Beispiel dieser TV-Sendungen durchaus negative Elemente aufzeigen. Ich bin aber optimistisch und sehe in ihrem Erfolg ein Zeichen für das wachsende Interesse für Persönlichkeitsentfaltung und Verbesserung der sozialen Fähigkeiten. Wir brauchen beides, um entspannter leben zu können und mehr Lebensqualität und Wohlbefinden zu erreichen.