Es war im August vor vier Jahren, als meine Freundin Ligia und ich mit zwei Acht-Kilo-Rucksäcken vor dem Bahnschalter standen. Zuvor hatten wir unsere Wohnung gekündigt, die Möbel verkauft und unser Leben in Kartons gepackt. Der Plan war klar: von hier bis in die Heimat meiner Freundin reisen, São Paolo. Wir hatten ein Jahr Zeit und genug Geld gespart, um uns alle paar Wochen eine Unterkunft mit weissen Frottiertüchern statt ein Hostel leisten zu können. Von Europa aus wollten wir durch den Nahen Osten, Russland, die Mongolei und China nach Südostasien, Australien und zum Schluss durch Zentral- und Südamerika reisen.

Wir hatten unsere Jobs als Musikproduzent und Logodesignerin an den Nagel gehängt, um in der Welt nach einem Ort zu suchen, wo die Leute morgens nicht mit mürrischem Gesicht im Tram stehen. Ein Ort, wo die Leute ihr Leben nicht vernachlässigen, weil sie glauben, noch mehr erreichen zu müssen.

Europa ist der Kontinent, wo man viel muss. Und wenn man nicht viel muss oder will oder kann, hat man ein schlechtes ­Gewissen. Es war wohl die typische Sinn­suche, die mich motivierte, in die Welt aufzubrechen. Die Überzeugung, dass alles schlechter wäre, als es gar nicht erst versucht zu haben.

Ohne Flugzeug um die Welt

Ziel war, die gesamte Reise zu meistern, ohne ein Flugzeug zu betreten. Ich mag Fliegen nicht. Man steigt in Kloten ein und kommt nach wenigen Stunden irgendwo an, wo die Menschen plötzlich eine andere Hautfarbe haben und das Essen anders schmeckt. Dabei sind es doch gerade die Situationen dazwischen, in denen gross­artige Geschichten entstehen, an die man sich sein Leben lang erinnern wird.

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Wie etwa auf der Überfahrt von Celebes nach Ternate. Das Schiff war noch nicht aus dem indonesischen Hafen ausgelaufen, schon wurde uns die Kamera geklaut. Viel schlimmer noch: mit ihr unsere Acht-Gigabyte-Chipkarte, auf denen Bilder von vier Reisemonaten waren. In meiner Verzweiflung rannte ich zum Mann am Mikrofon und bat ihn, über die Lautsprecher einen Finderlohn zu bieten. Niemand meldete sich. Die folgenden Stunden rannte ich mit einem Zettel, auf dem in indonesischer Sprache «Suche meine Kamera, biete eine Million Rupiah» stand, durch die Schlafsäle und hoffte, die Kamera wiederzufinden. Vergebens.

«Ich hätte die Welt haben können und kam doch wieder hierher zurück»: Adrian Vonwiler, 58, Musikproduzent. (Foto: Basile Bornand)

Quelle: Ligia Fonseca
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Unterdessen waren wir sicher, dass der Dieb nicht an Bord geblieben war. Wir mussten also zurück in das Dorf, wo das Schiff abgelegt hatte. Dort schrieben wir ein Plakat, auf dem wir 160 Franken Finderlohn für unsere Kamera boten, und verteilten 100 Kopien in der Gegend. Dutzende Menschen riefen uns an, bis endlich der Dieb am Telefon war. Er beteuerte, dass er ein guter Mensch sei, die Kamera auf einem Markt gekauft, sie nicht geklaut habe. Schliesslich fuhren wir nachts um drei mit einem Taxi in ein benachbartes Dorf, um dort in einer dunklen Gasse unsere Kamera zurückzukaufen.

Nur Reisen reichte nicht mehr

Es gibt zwei Arten von Reisenden: die, die möglichst viele Sehenswürdigkeiten abklappern, und jene, die solche Orte meiden wollen. Wir versuchten, touristische Trampelpfade zu umgehen, und machten uns auf die Suche nach dem realen Leben.

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Trotzdem sah nach einer gewissen Zeit alles gleich aus. Der Regenwald in Costa Rica ist so schön wie jener in Nicaragua oder auf Madagaskar. Ein Strassendorf in Usbekistan ist mit einem in Peru oder Mexiko vergleichbar. Egal, ob wir in Brasilien, Indonesien oder China durch die Stras­sen gingen, überall gab es Internetcafés voller Jugendlicher, die ihre Facebook-Accounts checkten und mit den Handys spielten.

Die Wahrheit ist: Egal, ob man Sehenswürdigkeiten anschaut oder versucht, sich in den Alltag vor Ort zu integrieren – beides wird irgendwann stumpfsinnig. Einfach nur reisen, immer nur konsumieren reichte uns nicht. Wir mussten das, was wir sahen, verarbeiten. Und so begann ich, meinen Freunden ellenlange Reisegeschichten zu schreiben. Ich steckte meine ganze Energie in diese Nachrichten. Ligia wiederum konnte nicht aufhören zu fotografieren. Mittlerweile ist aus den vielen Texten und über 12'000 Bildern ein Buch entstanden, «Superman im Vogelkäfig».

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Nach zweieinhalb Jahren landeten wir an einem regnerischen Novembertag in Kloten. Ich freute mich auf Käse und Salami. Ich hätte die Welt haben können und kam doch wieder hierher zurück. Denn in der Ferne begriff ich etwas, dessen ich mir hier nie so bewusst gewesen war: Ich bin mit Leib und Seele Europäer.

Die Reise hat mein Leben nicht so verändert, wie ich es erwartet hatte. Und doch war ich nach der Rückkehr nicht mehr derselbe: Heute lächle ich im Tram.